Hillary Clinton will ins weiße Haus: Auf der Marathon-Strecke

Hillary Clinton will ins weiße Haus : Auf der Marathon-Strecke

In die Wiege gelegt ist ihr die spätere Ausnahme-Karriere nicht. Hillary Diane Rodham Clinton wird am 26. Oktober 1947 als Tochter eines mittelprächtig erfolgreichen Stofffabrikanten aus dem Chicagoer Vorort Park Ridge geboren. Sie wächst auf in den stürmischen 60er Jahren, als Vietnam und das Ringen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung um Gerechtigkeit Amerika in tiefe Konflikte stürzen.

Am Wellesley College, einer exklusiven Ostküsten-Kaderschmiede für junge Frauen, erlebt die Jurastudentin mit der großen Brille ihre Erweckung. Die "Jungen Republikaner" machen sie zur Präsidentin ihres Uni-Klubs. Später, an der Elite-Universität Yale, läuft ihr das Schicksal in Gestalt eines vollbärtigen Kerls über den Weg, der wie ein Wikinger aussieht und politisch anders tickt: William Jefferson Clinton. Kurz: Bill. Ein "ununterbrochener Dialog der Ideen und Hoffnungen beginnt", wie ihr Biograf Carl Bernstein später schreiben wird. Und eine Liebe, deren Achterbahn-Tempo vielen schon beim Zusehen den Atem raubt.

Geheiratet wird 1975. Für Bill stellt Hillary ihre eigenen Ambitionen zurück. Sie folgt ihm ins hinterwäldlerische Arkansas. Dort wird der Menschenfänger drei Jahre später in Little Rock zum Gouverneur gewählt. Grundstein für eine glänzende Karriere. Im Januar 1993 fährt der Möbelwagen der Clintons vor dem Weißen Haus vor. Mit dabei: Tochter Chelsea, damals ein blasser Teenager mit Zahnspange. Heute stolze Mutter von Clintons Enkelin Charlotte.

Mit 45 Jahren, einer Anwaltslizenz, einer Jura-Professur und einem Füllhorn voller Ideen ist Hillary Clinton eine First Lady, an die sich Amerika nach der betulichen, alten Rollenmustern verpflichteten Ära George H. W./Barbara Bush nicht sofort gewöhnen kann. Anstatt Plätzchen zu backen und Tee zu trinken, stürzt sie sich (gleichberechtigt) in die Arbeit. Im Weißen Haus wird ein Arbeitsstab von 20 Leuten für sie eingerichtet, "Hillaryland" genannt. Kinderschutz, Frauenrechte und Gesundheit werden ihre Themen. Konservative Kommentatoren fragen, wer da eigentlich die Richtlinien der Politik bestimmt.

Schon damals spürt man: Hillary hat nicht den politischen Raubtier-Instinkt und die beneidenswerte Leichtigkeit ihres Mannes. Aber sie ist entschieden organisierter, zielstrebiger und härter. Im Austeilen wie im Nehmen.

1998 stürzt der für Schwerenot und Schürzenjagd schon vorher bekannt gewordene männliche Teil des Power-Paares seine bessere Hälfte fast ins Verderben. Die weltweit ausgeleuchtete Affäre um Monica Lewinsky wird Regierungsangelegenheit. "Es war die verheerendste, schockierendste und schmerzlichste Erfahrung meines Lebens", schreibt Hillary Clinton in ihrer Biografie. "Als Ehefrau wollte ich Bill den Hals umdrehen. Doch er war nicht nur mein Ehemann, sondern auch mein Präsident. Und für meinen Präsidenten würde ich in jedem Fall kämpfen." Die Betrogene bleibt standhaft. Und tapfer. Und mit dem Betrüger zusammen.

Dieses "stand-by-your-man", auch wenn er ein verdammter Dreckskerl ist (sie sagt "Bastard"), bringt ihr abseits der "Verrat!"-schreienden Feministinnen hohe Sympathiewerte ein. Nur folgerichtig findet eine Mehrheit der Amerikaner, dass Clinton sich zwei Jahre später politisch von ihrem Mann abnabelt und für den Senat im Bundesstaat New York kandidiert. Als sie gewählt wird, als erste Frau, tauscht die Clinton AG endgültig die Rollen. Ab sofort lenkt Hillary. Bill rutscht rüber auf den Beifahrersitz, rühmt ihren Kurs und tut Buße.

Mit Kompetenz, Fleiß, Ausdauer und Disziplin gewinnt Hillary Clinton so viel Statur, dass sie nach einer Wiederwahl mit sensationellen 67 Prozent 2008 für die Demokraten zur Präsidentschaftswahl antritt. Es sei endlich Zeit für eine Frau an der Spitze, sagt sie. Und sie sei die Beste. Aber sie verliert. Wieder eine herbe Niederlage. Wieder Ausgangspunkt für eine Neuerfindung.

Aus der Frau an Bill Clintons Seite wird nach Tränen und Selbstbefragung die Frau an Obamas Seite. Gemessen an den Fehden, die beide im Wahlkampf miteinander ausgetragen haben, beeindruckt sie als Außenministerin mit schier grenzenloser Loyalität. Amerikas Chef-Diplomatin bleibt aber der große Erfolg versagt. Trotz 112 Ländern, die sie besucht hat, und großer Wertschätzung, der sich selbst die chronischen Clinton-Hasser in der republikanischen Partei nicht enthalten können. Libyen, Afghanistan, Nahost - unter Hillary Clinton wird leider wenig besser, sprich: friedlicher, in der Welt. Der berühmte "Neustart" mit Russland ist seit der Ukraine-Krise Makulatur.

2013 verlässt sie das State Departement und macht Platz für John Kerry. Bereits damals werden die Kommentatoren den Eindruck nicht los, dass hier nur jemand eine Auszeit nimmt, die Akkus neu auflädt, die Treue alter Netzwerke und Verbindungsmänner testet, eine Standortbestimmung vornimmt und dann wieder angreift. Zurück auf die Marathon-Strecke zum Gipfel.

Clinton aber lässt sich Zeit. Viel Zeit. Obwohl ihr die Umfragengötter fast schon beängstigend konstant hold sind und die demokratische Partei einen roten Teppich nach dem anderen ausrollt. Als Topbezahlte Rednerin und Buchautorin, die auf knapp 900 Seiten in "Entscheidungen" (Hard Choices) zwischen den Zeilen zaghaft Lust auf mehr erkennen lässt, kehrt sie 2014 auf die Bühne zurück. Seither läuft ein Schattenwahlkampf höchster Güte. Je öfter Clinton betont, dass sie sich noch nicht entschieden habe, für das Amt der Präsidentin zu kandidieren, je länger wird die Indizienkette, dass sie?s tun wird. Ausgeruhter und entschiedener denn je.

Jetzt hat sie's getan.

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