RELIGION: Auf dem Rückzug

RELIGION : Auf dem Rückzug

Die beiden großen Kirchen verlieren bundesweit Mitglieder. Patentrezepte dagegen werden noch gesucht. Über die tröstende Kraft der Kirche spricht die Leiterin der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Irmgard Schwaetzer

Als Anfang der Woche die Pariser Kirche Notre-Dame brannte, brannte es auch in Deutschland. Das Feuer auf dem Dach der Kathedrale rührte die Herzen der Menschen an. Die sozialen Medien waren voller Beileidspostings, die Kirchenglocken im Land läuteten anderntags um zwölf Uhr Mittags.

Und auch hierzulande kursieren Spendenaufrufe, werden Gelder gesammelt – obgleich doch schon rund eine Milliarde Euro zusammen ist, und der bei null begonnene Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche beispielsweise „nur“ 182 Millionen Euro gekostet hat. Doch für ein altes Kirchengebäude sind die Deutschen offenbar bereit zu spenden.

Wenn es dagegen darum geht, selbst in die Kirche zu gehen, sieht das schon anders aus. Ende 2017 gehörten noch 23,3 Millionen Menschen der katholischen und 21,5 Millionen Menschen in Deutschland der evangelischen Kirche an. Und die Zahl der Gottesdienstbesucher ist noch einmal geringer: Auch wenn in den Ostertagen die Kirchen gut gefüllt sind, liegt die Zahl der Kirchenmitglieder, die einen Gottesdienst besuchen, an vielen Sonntagen im Jahr im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Man wird wohl konstatieren müssen: Der Kirche gelingt es nicht mehr, ihre Inhalte – den Glauben an Sündenvergebung und Auferstehung und an einen Gott, der mit den Menschen ist – großen Teilen der Bevölkerung zu vermitteln.

Und teilweise versucht sie es auch gar nicht mehr. Der vor einigen Jahren gewählte EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm beispielsweise hat in der öffentlichen Wahrnehmung massiv an Bedeutung verloren. Man mag von der Intellektuellen-Rangliste des Magazins Cicero halten, was man möchte: Aber keine Äußerung von Bedford-Strohm, der dort nur auf Position 82 liegt, hat derzeit die Durchschlagskraft eines Wolfgang Huber oder einer Margot Käßmann. Beide Vorgänger des heutigen Ratsvorsitzenden befinden sich laut Cicero in den Top 20 der am meisten zitierten, nicht zur Gruppe der Politiker zählenden Persönlichkeiten Deutschlands. Natürlich, das tätige Engagement der Kirchen ist an vielen Stellen der Gesellschaft zu spüren. Eines von vielen möglichen Beispielen ist die Flüchtlingspolitik: Ohne die Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden wäre da in den vergangenen Jahren in Deutschland vieles nicht so gut verlaufen. Ohne ihre Sprachkurse, ohne ihre Begleitung von Menschen bei der Integration wäre vieles schief gelaufen. Und ohne die Kirchen wären die Flüchtlingsretter, die heute im Mittelmeer unterwegs sind, nach eigener Aussage schon lange nicht mehr in der Lage, ihre Arbeit zu machen. Und ganz generell ist es immer noch ein großer Vorteil der Kirchen, flächendeckend vor Ort zu sein: Wo sich der Supermarkt und die Post längst zurückgezogen haben, wo von einer Bankfiliale oder einer Arztpraxis schon lange keine Rede mehr ist, findet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch eine Kirchengemeinde, die mit den Menschen Gottesdienste feiert, zu Konzerten einlädt und Hilfe in schwierigen Lebenslagen bietet. Doch öffentlich über den Glauben reden? Über die Dinge, die im Leben und Sterben tragen? Über Hoffnung, Lebensfreude, Auferstehung? Über das, was die Menschen eigentlich zu ihrem Engagement in den Kirchen bringt? Oft schrammen Kirchenvertreter haarscharf an diesen Themen vorbei. Nur ein Beispiel sei genannt: Zum Lutherjahr 2017 hat die EKD eine gelungene Neuübersetzung der Lutherbibel auf den Markt gebracht. Viele Kirchenmitglieder engagierte Christen haben die Bibel als App auf ihr Handy geladen, andere haben sie im Buchladen erworben. Damit aber gab sich die Kirche scheinbar zufrieden. Die Chancen, die Anknüpfungspunkte, die eine völlig neue Bibelübersetzung für das Gespräch mit Menschen auch außerhalb der eigenen Reihen bietet, hat man nicht genutzt. Wo sind die Gesprächskreise in den Gemeinden dazu? Wo ist die Gemeinde, die als erste wenigstens allen Mitgliedern die Neuausgabe des wichtigsten Werkzeugs der Christenheit zu Weihnachten schenkt?

Die Kirche – und das evangelische Beispiel gilt im gleichen Maße für die Katholiken – muss sich Gedanken darüber machen, wie man Menschen neu für den Glauben begeistert. Das stete Lamentieren darüber, dass man selbst immer bedeutungsloser wird, hat jedenfalls ebenso wie der bewusste oder unbewusste Rückzug aus der Öffentlichkeit nur eine Folge: Man wird tatsächlich bedeutungslos. Und das wäre bedauerlich: Denn die Ehrenamtler in den Kirchen sind noch immer ein wichtiger Teil des Kitts, der diese Gesellschaft zusammenhängt.

Und das große öffentliche Entsetzen und die große Hilfsbereitschaft, die der Brand von Notre-Dame auch in Deutschland mit sich brachte, zeigt am Ende doch auch, dass es hierzulande noch immer zahlreiche Anknüpfungspunkte gibt, die die Kirchen nutzen könnten, um mit den Menschen über das zu sprechen, was ihnen wirklich wichtig ist. Sie müssten sie nur kräftig nutzen.