Kommentar zur SPD und Thilo Sarrazin

Gezielte Provokation

Gelobt und geschmäht für seine islamkritischen Thesen: Thilo Sarrazin 2011 bei einem Termin in Halberstadt, Sachsen-Anhalt.

Gelobt und geschmäht für seine islamkritischen Thesen: Thilo Sarrazin 2011 bei einem Termin in Halberstadt, Sachsen-Anhalt.

Bonn. Thilo Sarrazins störrisches Beharren auf seiner SPD-Mitgliedschaft dient vor allem der Provokation einer Partei, der er weltanschaulich längst den Rücken gekehrt hat, meint GA-Redakteur Kai Pfundt.

Warum will Thilo Sarrazin eigentlich weiter einer Partei angehören, die ihn so dringend loswerden will? Sein störrisches Beharren auf seiner SPD-Mitgliedschaft dient vor allem der Provokation einer Partei, der er weltanschaulich längst den Rücken gekehrt hat.

Die SPD werde ihn nicht so ohne Weiteres los, hat Thilo Sarrazin vor gut neun Jahren bei einer Veranstaltung in Bonn festgestellt. Die Aussage gilt, auch 2019. Gegen den Parteiausschluss will der Berliner Ex-Finanzsenator, Bundesbanker und vor allem Autor thesenstarker Sachbücher durch alle Instanzen zu Felde ziehen – innerparteilich, zivilrechtlich, notfalls vor dem Verfassungsgericht. Diesen Stachel in ihrem Fleisch wird die SPD noch eine Weile ertragen müssen.

Eines hat Sarrazin allerdings nicht erklärt. Warum will er eigentlich weiter einer Partei angehören, die ihn so dringend loswerden will? Einer Partei, die inhaltlich so ziemlich nichts von dem vertritt, was er in seinen Schriften ausführt – insbesondere in den ausgeprägt islamfeindlichen Positionen seines letzten Buches „Feindliche Übernahme“. Als überzeugter Vertreter sozialdemokratischer Grundwerte ist Sarrazin spätestens seit seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ nicht aufgefallen.

In der von ihm selbst gewählten Rolle des Stachels im Fleisch, des Rufers in der Wüste, des Mainstream-Verächters geht er dagegen erkennbar auf. Sarrazins störrisches Beharren auf seiner SPD-Mitgliedschaft dient vor allem der öffentlichen und gezielten Provokation einer Partei, der er weltanschaulich längst den Rücken gekehrt hat. Seine Berufung auf Meinungsfreiheit und innerparteiliche Demokratie ist deshalb in hohem Maße scheinheilig.

Denn natürlich ist keine politische Partei gezwungen, dauerhaft Mitglieder zu dulden, die vor allem eins wollen: Schaden anrichten. Sarrazin ist nicht das erste Beispiel eines Mannes, der den Weg einer atemberaubenden Selbstradikalisierung zurückgelegt hat. Andere, etwa der heutige AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, waren wenigstens so redlich, daraus die Konsequenzen zu ziehen.