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Nach der Katastrophe: Wissenschaftler profitieren von Notre-Dame-Brand

Nach der Katastrophe : Wissenschaftler profitieren von Notre-Dame-Brand

Das Leben um die vom Feuer verwüstete Kathedrale hat sich normalisiert. Für Wissenschaftler ist das Gebäude zu einer Fundgrube an Erkenntnissen geworden.

Ein Durchkommen ist kaum möglich. Zäh schiebt sich die Masse Mensch an der hässlichen Blechwand in der engen Rue du Cloître-Notre-Dame entlang, immer wieder bleiben Touristen stehen, recken das Handy weit über den Kopf und fotografieren über den Zaun. Dort gibt es einiges zu beobachten. An einem Kran baumelt in schwindelnder Höhe ein Metallteil, ein Arbeiter brüllt unverständliche Kommandos in sein Sprechfunkgerät. Es ist Alltag an der Kathedrale Notre-Dame – auch in den Cafés in der Rue du Cloître-Notre-Dame.

Geschäftig laufen die Kellner zwischen den Stühlen umher. Touristen haben es sich bequem gemacht und beobachten enspannt die Arbeiten an der Kathedrale bei einem Kaffee oder einem Glas Wein. „Wir können nicht wirklich klagen“, sagt der Besitzer eines gut besuchten Restaurants am Beginn der kleinen Straße. „Natürlich gibt es einige Einbußen, das hält sich aber sehr in Grenzen.“ Zudem gebe es ja Versicherungen, die für den Schaden aufkomme, schiebt der Gastronom noch nach.

Natürlich ist der 15. April allen noch im Gedächtnis. „Es war die Hölle“, erinnert sich ein Kellner an jenen Abend, als im Dachstuhl der Kathedrale der verheerende Brand ausbrach. „Wir hatten alle einfach Angst, dass dieses Feuer unsere ganze Existenz auffrisst.“ Vor einer finanziellen Katastrophe für die gesamte Île de la Cité warnte in den Wochen nach dem Inferno denn auch Patrice LeJeune, Präsident der Händlervereinigung von Notre-Dame. Viele Geschäfte und Restaurants neben dem Gebäude hatten geschlossen hatten, bei anderen war von Umsatzeinbrüchen bis zu 70 Prozent die Rede.

Da Präsident Emmaunel Macron den Aufbau von Notre-Dame zu einer nationalen Aufgabe gemacht hat, musste natürlich auch den Geschäftsleuten im direkten Umfeld der Kathedrale geholfen werden. Frankreichs Finanzminister Bruno LeMaire hatte ihnen noch im Juni 350 000 Euro Hilfen zugesichert. Von diesen ganz düsteren Szenarien kann heute absolut keine Rede mehr sein. „Pas d’problèmes - Keine Probleme“, lautet die einhellige Antwort der Geschäftsleute in der Rue du Cloître-Notre-Dame. Es sei natürlich schwierig wegen der Einschränkungen durch die Arbeiten, heißt es, aber die Touristen würden weiter strömen – die meisten kämen ganz einfach, um einfach einen Blick auf die Katastrophe zu werfen.

Die Schaulustigen im Café können die Fachleute praktisch vom Logenplatz aus bei ihren Untersuchungen beobachten. Philippe Dillmann ist einer der Wissenschaftler, die auch Monate nach dem Inferno noch immer damit beschäftigt sind, die Schäden überhaupt aufzunehmen. Natürlich sei es eine Katastrophe, aber für den Direktor des nationalen Forschungszentrums CNRS bedeuten die Arbeiten an Notre-Dame auch eine einmalige Chance „außergewöhnliche Untersuchungen“ anzustellen. „Die Baumaterialien von Notre-Dame sind wenig erforscht“, sagt er. Die Kathedrale sei schlicht zu stark besucht gewesen, um in Ruhe zu arbeiten, zudem seien viele Teile nur schwer zugänglich gewesen. Das Feuer habe viele Elemente der Gebäudestruktur erst freigelegt.

Durch die aktuellen Untersuchungen an der Kathedrale lasse sich viel lernen über die Zeit zwischen dem 11. Und 13. Jahrhundert, der Entstehungszeit von Notre-Dame. Dazu gehören auch grundsätzliche Erkenntnisse über die Umweltverschmutzung durch das Blei, das bei der Konstruktion vor allem des nun zerstörten Daches und der Turmabdeckung in Massen verwendet wurde. Diese Forschung hat auch einen sehr aktuellen Anlass. Der Vorplatz von Notre-Dame ist unter anderem wegen der Bleiverschmutzung noch geschlossen. Auch in den angrenzenden Häusern wurden in den vergangenen Wochen Messungen durchgeführt, um nach möglichen gefährlichen Verunreinigungen durch den Brand zu suchen. Gefunden wurde nichts. Zur Sicherheit wurde in diesen Tagen aber beschlossen, alle Schulen in der Umgebung gründlich säubern zu lassen.

Sehr wenig Hoffnung machen die Wissenschaftler allerdings, dass die Brandursache letztendlich geklärt werden kann. Ausgeschlossen wird inzwischen ein krimineller Hintergrund. Wahrscheinlich ist, dass bei Renovierungsarbeiten im Dachstuhl ein Kurzschluss im elektrischen System das Feuer ausgelöst hat oder es war der Klassiker: eine unachtsam weggeworfene Zigarettenkippe.