UN-Klimakonferenz in Kattowitz

Bei der COP24 gab es Klimaschutz lauwarm

Kattowitz. Handelskriege, Populisten, Ego-Politik: Die internationale Zusammenarbeit hat gerade keine Konjunktur. Beim Klimagipfel schafft es die Weltgemeinschaft trotzdem, sich zusammenzuraufen. Aber die globale Erwärmung wird dadurch kaum gebremst.

Als der entscheidende Hammerschlag ertönt, ist die Erleichterung der Klimaschutz-Diplomaten spürbar. Sie klatschen sich selbst Applaus, manche nehmen sich lange in den Arm. In zahllosen Debatten, lautem Streit, vertraulichen Runden und Plenarsitzungen haben sie nach zwei Wochen das Klimaschutzabkommen von Paris mit Leben gefüllt. Denn was ist ein Ziel wert ohne einen Weg dorthin? Aus dem polnischen Kattowitz (Katowice) reisen die Delegierten nach Hause in 196 Länder, im Gepäck ein 133-seitiges Regelwerk für den Klimaschutz.

Und der ist nicht weniger als eine „Frage von Leben und Tod“, wie UN-Generalsekretär António Guterres mahnt. Die Welt ist seit dem 19. Jahrhundert nicht einfach ein Grad wärmer geworden. Extreme Wetterlagen werden häufiger – Dürren wie in Afrika, unerträgliche Hitzewellen mit Hunderten Toten wie in Pakistan, Waldbrände wie jüngst in Kalifornien. Aber auch Starkregen führt weltweit zu verheerenden Überschwemmungen. Die Menschen sprechen mancherorts von „Regenbomben“. Hinzu kommen stärkere Stürme und Orkane. Deutschland kann Bauern nach dem Dürresommer finanziell unter die Arme greifen und fehlende Ernten durch Importe kompensieren. Anderswo drohen Hungersnöte und vernichtete Kleinbauern-Existenzen.

So kommt es vermehrt zu„stehenden Wettern“

Gleichzeitig erkennen Wissenschaftler immer deutlicher die Handschrift des Klimawandels bei Wetterextremen. Einmal wirkt die physikalische Faustformel, wonach um ein Grad wärmere Luft sieben Prozent mehr Wasserdampf enthält, zum anderen hat sich die Höhenströmung, die Hoch- und Tiefdruckgebiete steuert, verändert. So kommt es vermehrt zu „stehenden Wettern“, was wochenlangen Regen oder das Gegenteil bedeuten kann.

Die Verhandlungen standen trotz der Dringlichkeit unter schwierigen Vorzeichen. US-Präsident Donald Trump hat den Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen eingeleitet, aber die Amerikaner sitzen noch mit am Tisch – sehr aktiv, wie Teilnehmer berichteten. China hat sich nicht zur Klimaschutz-Lichtgestalt entwickelt, zu der viele das Land nach Trumps Wahl hochloben wollten. Brasilien bekommt einen Präsidenten, dem zugetraut wird, ebenfalls das Abkommen zu verlassen – jedenfalls könnte Jair Bolsonaro den fürs Klima so wichtigen Regenwald noch schneller abholzen lassen als bisher. Überhaupt: Populisten und Nationalisten sind weltweit auf dem Vormarsch, was den internationalen Klimaschutz drastisch erschwert.

Mit dieser Ausgangslage ein weltweit gültiges Regelwerk von solcher Tragweite zu beschließen und es nicht bei Sonntagsreden zu belassen, ist kein Selbstläufer. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), Kopf der deutschen Delegation, spricht von einem „Erfolg für den Multilateralismus“, der Zusammenarbeit der Staaten. Die neuen Regeln bestimmen, wie die Länder über Erfolge, Misserfolge und Pläne beim Einsparen von Treibhausgasen berichten müssen. Was als Klimaschutz zählt und was nicht. Für ein Abkommen, das auf Vertrauen basiert, sind Transparenz und Vergleichbarkeit entscheidend. Problem: Es gibt weiter keine Sanktionen, wenn Länder nur „Business as usual“ und Feigenblatt-Klimaschutz betreiben. Dass vor allem der Gruppendruck alle auf Kurs hält, wird allseits bezweifelt. Der Klimaökonom Ottmar Edenhofer, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sagte: „Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit in die falsche Richtung.“ Die Zeit drängt: Die Jahre 2015 bis 2018 waren nach Analysen der Weltwetterorganisation die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert.

