Deutscher Katholikentag in Mannheim: "Auch Laien können denken und glauben"

Deutscher Katholikentag in Mannheim : "Auch Laien können denken und glauben"

Gesellschaftliche Fragen bestimmen die Diskussionen beim Deutschen Katholikentag in Mannheim. Die Gläubigen halten den Missbrauchsskandal noch lange nicht für ausgestanden.

"Es kann nicht sein, dass wir eine von Männern geleitete Frauenkirche haben", meldet sich die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Claudia Lücking-Michel, auf dem 98. Deutschen Katholikentag zu Wort. Eine (namentlich nicht genannte) Frau pinnt an die Wand der Bundeskonferenz Gemeindeberatung innerhalb der Kirchenmeile, die in weißen Zelten über die Arbeit der Kirche informiert: "Wovor habt ihr Angst?" und gibt selbst die Antwort: "Vor den Frauen natürlich." Und es sind die Frauen, die weithin das Bild dieses katholischen Laientreffens prägen mit seinen mehr als 60 000 Dauer- und Tagesteilnehmern. Und die 40 Bischöfe, die aus aller Welt nach Mannheim, das wegen einer in Quadrate aufgeteilte City auch Quadratestadt genannt wird, gekommen sind, können in der Kirchenmeile lesen: "Auch Laien können denken und glauben." Und eben auch dies: "Entscheidungskompetenz braucht kein Weiheamt. Nur Kompetenz".

Der kirchenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Josef Winkler, hat bei einem Empfang seiner Partei die Lacher auf seiner Seite, als er auch die "Klerikerinnen" begrüßt, um sofort hinzuzufügen: "Aber wir haben ja noch gar keine." Am Stand der Diakone bleiben die Männer unter sich. Offensichtlich haben die Frauen die Hoffnung aufgegeben, dass auch sie zum Diakonat zugelassen werden - was zum Ärger vieler Bischöfe das ZdK als verantwortlicher Veranstalter des Katholikentages unverdrossen fordert.

Der Mannheimer Katholikentag - mit 21 Prozent stellen die unter 18-Jährigen die größte Teilnehmergruppe, gefolgt von den 40- bis 49-Jährigen mit 19,07 Prozent - spiegelt zwar die Unruhe unter den katholischen Gläubigen wider. Doch die Diskussionen sind keineswegs hitzig. Vielmehr ist man bemüht, aufeinander zu hören. In den vielen hundert Diskussionsveranstaltungen ebenso wie in den Begegnungen auf der Kirchenmeile. Die Gottesdienste (insgesamt 80 an der Zahl) sind durchweg gut besucht.

"Geistliches Leben unterliegt immer der Gefahr, weltflüchtig zu werden, sich zu sehr um die eigene Befindlichkeit zu kümmern und unter der Hand dem Bemühen um das subjektive Wohlbefinden zu viel Raum zu geben. Das aber widerspricht dem biblischen Zeugnis", ruft der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, in einer Eucharistiefeier den Gläubigen zu.

"Einen neuen Aufbruch wagen", so lautet das Leitmotiv des diesjährigen Katholikentages. Dahinter steht die tiefe Erschütterung der Kirche über das Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe von Priestern. Jesuitenpater Klaus Mertes, der den Skandal bundesweit publik gemacht hatte, rief die Gläubigen auf, in der Kirche zu bleiben: "Wenn sich alle von der Institution distanzieren, können sich die Opfer nicht mehr mit ihr versöhnen." Erforderlich sei, dass die Kirche endlich ihre Sprachlosigkeit beim Thema Sexualität überwinde, um den Opfern zu erleichtern, über ihr Leid zu sprechen.

Der Berliner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, würdigte den Mut Mertes, den Skandal öffentlich zu machen. Dieser sei auf jeden Fall "heilsam" gewesen. Allerdings dürfe der Missbrauch nicht als Argument gegen den Zölibat ins Feld geführt werden, da auch Nicht-Priester schuldig geworden seien.

Einen massiven Reformbedarf in der katholischen Kirche machte der Salzburger Dogmatik-Professor Hans-Joachim Sander aus. Die hohe Zahl der Kirchenaustritte spreche eine klare Sprache, die schweigende Mehrheit der Kirchenmitglieder betrachte sehr genau, was die Kirchenleitung tue und sei nicht mehr bereit, sich alles bieten zu lassen.

Mehr von GA BONN