Spitzelvorwürfen gegen Imame

Für die Ditib steht viel auf dem Spiel

Sichtbares Zeichen der Ditib-Präsenz in Deuschland: Die vom islamischen Verband betriebene Zentralmoschee in Köln.

Sichtbares Zeichen der Ditib-Präsenz in Deuschland: Die vom islamischen Verband betriebene Zentralmoschee in Köln.

Bonn. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion steht unter Zugzwang. Nach Spitzelvorwürfen gegen Imame könnte die NRW-Regierung ihr die Zusammenarbeit aufkündigen. Der Vorstand der Organisation berät in der Türkei. In vielen deutschen Moscheen brodelt es.

Eines ist Serap Güler ganz wichtig: Bei aller berechtigter Kritik an der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion dürften die Verdienste des größten Islam-Dachverbands in Deutschland in den vergangenen 35 Jahren nicht kleingeredet werden, sagt die Kölner CDU-Politikerin, deren Familie aus der Türkei stammt und die im NRW-Landtag integrationspolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist. „Die Ditib hat die muslimische Gemeinden hier aufgefangen und ihre Belange weitgehend erfüllt, was Seelsorgearbeiten oder Beratungen angeht. Das darf man nicht von der Hand wischen“, sagt Güler.

Man dürfe die Ditib-Gemeinden zudem nicht auf den Imam reduzieren, sondern müsse auch die Vorstände betrachten, in denen viele in Deutschland geborene und sozialisierte Mitglieder säßen. Güler betont außerdem, dass sie viele Ditib-Gemeinden kenne, die sich bei sozialen Projekten wie der Flüchtlingsarbeit engagiert hätten. „Das alles schlechtzureden, finde ich nicht richtig.“ Nun liege es an der Ditib selbst, all das nicht in kurzer Zeit kaputtzumachen.

Noch nie ist die Ditib so sehr unter Druck geraten. Die Politik in Bund und Ländern fordert nach Spitzelvorwürfen gegen einige Imame schnelle Aufklärung. NRW stellt die Zusammenarbeit mit dem größten Islam-Dachverband auf den Prüfstand. Und die Generalbundesanwaltschaft ermittelt nach den Vorwürfen gegen einzelne Ditib-Prediger. Am Mittwoch ist nun die Ditib-Spitze zu einem Krisentreffen mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet nach Ankara gereist. Von dort werden alle 900 in Deutschland tätigen Ditib-Imame entsendet und bezahlt.

Offenbar will man sich für die Gespräche Zeit nehmen. „Das ist eine mehrtägige Veranstaltung“, sagt Ayse Aydin, die Sprecherin des in Köln ansässigen Ditib-Bundesverbands, dieser Zeitung. Ob die Öffentlichkeit über Inhalte und Ergebnisse der Treffen informiert wird, könne sie nicht sagen.

Dabei müsste die Ditib daran interessiert sein, dass die Vorwürfe schnell aufgeklärt werden. Denn an ihrer Basis brodelt es. In manchen Moscheegemeinden wächst die Unzufriedenheit, Reformen werden verlangt. „Die jüngere Generation, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und gern mehr Verantwortung übernehmen würde, wird von vielen Altvorderen in den Gemeinden kleingehalten“, schildert die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes (LIB), Lamya Kaddor. Aus engen Kontakten zu Ditib-Moscheegemeinden weiß sie: „Ganze Vorstände sind ausgewechselt worden, weil sie offenbar gegenüber der deutschen Mehrheitsbevölkerung zu offen und zu dialogbereit waren.“

Ein Ditib-Verbandsmitglied in Köln spricht von Unzufriedenheit mit der Führung und dem bisherigen Krisenmanagement. Die Ditib meldete in einer vage gehaltenen Erklärung vor einigen Tagen, Diyanet habe den Fall untersucht – Ergebnis: „Das Präsidium hat festgestellt, dass einige Religionsbeauftragte in Bezug auf ein eigentlich die europäischen Länder nicht betreffendes Schreiben ihre Verantwortungen überschritten haben.“ Also: Imame bespitzelten, obwohl eine solche Diyanet-Aufforderung gar nicht an sie ging. Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga äußerte sich in den vergangenen Tagen nicht.

Vor allem in NRW steht viel auf dem Spiel: Neben der Mitarbeit im Beirat für den islamischen Religionsunterricht jene in einem Dialog-Forum des Integrationsministeriums, bei der Seelsorge für Gefangene oder auch als Ansprechpartner der Staatskanzlei. Bei einem Salafismus-Präventionsprojekt in Köln hat Innenminister Ralf Jäger (SPD) die Kooperation mit dem Verband schon gestoppt.

An diesem Donnerstag informiert NRW-Verfassungsschutzpräsident Burkhard Freier den Innenausschuss. Dem Verfassungsschutz liegen Berichte der Religionsattachés der türkischen Generalkonsulate in Köln, Düsseldorf und München an die Diyanet vor, in denen Namen von angeblichen Anhängern von Fethullah Gülen aufgelistet werden. Die drei Listen umfassen 28 Personennamen und elf Institutionen, die Ditib-Imame geliefert haben sollen.