Woodstock: Festival jährt sich zum 50. Mal

Festival jährt sich zum 50. Mal : Das Woodstock-Märchen

Eine Million junge Menschen: So viele machen sich im August 1969 auf den Weg nach Woodstock. Fast eine halbe Million schafft es bis zum White Lake. Die Geschichte einer Kette unglaublicher Zufälle.

Was so eine Kleinanzeige in der örtlichen Tageszeitung nicht alles bewirken kann. Die Folgen jenes in der „New York Times“ (und zeitgleich im „Wall Street Journal“) veröffentlichten Inserats nannte der schwarze Gospel-Sänger Richie Havens später ein „kosmisches Wunder“, der weiße Polit-Poet Allen Ginsburg ein „planetarisches Ereignis“. Dabei klang der dürre Text eher nach Big Business als nach Love & Peace: „Junge Männer mit unbegrenztem Kapital suchen interessante Investitionsmöglichkeit.“ Die Inserenten: Joel Rosenman und John P. Roberts. Sprösslinge vermögender Ostküsten-Familien, hochbegabt und erstklassig ausgebildet, auf der Suche nach dem schnell verdienten Geld.

Zufällig liest Michael Lang die Anzeige, ein 24-jähriger Lockenkopf mit reichlich Flausen im Kopf, der im 6000-Seelen-Künstlerdorf Woodstock zweieinhalb Autostunden nördlich von New York City untergekrochen ist, nachdem er zuvor in Florida mit mäßigem Erfolg einen Head Shop betrieben und in Miami eine Riesenpleite als Veranstalter eines Festivals hingelegt hat.

Das idyllische Woodstock ist zu jener Zeit eine heile Hippie-Welt inmitten der heilen Welt erzkonservativer Farmer. Alles nur eine Frage der Perspektive. In Woodstock wohnen Maler, Bildhauer, Schriftsteller und vor allem Musiker, unter ihnen Bob Dylan, Mitglieder von The Band und Blood, Sweat & Tears, zeitweise auch Janis Joplin und Jimi Hendrix.

Also denkt sich Michael Lang, dass dies wohl der perfekte Ort sei, um ein Tonstudio aufzumachen. Er begeistert seinen 22-jährigen Kumpel Artie Kornfeld für die Idee, und so reist das Hippie-Duo am 6. Februar zum Yuppie-Duo Rosenman/Roberts nach Manhattan. Doch die beiden Risikokapital-Jungunternehmer haben gerade erst ein schickes Tonstudio an der 57. Straße finanziert. Und überreden deshalb die beiden Besucher, stattdessen in Woodstock ein Musikfestival zu veranstalten. Sagen wir mal: für 60.000 Besucher. Von ihrem Anteil am satten Gewinn könnten sich Lang und Kornfeld ja dann ihr Tonstudio locker selbst finanzieren.

50 Jahre Woodstock

Am 28. Februar gründet das ungleiche Quartett in New York City die Firma Woodstock Ventures Inc. und eröffnet ein Büro. Der Grafiker Arnold Skolnick erhält den Auftrag, binnen drei Tagen ein Werbeplakat zu entwerfen. Der lässt sich von einer auf Long Island beobachteten Drossel inspirieren und setzt den stilisierten Vogel auf einen Gitarrenhals. Keine Friedenstaube, aber immerhin weiß. „Im Büro saßen halbnackte Mädchen und zählten Dollarscheine. Alle waren total bekifft. Ich zeigte den Entwurf und alle riefen: Oh, toll. Das war wie in einem surrealistischen Film.“

Die restlichen Aufgaben sind schnell verteilt: Rosenman und Roberts sollen sich um die Kohle kümmern, Lang und Kornfeld um den Rest. Als erste Amtshandlung posaunen sie gleich mal den Termin hinaus in die Welt: das Wochenende 15. bis 17. August. Und den Veranstaltungsort: Woodstock. Doch da haben sie die Rechnung ohne den Gemeinderat gemacht: Der untersagt die Ausrichtung eines Festivals.

Plan B: eine Industriebrache in Wallkill, 40 Meilen südlich von Woodstock. Aber dort sorgt eine flugs gegründete Bürgerinitiative am 2. Juli für ein Verbot. Niemand im Staate New York scheint an der befürchteten Invasion langhaariger, kiffender Gammler interessiert zu sein, die womöglich noch öffentlich nackt baden oder Schlimmeres.

