7,5 Prozent mehr in NRW: Zahl der Einser-Abiturienten in Deutschland nimmt zu

7,5 Prozent mehr in NRW : Zahl der Einser-Abiturienten in Deutschland nimmt zu

Immer mehr Schüler in Deutschland schließen das Abitur mit einer sehr guten Note ab. Das zeigt eine Umfrage in den Bundesländern. Experten sind sich uneinig, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.

Die Zahl der Einser-Abiturienten in Deutschland nimmt deutlich zu. Hatte 2008 noch ungefähr jeder fünfte Schulabsolvent einen Notenschnitt von mindestens 1,9, war es 2018 bereits mehr als jeder vierte. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unserer Redaktion in allen 16 Bundesländern.

Demach ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Einser-Abiturienten in 15 von 16 Bundesländern gestiegen. Allein Baden-Württemberg verzeichnete einen leichten Rückgang. Deutschlandweit stieg der Anteil von 20,2 auf 25,8 Prozent. Die Daten beziehen sich auf die Ergebnisse des Abiturjahrgangs 2018. Mit einer Ausnahme: Schleswig-Holstein konnte als einziges Bundesland nur Zahlen von 2017 vorlegen.

Für den Deutschen Hochschulverband (DHV) sind mehr Einser-Abiturienten eine schlechte Nachricht. „Wir sehen es mit Sorge, dass die Abiturnoten besser werden“, sagt DHV-Sprecher Matthias Jaroch unserer Redaktion. Der „Noteninflation“ müsse Einhalt geboten werden. „Qualität muss Vorrang vor Quantität haben“, so Jaroch. Schon heute fehlten den Studienanfängern häufig wichtige Grundkenntnisse. Beispielsweise in der Mathematik. Die Schulexpertin der Lehrergewerkschaft GEW, Ilka Hoffmann, hat für die verbesserten Abiturergebnisse eine ganz andere Erklärung: „Mein Eindruck ist, dass die Jugendlichen heute zielstrebiger sind.“ Einen Qualitätsverlust sieht sie hingegen nicht. „Dass die Schule einfacher wird und die Schüler fauler werden, erzählt man sich bereits seit 2000 Jahren“, sagt Hoffmann. Das decke sich nicht mit ihrer eigenen Abitur-Erfahrung aus dem Jahr 1981. „Ich würde nicht sagen, dass es damals schwerer war. Wir hatten sogar mehr Freiräume.“

Die Daten der Länder zeigen nicht nur, dass die Zahl der Einser-Abiturienten zugenommen hat. Sie belegen auch, wie groß nach wie vor die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind. 37,9 Prozent der Thüringer Abiturienten hatten 2018 eine Eins vor dem Komma stehen. In Niedersachsen waren es im selben Jahr nur 21,7 Prozent. Auf dem vorletzten Platz lag Rheinland-Pfalz: 22,5 Prozent verließen dort mit einem Einser-Abitur die Schule. Beim Schlusslicht Schleswig-Holstein waren es 2017 sogar nur 17,3 Prozent der Schulabsolventen.

In Nordrhein-Westfalen ist der Anteil der Einser-Absolventen am gesamten Abitur-Jahrgang in den vergangenen zehn Jahren um 7,5 Prozent gestiegen. Höher war die Zuwachsrate nur in drei anderen Bundesländern, am höchsten in Sachsen (12,2 Prozent). 2008 hatten in NRW noch 16,8 Prozent der Abiturienten einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,9. 2018 waren es bereits 24,3 Prozent.

„In ganz Deutschland haben sich die durchschnittlichen Abiturnoten in den letzten 20 Jahren leicht verbessert“, sagt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Damit die hohen Ansprüche an die Hochschulreife erhalten blieben, setze sie auf mehr Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Abiturprüfungen. „Der ländergemeinsame Aufgabenpool in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch trägt dem Rechnung“, sagt Gebauer. Für Matthias Jaroch ist das der richtige Ansatz. „Es gibt teilweise große Unterschiede zwischen den Bundesländern“, sagt er. „Damit Standards nicht verwässern, braucht es ein einheitliches Abitur.“ Das würde auch für eine größere Vergleichbarkeit beim Numerus clausus (NC) sorgen.

Knapp die Hälfte der Studiengänge in Deutschland verfügt über eine solche Zugangsbeschränkung und wird damit nach Abiturnote vergeben. Nach Einschätzung des Hochschulverbandes entsteht dadurch auch der Notendruck auf die Abiturienten. Jaroch betont aber auch: „Wir wollen niemandem die Lebenschancen verbauen.“ Es sei aber wichtig, dass die Abiturienten mit ausreichenden Fähigkeiten an die Hochschulen kämen. Für Ilka Hoffmann sind die NC-Vorgaben hingegen „völlig unsinnig und schädlich“. „Die Noten sagen nichts über die spätere Eignung für den Beruf aus“, sagt sie. Ein Arzt brauche beispielsweise andere Fähigkeiten als eine gute Geschichtsnote. Sie wünscht sich stattdessen eine stärkere Berufsorientierung an den Schulen.

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