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Kommentar: Ägypten am Scheideweg

Kommentar : Ägypten am Scheideweg

Was hat die Welt von Ägypten zu erwarten? Vielleicht so viel: Geht es dem Land am Nil - dem wichtigsten in der arabischen Welt - gut, dürfte dies nicht ohne Strahlwirkung auf eine latent problembeladene Region bleiben. Denn Ägypten ist ein Machtfaktor im Nahen und Mittleren Osten. Und Nachbarstaaten wie Sudan und Libyen haben selbst Probleme genug, als auch noch ein schwankendes Ägypten zu verkraften.

Wenn der Westen nun abgestimmt Kräfte versammelt und Anstrengungen bündelt, um Ägypten in einer einigermaßen stabilen Spur zu halten, geht es um weit mehr als nur um wirtschaftliche Interessen. Ein Ägypten in Auflösung und ohne wirklich funktionierende staatliche Ordnung würde sich auf den Frieden in der Region auswirken. Chaos war und ist für politische wie religiöse Extremisten schon immer ein guter Nährboden. Beste Voraussetzungen für das Terrornetzwerk Al-Kaida und seine regionalen Ableger für ihren unheilvollen Kreuzzug. Wer will das?

Der Besuch von Außenminister Guido Westerwelle in Kairo ist eine Mission im Interesse des Gesamtfriedens. Die Mittelmacht Deutschland hat hier Einfluss, und sie versucht, ihn einzusetzen. Die Zeit drängt, aber noch ist vieles im Fluss und somit lenkbar. Wie viel in Ägypten auf dem Spiel steht, lässt sich auch daran erkennen, dass bereits in der kommenden Woche US-Präsident Barack Obama mit den beiden (republikanischen) Senatoren John McCain und Lindsey Graham weitere Problemlöser nach Kairo schickt. Die Weltmacht USA mit ihren guten Beziehungen zur Regionalmacht Ägypten setzt sein ganz besonderes Gewicht ein, damit das Land nicht außer Kontrolle gerät. Es steht auf des Messers Schneide.

EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton war gewissermaßen die Vorhut. Ihr halb erzwungenes, halb gewährtes Treffen mit dem gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi lässt sich insoweit interpretieren, dass sowohl die machtvolle ägyptische Militärkaste wie auch die Übergangsregierung ihre Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft zumindest demonstrieren wollten. Nach außen geben sie sich offen, während sie nach innen einen harten Kurs fahren.

Die Zahl der gefallenen Staaten ist schon groß genug. Am Pulverfass Nahost muss nicht zusätzlich noch eine weitere Lunte angebracht werden. Die Europäische Union als größter Direktinvestor und Deutschland als drittwichtigster Handelspartner haben ihre Stellung in Ägypten. Und somit auch ihre Verantwortung. Es ist, wie es ist: Europa kann sich leicht ausrechnen, dass es Zuhause nicht ruhig bleiben wird, wenn beim Nachbarn der Hinterhof brennt. Deshalb muss die Krisendiplomatie mit Vorrang und Nachdruck weitergehen. Und wenn drei Mal Wahlkampf in Deutschland ist.