Terror in Frankreich: Attentäter könnte sich auch in Deutschland aufhalten

Terror in Frankreich : Attentäter könnte sich auch in Deutschland aufhalten

Der Attentäter des Weihnachtsmarkt-Anschlags ist schnell als potenzieller Gefährder identifiziert. Hunderte Einsatzkräfte suchen noch nach ihm. Ist er in Deutschland?

Am Tag danach bleiben die Glühweinstände und Maronenbuden geschlossen. Auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt gibt es keine gebrannten Mandeln. Es wird weder Deko für den Christbaum verkauft noch fröhliches Weihnachtslieder-Gedudel gespielt. Auch viele Museen und Sportzentren der Stadt legen einen Ruhetag ein, der Verkehr ist gestört. Um elf Uhr wird überall in der Stadt eine Minute geschwiegen. Der Verantwortliche für den Weihnachtsmarkt und stellvertretende Bürgermeister, Alain Fontanel, beschreibt die gedrückte Stimmung mit bitteren Worten: „Straßburg wacht mit dem Geschmack von Blut im Mund auf. Weil wir eine Stadt in Trauer sind, haben wir heute alle Veranstaltungen abgesagt.“

Die sonst so quirlig-lebendige elsässische Metropole sei kaum wiederzuerkennen, sagt die EU-Abgeordnete Kerstin Westphal, die sich wegen der Sitzungswoche des Parlaments dort befindet. Am Dienstagabend aß die SPD-Politikerin mit Mitarbeitern in einem Restaurant im Stadtzentrum, als die Wirtin plötzlich die Tür abschloss und die Fenster zuhängte: Draußen habe es einen Anschlag gegeben. „Im ersten Moment stehst du neben dir. Man macht sich erst später bewusst, dass man eine halbe Stunde vorher noch selbst am Tatort einen Glühwein getrunken hat“, sagt Westphal. Gegen Mitternacht habe sie schließlich gewagt, sich auf den Heimweg zu machen, während Hubschrauber über der Stadt kreisten. In die Weihnachtsbeleuchtung mischte sich das Geflacker vieler Blaulichter.

Kurz vor 20 Uhr hatte ein Mann in einer Straße im Zentrum Passanten mit einer Handfeuerwaffe und einem Messer angegriffen. Zwei Menschen tötete er, darunter einen Touristen aus Thailand mit einem Schuss in den Kopf. Eine Person ist hirntot, zwölf weitere Opfer wurden verletzt, acht von ihnen schwer.

Der Täter lieferte sich einen Schusswechsel mit Soldaten der Antiterror-Operation „Sentinelle“, bei dem er am Arm verletzt wurde. Dann bestieg er ein Taxi und ließ sich in das südlich gelegene Stadtviertel Neudorf bringen. Der Fahrer meldete sich später in einem Polizei-Kommissariat, um zu berichten, dass er einen bewaffneten und verletzten Mann chauffiert habe. Dieser habe ihm erzählt, dass er gerade ein Attentat begangen und zehn Menschen getötet habe.

In Neudorf stieß der Täter auf eine Polizei-Patrouille, es kam zu einem weiteren Schusswechsel, dann verlor sich seine Spur. Blieb er im Umkreis oder hat er sich nach Deutschland abgesetzt? 600 Einsatzkräfte fahndeten am Mittwoch nach ihm und auch seinem Bruder Sami Chekatt, während das französische Innenministerium die höchste Sicherheitsstufe ausrief. Sie erlaubt verstärkte Grenz- und Sicherheitskontrollen, auch bei anderen Weihnachtsmärkten im Land, um mögliche Nachahmer zu verhindern. Vom Ausnahmezustand sah man ab, der vor gut einem Jahr aufgehoben wurde, als ein verschärftes Gesetz zur Inneren Sicherheit in Kraft trat.

Noch in der Nacht hatte die Antiterror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. Bei einer Pressekonferenz am Mittag ließ Staatsanwalt Rémy Heitz keinen Zweifel an der Motivation des Täters, der laut Zeugenaussagen „Allahu Akbar“ gerufen habe: „Der Terrorismus hat ein erneutes Mal auf unserem Staatsgebiet zugeschlagen.“ Noch in der Nacht wurden mehrere Wohnungen durchsucht und vier Personen aus dem Umfeld des Täters festgenommen.

Dieser konnte am Abend rasch identifiziert werden als Chérif Chekatt, 29 Jahre alt und in Straßburg gebürtig. Den Polizei- und Justizbehörden ist er seit Langem vor allem durch Diebstahl und Gewalttaten bekannt, die er in Frankreich, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz beging. 27 Mal wurde er verurteilt, mehrere Haftstrafen saß er ab. Auch in Deutschland kam er 2016 ins Gefängnis, bis er nach Absitzen seiner Strafe 2017 nach Frankreich abgeschoben wurde. Just am Dienstagmorgen durchsuchte die Polizei seine Wohnung im Zusammenhang mit einer Untersuchung wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Sie fand dabei eine Granate, eine Schusswaffe, Munition und vier Messer, davon zwei Jagdmesser, traf Chekatt aber nicht an, während mehrere Komplizen von ihm verhaftet wurden.

