Interview mit Protestforscher

„Die Forderungen sind zu abstrakt“

Berlin. Der Berliner Professor für Soziologie Dieter Rucht im Interview über die Pro-EU-Bewegung „Pulse of Europe“. Eine fehlende Struktur könne zu nur kurzlebigem Erfolg führen.

Die Pro-EU-Initiative „Pulse of Europe“ hat sich binnen weniger Wochen in über 40 Städten verbreitet. Obwohl der Berliner Protestforscher Dieter Rucht den Grundgedanken der Bewegung gut findet, äußert er Bedenken.

Wie schätzen Sie den Erfolg der Bürgerbewegung „Pulse of Europe“ ein?

Dieter Rucht: Mir kommt es wie eine Goodwill-Initiative vor, die kurzzeitig schnelle Erfolge feiert, aber langfristig nicht bestehen wird. Dafür sind die Ziele zu pauschal formuliert. Es ist keine tragfähige Organisation, aus der Strukturen wachsen können. Die Forderungen sind zu abstrakt.

Mit welchen Problemen sollte die Organisation rechnen?

Rucht: Schon bald wird eine interne Debatte über die ideologische Identität losgehen. Diese ist aber bei Menschen, die einem öffentlichen Aufruf gefolgt sind, ganz unterschiedlich. Schon alleine die individuelle Parteiorientierung spielt dabei eine Rolle.

Kann eine Bürgerinitiative auf politische Entwicklungen einwirken?

Rucht: Generell ja, wenn sie kontinuierlich präsent ist und Druck ausübt. Aber bei vielen Organisationen sind die Potenziale aus strukturellen Gründen schnell ausgeschöpft. Es braucht klar formulierte Zwischenetappen und einen Hebel, an dem gearbeitet werden kann. Dieser ist bei „Pulse of Europe“ nicht klar ersichtlich.