Vor 50 Jahren

Einen Plan C gibt es nicht. Aber den nächsten Zufall: Unter der Woche arbeitet der 34-jährige Elliot Teichberg als Dekorateur in New York City. Weil er nur dort seine Homosexualität leben kann. Aber am Wochenende kommt Elliot immer brav nach Hause, nach Bethel, ein Kaff am Fuße der Catskill Mountains, 60 Meilen westlich von Woodstock, um im arg heruntergekommenen „El Monaco Motel“ auszuhelfen, das seinen hoffnungslos überforderten Eltern gehört. Als er von den Festival-Plänen erfährt, sieht Teichberg seine Stunde gekommen: Am 15. Juli bietet er Lang und Kornfeld das ohnehin meist leerstehende Motel als Hauptquartier fürs Orga-Team an. Und weil er zufällig auch Präsident der örtlichen Handelskammer ist und zufällig alleiniger Lizenzinhaber für kommunale Konzerte, stellt er die Genehmigung selber aus. Hollywood-Regisseur Ang Lee erzählt 40 Jahre später die Geschichte und setzt Elliot mit dem Spielfilm „Taking Woodstock“ (2009) ein berührendes Denkmal.

Was fehlt noch? Eine schöne Wiese. Zufällig besitzt Elliots Nachbar Max Yasgur, der größte Milchbauer von Bethel, eine Menge Wiesen. Und eine besonders schöne am White Lake, ein Hang am Ufer des Sees, von der Natur geformt wie ein antikes Amphitheater. Perfekt.

Yasgur, der mit den Geheimratsecken, dem zurückfrisierten Haar und der schwarzen Hornbrille ein bisschen aussieht wie der Schriftsteller Arthur Miller, ist ein Wertkonservativer mit ein paar liberalen Gedanken und einem großen Herz für junge Leute. Er vermietet seine Wiese an Lang und Kornfeld, wohl wissend, dass seine Wiese danach keine Wiese mehr sein wird, und wohl ahnend, dass er sich damit in Bethel keine Freunde machen wird.

Krisensitzung im Rathaus. Ein Riss geht durch den Gemeinderat. Der County-Sheriff befürchtet Verhältnisse wie in Sodom und Gomorra. Der herzkranke Yasgur bellt zurück: „Ihr könnt alle euren Arsch verwetten, dass dieses Festival stattfindet!“ Bürger von Bethel rufen zum Boykott der Yasgur-Milchprodukte auf. Und der demokratische Bürgermeister kriegt bei der nächsten Kommunalwahl die Quittung, als der Kandidat der Republikaner mit dem schlichten Slogan „No more Woodstock!“ den Sieg davonträgt.

Was benötigt man noch zur Gestaltung eines dreitägigen Musikfestivals? Jede Menge Musik. Schön wären natürlich ein paar Musiker mit politischem Anspruch, denkt sich Michael Lang. Schließlich soll das Festival auch als Demonstration gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechtsbewegung dienen.

Joe Cocker, Melanie, Santana kannte so gut wie niemand

Bob Dylan wäre ideal. Für den wäre es zudem ein Heimspiel, weil er ja gleich um die Ecke wohnt. Aber Dylan hat keine Lust. Nichts zu machen. Joni Mitchell hat schon ihre Teilnahme bei Dick Cavetts TV-Talkshow zugesagt, Dick Cavett sagt niemand einfach so ab. Die Moody Blues haben schon für einen Auftritt bei einer politischen Protestveranstaltung in Paris unterschrieben. Jim Morrison von den Doors fürchtet sich vor Open-Air-Auftritten. Und die Manager vieler großer Zugnummern der Branche halten das Angebot für unseriös. So kommt’s, dass Michael Lang eine ganze Reihe von Bands und Solisten engagiert, die im Sommer 1969 so gut wie niemand kennt. Zum Beispiel einen mexikanischen Bandleader namens Carlos Santana, eine unter Lampenfieber leidende New Yorker Folk-Sängerin namens Melanie und einen britischen Klempner namens Joe Cocker. Um doch noch ein paar Zugnummern aufzubieten, greifen Rosenman und Roberts daheim in Manhattan noch mal tief in die Tasche und loben insgesamt 250.000 Dollar für Gagen und Spesen aus. Das hilft. Am Ende stehen drei Dutzend Zusagen auf der Liste.

Was fehlt noch? Eine Bühne. Türme für die mannshohen, jeweils eine halbe Tonne wiegenden Boxen und die 1300-Watt-Scheinwerfer. Stromleitungen, Wasserleitungen. Kilometerlange Telefonleitungen, denn das Handy ist noch nicht erfunden. Portable Feldküchen, portable Sanitäranlagen. Infrastruktur für – wie viele Menschen? Keine Ahnung.

