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LVR-Landesmuseum in Bonn: Das Fremde so nah und so bunt

LVR-Landesmuseum in Bonn : Das Fremde so nah und so bunt

Der Begriff Globalisierung war noch längst nicht erfunden, da machte der jüdische Philanthrop, Bankier und Mäzen Albert Kahn auf einer Weltreise eine für ihn erschütternde Entdeckung: Er beobachtete, wie sich Kulturen und Lebensweisen rund um den Globus einander anpassten.

Gewiss auch die Folge des Kolonialismus und einer hemmungslosen Ausbeutung von Land, Leuten und Kulturen. 1908 und 1909 war Kahn mit seinem Chauffeur Alfred Duterte unterwegs. Der Chauffeur wurde zum Fotografen und damit zum Initiator von Kahns riesigem enzyklopädischen Projekt "Les Archives de la planète", das es auf sagenhafte 72.000 farbige Diapositive, Autochromplatten genannt, brachte.

Kahn installierte ein Netzwerk von Stipendiaten und Berichterstattern, die ihre Beobachtungen in Debattierclubs wie "Le Cercle Autour du Monde" einem erlesenen Kreis - vom japanischen Thronfolgerpaar über Albert Einstein bis Gustav Stresemann - präsentierten. Die Bilder aus den "Archives de la planète" illustrierten die Vorträge.

Kahns Hintergrund war eine Mission zur Völkerverständigung und Friedenssicherung - ein geradezu exotisches Unterfangen in Zeiten kollektiven Säbelrasselns am Vorabend zum Ersten Weltkrieg. Dass Kahn mit dem Impuls, den Zauber der Welt in seiner ganzen Frische und Ausdruckskraft festzuhalten - was dank der revolutionären Erfindung der Farbfotografie möglich wurde - nicht allein stand, dokumentiert eine großartige Ausstellung im Bonner LVR-Landesmuseum.

"1914 - Welt in Farbe", so der Titel der Schau, zeichnet ein faszinierendes und zugleich bestürzendes Bild jener Epochenwende. Faszinierend, weil hier meist mit großer Empathie gewissermaßen die Unschuld von Landschaften, Kulturen und Menschen zelebriert wird; bestürzend, weil man sich klarmachen muss, dass der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 vieles vernichtete, was die Fotografen in den Kolonien und in Städten der Welt, in entlegenen und nahen Landstrichen dokumentiert hatten.

"1914 - Welt in Farbe" ist eine geradezu naive Bestandsaufnahme und zugleich ein Requiem auf das Verlorene. Die vertraute Farbe macht das Erlebnis intensiver. Die klassischen Posen der Menschen und die zutiefst europäischen, souvenirartigen Perspektiven der Fotografen auf Bauten und Idyllen in Albanien und Indien, Algerien und Ägypten lassen das Fremde vertraut erscheinen.

Im Entree der Ausstellung empfängt eine Weltkarte mit den Grenzen von 1914 den Besucher. Kleine Fähnchen zeigen, wo vor dem Jahr der Urkatastrophe des Jahrhunderts dokumentierende Fotografen unterwegs waren. Fast überall. Zar Nikolaus II. etwa schickte Sergei M. Prokudin-Gorskii aus, um Völker, Bauten und Landschaften seines Reiches zu porträtieren.

Rund 2500 farbige Bilder entstanden, die der Fotograf der Zarenfamilie mit einem von dem Berliner Professor für Fotochemie Adolf Miethe entwickelten Projektor vorführte. Auf Miethe geht auch ein Verfahren zurück, das die tonwertrichtige Wiedergabe von Farben ermöglichte. Miethes Technik und Prokudin-Gorskiis Bilder sind in der Schau ebenso zu sehen wie der Marketinggag der berühmten Brüder Lumière.

Die hatten einen neuen Farbfilm entwickelt, diesen 1907 an die größten Kunstfotografen der Welt geschickt. Edward Steichen und Alfred Stieglitz, Heinrich Kühn und sogar George Bernard Shaw ließen sich nicht lange bitten, fotografierten mit dem neuen Film und schickten die Bilder ein. Das entstandene Bilder-Buch "Colour Photography" mit seinen wunderbar malerischen Porträts und Impressionen von 1908 liegt in der Ausstellung zum Durchblättern aus.

Ebenso wie das Sammelbildchenbuch "Aus deutschen Gauen" (1904), dessen kleine Fotos Stollwerck-Schokoladentafeln beilagen. Während sich diese Sammlungen von Landschafts- und Architekturimpressionen ans breite Volk richteten, galt ein Werk wie das aufwendig gedruckte "Die Welt in Farben" (1907) einem elitären Publikum. Der Käufer musste einen Durchschnittsmonatslohn dafür hinlegen. Und es gab wenige Jahre später auch Werke wie "Das schönste Buch über den Krieg" mit 240 Fotos.

Die Ausstellung des Landesmuseums verschweigt also nicht, was nach dem Sommer 1914 geschah, als die Afrikaner, die man gerade noch in bunter Tracht sah, nun als feldgraues Kanonenfutter für ihre Kolonialherren in Europa kämpfen mussten, als Deutsche oder Engländer, die sich gerade noch an der Vielfalt der Welt ergötzt hatten, diese nun mit Minen und Mörsern in Schutt und Asche legten.

Kahns Utopie, nach der Kulturen, die einander kennen, schätzen und respektieren, keine Kriege gegeneinander führen, erwies sich als pure Illusion. Seine Fotografen, die den Zauber der Welt eingefangen hatten, wurden bei Kriegsbeginn eingezogen, um die glorreichen Taten der Armee zu dokumentieren.

Info: LVR-Landesmuseum Bonn, Colmantstraße 14-16; bis 23. März 2014. Katalog (Hatje Cantz) 19,80 Euro. Die Bonner Schau ist der Auftakt zur NRW-weiten Reihe "1914 - Mitten in Europa". Bis Mittwoch läuft im Landesmuseum der Kongress "Aggression und Avantgarde". Info: www.rheinland1914.lvr.de