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Corona in Italien: Virus stellt Europäische Union auf die Probe

Tote und Infektionen in Italien : Coronavirus stellt Europäische Union auf die Probe

Aus Italien sind inzwischen mehr als 200 Infektionen mit dem Coronavirus gemeldet worden. Auch die Zahl der Toten steigt. Die Freizügigkeit in der Europäischen Union wird damit auf die Probe gestellt.

Über Casalpusterlengo scheint eine grelle Februar-Sonne. Es ist Montagmorgen, normalerweise sind die Landstraßen in der südlichen Lombardei zu dieser Zeit stark befahren. Die Region ist Italiens Wirtschaftsmotor, 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden hier erwirtschaftet. Seit Sonntag herrscht Stille. An der Ortseinfahrt stehen zwei Polizisten und halten jedes Fahrzeug an. Ein Lastwagenfahrer reicht Dokumente aus dem Fenster, ein Polizist kontrolliert. Dann darf der Wagen weiter.

Auf einer Verkehrsinsel haben sich Kamerateams aufgestellt. Die Reporterin eines spanischen Senders hat sich für ihren Bericht einen Mundschutz und blaue Plastikhandschuhe übergestreift, auch wenn die Verkehrsinsel am Ortseingang ein eher sicherer Ort zu sein scheint. Italien schwankt zwischen Alarm und Alarmismus, das Coronavirus hat die Öffentlichkeit im Griff.

Drastische Maßnahmen werden als sinnvoll hingenommen

Casalpusterlengo zählt zu den zehn Gemeinden in der Lombardei, die Italiens Regierung wegen der Sars-CoV-2-Infektion seit Sonntag per Notfalldekret von der Außenwelt isoliert hat. 50 000 Menschen sind betroffen, Protest gegen die drastischen Maßnahmen regt sich nicht, sie werden als notwendig und sinnvoll hingenommen. Eines der Coronavirus-Todesopfer starb im Nachbarort. Bei allen Opfern handelte es sich um alte Menschen mit Vorerkrankungen. Die Behörden vermuten einen der beiden Infektionsherde im benachbarten Codogno.

Italien ist nach China und Südkorea weltweit das Land mit den meisten festgestellten Infektionen. Deutlich mehr als 200 waren es am Montag, die meisten in der Lombardei und Dutzende in Venetien. Zweistellige Zahlen kamen auch aus der Emilia-Romagna. Am Donnerstag waren gerade einmal fünf Fälle gezählt worden. Die steigenden Zahlen haben einen inoffiziellen Ausnahmezustand ausgelöst.

Zwei Fragen stellen sich: Ist die Verbreitung des Virus trotz der intensiven Quarantänemaßnahmen aufzuhalten? Auch die Gemeinde Vo Euganeo bei Padua, wo ein zweiter Ansteckungsherd festgestellt wurde, ist abgeriegelt. Ansteckungen wurden auch aus dem Trentino und dem Piemont gemeldet. Die zweite Frage: Müssen sich auch andere Gegenden Europas auf Zustände wie in Casalpusterlengo einstellen?

Die Freizügigkeit im Schengen-Raum ist eine der größten Errungenschaften der EU. Einschränkungen und Ausgangssperren wie im chinesischen Wuhan sind hierzulande kaum denkbar. Und doch erinnert Norditalien mancherorts an chinesische Verhältnisse. Die EU, die mit der Flüchtlingskrise 2015 zuletzt an ihre Grenzen stieß, wird auf eine neue Belastungsprobe gestellt.

Rosella Franchi lebt am Ortsrand von Casalpusterlengo. Normalerweise ist es hier eher ruhig, aber seit Sonntag ist es noch einmal stiller geworden, erzählt die 69-Jährige am Telefon. „Wir sind isoliert“, sagt Franchi, niemand werde aus der abgesperrten Zone herausgelassen, die Regionalbahn, die täglich Tausende nach Mailand oder in die Umgebung bringt, wurde eingestellt.

Foto: grafik

Die zwei Bäckereien sind geöffnet, auch die beiden Supermärkte. Vor dem Famila-Großmarkt, der sieben Fußminuten von Franchis Wohnung entfernt liegt, bilden sich seit Sonntag Warteschlangen. Die Carabinieri lassen nur wenige Kunden hinein. Sie befürchten einen unkontrollierten Ansturm. Zwei Stunden stand Franchi deshalb in der Schlange. Drinnen leere Regale. „Obst, Gemüse und Fleisch gab es nicht mehr“, sagt sie. Wenn Rosella Franchi Bekannte auf der Straße trifft, wird Abstand gehalten. Ein Gruß, zwei Sätze, kein Handschlag und schon gar kein Küsschen. „China und der Infektionsherd schienen so weit weg und jetzt sind wir mittendrin“, stellt sie entmutigt fest.

Die italienische Regierung hat Maßnahmen wie in Casalpusterlengo ergriffen, um den Infektionsherd einzudämmen und zu verhindern, dass das Virus sich weiter ausbreitet. Epidemologe Pier Luigi Lopalco von der Universität Pisa hat Bedenken. „Möglicherweise wandert das Virus hier bereits seit Mitte Januar herum“, sagt er in einem Interview mit „La Repubblica“. Der plötzliche Anstieg der Infektionszahlen sei eher auf die vielen Tests zurückzuführen, die nun durchgeführt werden. Man weiß: Mehr als 80 Prozent der Infizierten weisen keine oder nur ganz leichte Symptome wie Schnupfen oder Husten auf. „Wenn sie in Deutschland Tests machen würden, kämen dort wahrscheinlich auch Fälle zum Vorschein“, zitiert „La Repubblica“ Lopalco.

Wer könnte das Virus eingeschleppt haben?

Italien rätselt, wer das Virus aus China eingeschleppt haben könnte. Anhand seiner Kontakte wäre die Infektionskette möglicherweise nachvollziehbar und die Ansteckungen einzudämmen. Vielleicht wusste „Patient Null“ gar nichts von seiner Ansteckung und hat das Virus längst weiter verbreitet? Italiens Nachbarländer sind alarmiert. Am Sonntagabend wurde am Brenner der Eurocity Venedig-München gestoppt, weil zwei Frauen mit Husten und Fieber im Zug reisten. Übertriebene Panikmache oder berechtigte Sorge? Erst um Mitternacht durfte der Zug weiter fahren, Fehlalarm. Das sonst so lebendige Mailand liegt etwa 60 Kilometer nördlich der abgesperrten Zone und wird Tag für Tag mehr zur Geisterstadt. Es ist  so, als füge sich Norditalien in ein unausweichliches Schicksal.