400 Handwerker legen schon mal los. Rosenman und Roberts chartern für 16.000 Dollar eine Boeing 727. Mit der dreistrahligen Passagiermaschine werden aus New Mexico 80 Mitglieder der Hippie-Landkommune „Hog Farm“ eingeflogen, die sich um das Catering kümmern sollen. Jerry Garcia von den Grateful Dead hat sie den Veranstaltern wärmstens empfohlen. Hugh Romney alias „Wavy Gravy“, charismatischer Hohepriester der 80-köpfigen Truppe und Clown von Beruf, erinnert sich später: „Als wir zehn Tage vor Festivalbeginn eintrafen, fragten Michael und Artie: Könntet ihr vielleicht außer dem Catering auch noch die Security übernehmen?“ Eine wahnwitzige Idee: Ein Haufen pazifistischer Esoteriker soll für Sicherheit und Ordnung bei einem Mammut-Festival sorgen? Die klügste Idee, die Michael Lang und Artie Kornfeld jemals in ihrem Leben hatten, wie sich noch erweisen soll.

„Von jetzt an ist der Eintritt frei“, verkündet Chip Monck

Die Bühne ist noch nicht viel mehr als ein Gerippe, da campieren schon annähernd 100.000 junge Leute auf der Wiese. „Michael, was ist denn jetzt Ihr größtes Problem?“, fragt der gescheitelte und gestriegelte ABC-Reporter. Michael Lang überlegt kurz, dann antwortet er: „Keine Ahnung.“ Und knattert mit seinem Motorrad davon. Der ABC-Reporter sagt zu seinem Kameramann: „Ich brauche sein Gesicht später noch mal in Großaufnahme. Und zwar, wenn er völlig genervt aussieht.“ Der Reporter weiß, was die Redaktion braucht: schlechte Nachrichten. Der Bautrupp legt Nachtschichten ein.

Als Richie Havens am Freitag, 15. August, um 17.07 Uhr mit seiner akustischen Gitarre und seinen altmodischen Sandalen als erster Musiker zum Mikro schlurft, schrauben und hämmern an den Flanken der Bühne immer noch Dutzende Bauhelfer herum. Als Richie Havens das Spiritual „Motherless Child“ anstimmt, blickt er auf ein Meer von Menschen. Fast eine halbe Million schafft es bis zur Wiese am White Lake. Wie viele von ihnen ein gültiges Ticket (im Vorverkauf 18 Dollar für drei Tage) besitzen, weiß niemand. Denn es gibt keine Einlasskontrolle, weil die Kassenhäuschen und die Tore und die komplette Umzäunung des weitläufigen Geländes nicht rechtzeitig fertig werden.

Unzählige lassen ihr Auto einfach am Straßenrand der hoffnungslos verstopften State Route 17 B stehen und laufen die letzten 25 Kilometer zu Fuß. Man schätzt, dass noch mal fast eine halbe Million auf dem Weg zum Festival irgendwo im Nirgendwo gestrandet ist. Lang und Kornfeld, berauscht von den anströmenden Menschenmassen und vermutlich auch von ein paar anderen Dingen, fügen sich geschmeidig der normativen Kraft des Faktischen, bald steigt Lichttechniker und Zeremonienmeister Chip Monck auf die Bühne und verkündet übers Mikro: „Von jetzt an ist der Eintritt frei.“

Mit diesem Ansturm konnte niemand rechnen. Für horrende Summen chartern die Veranstalter kurzfristig Hubschrauber, die unablässig Lebensmittel und Medikamente, Musiker und Instrumente einfliegen. Dass auf der Bühne permanent improvisiert werden muss, stört das Publikum nicht weiter.

Nur Pete Townshend begreift das Festival-Motto nicht

Country Joe McDonald, dessen Band und Equipment erst später eintreffen, muss sich für seinen ungeplanten Solo-Auftritt eine Gitarre von den Grateful Dead leihen. Eine weitere Programmlücke stopft Ex-Lovin‘-Spoonful-Sänger John Sebastian, der nur als Zuschauer angereist ist. Ebenfalls mit einer geliehenen Akustikgitarre. „Seid alle nett zueinander“, sagt er ins Mikro.

Hunderttausende beherzigen seinen Rat. Nur einer nicht: Pete Townshend. Der Gitarrist der britischen Band The Who ist reichlich angenervt von dem Hippie-Getue. Aber die Gage ist ordentlich, und man kann ein bisschen Werbung für die neue Who-Rockoper „Tommy“ machen. Zwischen zwei Songs klettert der zweifellos anstrengende Polit-Aktivist Abbie Hoffman auf die Bühne und will übers Mikro eine Protestnote gegen die Verurteilung des Schriftstellers John Sinclair zu zehn Jahren Gefängnis verlesen. Da rastet Townshend aus, zieht Hoffman eins mit seiner E-Gitarre über und wirft ihn von der Bühne.

