Kommentar zur Gesundheit der Kanzlerin

Merkel im Sitzstreik

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt neben der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen beim Empfang vor dem Kanzleramt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt neben der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen beim Empfang vor dem Kanzleramt.

Berlin. Nach mehreren Zitteranfällen hat Kanzlerin Angela Merkel offen gelassen, ob sie sich in ärztliche Behandlung begeben hat. Die Reaktionen der Öffentlichkeiten sind in weiten Teilen anstandslos, respektlos und maßlos, kommentiert Nils Rüdel.

Dieses Foto wird in Erinnerung bleiben: Angela Merkel nimmt gemeinsam mit ihrem Staatsgast, der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, die Nationalhymnen ab – im Sitzen. Keine Chance für neue, minutenlange Nahaufnahmen etwaiger weiterer Zitteranfälle der Kanzlerin. Ein Sitzstreik gegen all die Gaffer und Geiferer. Ein Zeichen von Souveränität.

Die Gesundheit einer Regierungschefin ist zwar zweifellos ein Thema für die Öffentlichkeit. Erst recht, wenn sich der Verdacht auf eine Erkrankung mehrfach vor den Augen der Welt offenbart hat. Die Frage ist aber, wie die Öffentlichkeit damit umgeht – und im Fall von Merkel sind die Reaktionen in weiten Teilen anstandslos, respektlos und maßlos.

Man muss gar nicht erst die unzähligen Kommentatoren in den sozialen Netzwerken heranziehen, die hässliche Witze reißen oder Merkel gleich den Tod wünschen. Politiker von Rechts bis Rechtsaußen kochen ebenfalls ihr Süppchen darauf. Und auch manche Medien sind derart fiebrig geworden, dass sich ihre berufsethische Kompassnadel entsetzt wegdreht. Da werden nicht nur Ferndiagnosen von eitlen Medizinern eingeholt – es werden sogar Lippenleser befragt, was Merkel während ihrer Zitteranfälle geflüstert haben könnte.

In Zeiten hypernervöser Dauerbeobachtung und Instant-Kommentierungen im Internet ist es für Politiker schwer, mögliche Krankheiten zu verbergen. Willy Brandts depressive Schübe oder Helmut Schmidts Ohnmachtsanfälle bekam während ihrer Amtszeiten kaum jemand mit – heute wäre das nicht mehr möglich.

Umso mehr gilt heute: Auch eine Regierungschefin hat eine Privatsphäre, die es zu respektieren gilt – ganz gleich, ob man ihre Politik unterstützt oder ablehnt. Zur Privatsphäre gehören auch mögliche Krankheiten. Kritisch würde es erst, wenn die Regierungschefin wegen einer Erkrankung nicht mehr mit ganzem Einsatz regieren könnte. Dann müsste sie daraus Konsequenzen ziehen. Es ist Merkel zuzutrauen, dass sie diesen Schritt gehen würde, sollte sie ein Weitermachen nicht mehr verantworten können. Sie hat wiederholt gesagt, sie werde bis 2021 Kanzlerin bleiben – wenn es ihre Gesundheit zulasse.

Nun gibt es derzeit keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Merkel überhaupt an einer ernsthaften Erkrankung leidet oder gar unfähig wäre, ihre Amtsgeschäfte mit voller Kraft zu führen. Deshalb sollten die wilden Spekulationen um ihren Gesundheitszustand nun schnell ein Ende haben. Über Merkels Politik gibt es schließlich genug zu diskutieren.