Bei einem Gefängnisaufenthalt 2015 war Chekatt, der Kontakte zur islamistischen Szene in Straßburg pflegte, erstmals als religiöser Eiferer aufgefallen. Er wurde in die „S“-Datei für „Staatssicherheit“ aufgenommen, in der die französischen Sicherheitsbehörden mehr als 20 000 Gefährder führen. Auch stand er unter „aktiver Beobachtung“ des Inlandsgeheimdienstes DGSI, sagte Innenstaatssekretär Laurent Nuñez. Allerdings habe sich der 29-Jährige nie in Syrien aufgehalten. Er sei zwar als „radikalisiert“ bekannt gewesen, aber „für keinerlei Delikte in Zusammenhang mit Terrorismus“. So erscheint offen, ob es einen Auftraggeber gab oder ob Chekatt Teil einer Terrorzelle war.

Da auch bei früheren Attentaten die Urheber bereits vorher als potenzielle Gefährder bekannt gewesen waren, warf die Opposition der Regierung Laxheit vor. „Wie viele Anschläge, verübt von Leuten mit S-Vermerk, müssen wir noch erleiden, bevor unser Recht an den Kampf gegen den Terror angepasst wird?“, fragte der Chef der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez. Es reiche nicht abzuwarten, bis Islamisten zur Tat schreiten. Wiederholt hat Wauquiez gefordert, die als besonders gefährlich eingestuften Gefährder präventiv wegzusperren.

Auch Rechtspopulistin Marine Le Pen forderte einen „radikalen Wandel“ bei der Terrorbekämpfung, bei der die Regierung „offensichtlich“ versage. Sie schlug vor, alle Ausländer auf der S-Liste auszuweisen. Chekatt hat zwar nordafrikanische Wurzeln, aber einen französischen Pass und wäre davon nicht betroffen gewesen.

Mehrere Politiker nicht nur aus der Regierungspartei appellierten derweil an die Bewegung der „Gelbwesten“, neue Proteste auszusetzen. Diese wurden mehrmals von gewaltsamen Ausschreitungen begleitet. Ein Stopp der Aktionen dränge sich aus Respekt vor den Opfern auf, aber auch um die Einsatzkräfte zu schonen, sagte Republikaner-Vizechef Damien Abad. Seit Präsident Emmanuel Macron am Montag auf einige Forderungen der „Gelbwesten“ wie eine Anhebung des Mindestlohns eingegangen war, bröckelte die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Bewegung. Deren Wortführer hatten sich bereits vor dem Anschlag uneins über das weitere Vorgehen gezeigt – einige riefen nun aber dazu auf, den Protest fortzusetzen. In den Netzwerken zirkulierten Theorien, nach denen die Staatsspitze zu einem Komplott gegriffen habe, um die unbequeme Protestbewegung einzudämmen. „Das Attentat kommt allzu passend“, hieß es auf einer einschlägigen Facebook-Seite.

Kritik wurde auch an den Sicherheitsvorkehrungen laut, da der bewaffnete Täter problemlos in die Innenstadt gelangen konnte. Diese wies der Verantwortliche für den Weihnachtsmarkt, Fontanel, scharf zurück: Seit den Attentaten von Paris 2015 und dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche 2016 seien die Kontrollmaßnahmen stets verschärft worden. Das Budget für die Sicherheit war von 300.000 auf eine Million Euro angestiegen. Täglich würden Hunderte Polizisten, private Sicherheitskräfte sowie einige Dutzend Soldaten eingesetzt, die vor allem den inneren Stadtbereich, den der Kanal und der Fluss Ill einschließen, schützten. Nach einer konkreten Bedrohung durch eine in Deutschland sitzende Terrorzelle im Jahr 2000 sei auch 2016 ein Attentat verhindert worden, heißt es.

Während Adventsbräuche und -feiern generell in Frankreich weit weniger verbreitet sind als in Deutschland, hat der Weihnachtsmarkt in Straßburg eine große Strahlkraft. Er ging in diesem Jahr in die 449. Auflage. Zwei Millionen Besucher zieht er jede Saison an. Auch aufgrund der europäischen Dimension der Stadt durch die geographische Nähe zu Deutschland und den Sitz des Europäischen Parlamentes sowie des Europarates galt er aber auch als besonders bedrohtes Ziel.

Während Präsident Macron, der einen Krisenstab im Innenministerium einrichtete, den Opfern und ihren Familien die „Solidarität der ganzen Nation“ ausdrückte, sagte der Bürgermeister von Straßburg, Roland Ries, seine Stadt, der Weihnachtsmarkt und die Gewohnheiten der Menschen hätten einen „schweren Schlag“ erlitten. Dennoch rief er alle dazu auf, nach der Zeit der Trauer „so schnell wie möglich unsere Lebensweise wiederzufinden“. Auf dass Straßburg so lebendig bleibe wie vorher.

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