The Who bestanden auch kurz vor dem Auftritt auf Vorkasse. Deshalb musste eigens ein Bankdirektor aus dem Wochenende geholt und samt Barscheck per Hubschrauber zum White Lake geflogen werden.

Außer Pete Townshend benimmt sich ansonsten nur das Wetter daneben. Am Freitagnachmittag ist es noch brütend heiß. Aber als die Sonne untergeht, während des Auftritts des indischen Sitar-Meisters Ravi Shankar, bricht ein gewaltiges Gewitter los. Es regnet in Strömen, die grüne Wiese verwandelt sich im Nu in eine Sumpflandschaft. Das provisorische Bühnendach aus Segeltuch droht unter dem Druck der Wassermassen zu reißen.

Der Ablaufplan des Festivals ist längst Makulatur. Joan Baez kann ihren Auftritt deshalb erst gegen zwei Uhr morgens beenden. Sie ist im sechsten Monat schwanger, ihr Mann sitzt als Kriegsdienstverweigerer im Gefängnis. Bevor die Bühnenlichter für den kurzen Rest der Nacht ausgehen, ruft Chip Monk ins Mikro: „Findet einen guten Platz zum Schlafen und wünscht eurem Nachbarn eine gute Nacht.“

Die Künstler

In den nächsten beiden Nächten werden die Bühnenlichter gar nicht mehr ausgehen, weil sonst all die gebuchten Gigs nicht mehr unterzubringen wären.

Am Samstag meint es das Wetter mal gut mit dem Festival. Allein schon die atemberaubende Performance des erst 20-jährigen Santana-Schlagzeugers Michael Shrieve, jüngster Musiker des gesamten Festivals, lässt alle Unzulänglichkeiten der Orga vergessen. Und wird erst von Ten Years After und Alvin Lees elfminütigem „I’m Going Home“ getoppt. Woodstock hat auch große musikalische Momente.

Getragen von der allgemeinen Euphorie, betritt am Sonntagmorgen Landkommunarde und Hippie-Clown Wavy Gravy die Bühne. „Was wir jetzt hier vorhaben, ist Frühstück ans Bett für 400.000“, lispelt er durch seine Zahnlücken ins Mikro. Nichts beschreibt dieses historische Wochenende besser als dieser Satz. Eine halbe Million junger Leute auf engstem Raum demonstriert der Welt, dass Friede unter den Menschen keine Utopie sein müsste, dass eine alternative Kultur des Helfens und Teilens möglich sein könnte.

Wie im wirklichen Leben wird in der temporären Großstadt auf 250 Hektar gelebt, geliebt, gestorben, geboren. 18 Ärzte und 36 Krankenschwestern verzeichnen vier Fehlgeburten, zwei gesunde Babys, einen Heroin-Toten und einen Toten durch einen Traktor-Unfall. Aber keinen einzigen Verletzten aufgrund von Gewalt. Immer wieder tauchen prominente Musiker im Krankenzelt auf und geben für Patienten wie Helfer kleine Unplugged-Konzerte.

Am Sonntagnachmittag tobt ein Orkan

Die Frauenvereinigung der jüdischen Gemeinde und die katholischen Nonnen der Abtei St. Albert schmieren und verteilen gemeinsam 30 000 belegte Brote. Der Journalist Alistair Cooke schreibt am 19. August im britischen Guardian: „Die wunderbaren Leute, die damit rechneten, die Natur werde für sie sorgen, hatten Glück, dass ihnen so viel altmodischer christlicher und jüdischer Beistand zuteil wurde.“ Und der Polizeichef der benachbarten Kleinstadt Monticello sagt später: „Abgesehen von der politischen Einstellung und der Kleidung war das die höflichste, rücksichtsvollste und wohlerzogenste Gruppe von Jugendlichen, die ich in 24 Jahren Dienst getroffen habe.“

Hausherr Max Yasgur sieht das ähnlich. Im blütenweißen Hemd tritt der schwer herzkranke Farmer ans Mikro. „Ihr habt der Welt etwas bewiesen“, sagt er, formt seine beiden schwieligen Hände zu Peace-Zeichen und streckt sie gen Himmel.

Doch der Himmel ist auf Krawall gebürstet. Am Sonntagnachmittag, nach dem Auftritt von Joe Cocker, tobt ein Orkan über das Festivalgelände, gefolgt von sintflutartigen Regenfällen. Nelson Rockefeller, der Gouverneur des Staates New York, erklärt die Wiese bei Bethel zum Katastrophengebiet („desaster area“). Die US Army fliegt Notärzte ein und Erkrankte aus – mit Hubschraubern, wie man sie aus dem Vietnamkrieg kennt. Die Show muss erneut für drei Stunden unterbrochen werden. Die jungen Leute nutzen die Zeit zu fröhlichen Schlammbädern.