Eigentlich sollte der Hammer von Konferenzpräsident Michal Kurtyka die Konferenz schon am Freitagabend beenden. Hätte klappen können, sagen viele, aber dann macht Brasilien Probleme. Als die gelöst sind – oder genauer: vertagt aufs nächste Jahr – und das Abschlussplenum beginnen soll, tut sich wieder nichts. Schulze verlässt den Saal sichtlich genervt, um mit Kollegen aus Frankreich, der EU und den Vereinten Nationen die Delegation aus der Türkei davon abzuhalten, die Abstimmung weiter zu verzögern. Mühsam, aber auch normal in der zähen Welt der Klimadiplomatie.

Begleitet wurde die Mammut-Veranstaltung, zu der mehr als 32.000 Menschen angereist waren, von düsteren Warnungen und dramatischen Appellen. Der äthiopische Verhandlungsführer Gebru Jember Endalew, der auf dem Gipfel für rund eine Milliarde Menschen in den ärmsten Staaten spricht, berichtete vom Elend in seiner Heimat. In vielen Landstrichen falle monatelang kein Regen. Äthiopien stehe an der „Frontline“ des Klimawandels. Dass die Treibhausgasemissionen weltweit weiter steigen, sei ein Skandal. „Wir bezahlen das mit Menschenleben.“ Und der Stargast des Gipfels, der frühere US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore, ließ in seinem Vortrag auf der riesigen Videoleinwand sogar lautstark eine Atombombe explodieren, um die Unterhändler aufzurütteln. Mit mäßigem Erfolg.

Umweltverbände sehen kein glaubwürdiges Signal

Was viele Klimaschützer und arme Staaten sich gewünscht hätten von dieser Konferenz, das ist ein klares und glaubwürdiges Signal, dass der Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen jetzt schneller sinkt. Doch so ein Signal gehe von Kattowitz nicht aus, beklagen Umweltverbände.

Die Lage in nüchternen Zahlen: Der konventionelle Klimaschutz, fokussiert auf das Verringern der CO2-Weltemission, ist weit davon entfernt, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, geschweige das menschenfreundlichere 1,5-Grad-Ziel. Tatsächlich steuert die Welt aktuell auf eine Drei- bis Vier-Grad-Welt zu. Dass – noch nicht zur Serienreife entwickelte – Technologien eines Tages den Gasmüll aus der Erdatmosphäre entfernen, ist unter Experten zurzeit ein großes Thema, spielte bei den Delegierten in Kattowitz jedoch keine Rolle.

Übrigens: Der Gipfel allein produzierte, so schätzte die Stadt Kattowitz, rund 55.000 Tonnen CO2. Er fand mitten im polnischen Steinkohlegebiet statt. Tausende reisten mit dem Flieger an, das Kattowitzer Messegelände verwandelte sich in eine kleine Stadt. Diese wurde fast zwei Wochen lang beleuchtet, bei Außentemperaturen um Null Grad beheizt, von Helikoptern und Polizeifahrzeugen gesichert, die oft den Motor laufen ließen, wie Teilnehmer bemängelten. Kritik gab es auch an Plastikdeckeln für Kaffee und Essen – und daran, dass nur wenige vegetarische Gerichte angeboten wurden. Millionen neu gepflanzte Bäume sollen die CO2-Sünden der Klima-Konferenz nun kompensieren.