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Eklat um Tatjana Kuwschinnikowa: Lehrerin verliert durch Foto Job in Russland

Eklat um Tatjana Kuwschinnikowa : Lehrerin verliert durch Foto Job in Russland

Tatjana Kuwschinnikowa, Russisch- und Literaturlehrerin aus Barnaul, lässt sich gerne fotografieren - vor allem im Badeanzug. Ihr Hobby und ein Foto kosten die 38-Jährigen nun den Job.

Auch sibirische Frauen lassen sich gern fotografieren. Tatjana Kuwschinnikowa, Lehrerin aus Barnaul, hat auf ihrer Seite im sozialen Netzwerk Vkontakte 603 Fotos platziert, meist Gruppenaufnahmen: Tatjana im Pelz, Tatjana in Volkstracht, Tatjana im Minirock, auf Skiern und beim Joggen.

Aber vor allem Tatjana im Badeanzug. Denn die Russisch- und Literaturlehrerin ist begeisterte Eisschwimmerin, zieht auch bei minus 30 Grad im großen Eisloch auf dem Barnauler Pionerskoje-See ihre Bahnen. „Im Januar bin ich hundert Meter in 2.15 Minuten geschwommen“, erzählt sie unserer Zeitung. Ihr Hobby kostete Tatjana, 38, jetzt ihren Job: Anfang Februar zitierte die Direktorin die Extremsportlerin zu sich. Sie warf Tatjana vor, sie kleide sich wie eine Schlampe, da sei es bis zur Pädophilie nicht mehr weit. „Ein Schandfleck für unsere Schule“. Und sie schlug ihr vor, selbst ihre Kündigung einzureichen.

Stein des Anstoßes war eines der 603 im sozialen Netzwerk geposteten Fotos Tatjanas, kurz vor Silvester am Pionerskoje-See aufgenommen. Dort posierte sie im kurzen Kleid und Stöckelschuhen an einem Barren, schüchtern lächelnd. „Das Foto war witzig gemeint“, versichert sie, „und hat bestimmt niemanden beleidigt.“

Schüler und Eltern stellten sich prompt hinter ihre Lehrerin, aber die Schulleitung setzte sie mit massiven Unterrichtskontrollen unter Druck. Mitte Februar bat Tatjana selbst um ihre Papiere. „Entlassen wegen ihrer tollen Figur“, titelt die Massenzeitung „Moskowski Komsomoljez“ empört. Tatsächlich sieht Tatjana gut aus. Aber vor allem stiftete sie ihre Schüler und auch deren Eltern an, sich zusammen mit ihr ins Eiswasser zu wagen, natürlich mit Badeanzug-Gruppenfoto im Schnee hinterher. „Diese Entlassung ist ungerecht“, klagt Tatjana. „Wenn ein Lehrer jene gesunde Lebensweise zeigt, die auch der Staat propagiert, sollte das im Gegenteil begrüßt werden.“

Sexuelle Aggression

Aber an vielen vaterländischen Schulen herrscht eine Moral, die etwa 100 Jahre hinter dem Selbstverständnis junger Russinnen herhinkt. In der Regel riskieren Pädagogen im heutigen Russland Abmahnungen oder Entlassungen, wenn sie Antiputin-Plakate reposten, für die Opposition im Stadtrat sitzen oder den Bürgermeister laut kritisieren. Vor allem aber, wenn sie die falsche sexuelle Orientierung besitzen. Der Petersburger Schwulenfeind Timur Bulatow etwa rühmt sich, er habe im Verlauf mehrerer Jahre die Entlassung von über 60 homosexuellen Lehrern erwirkt.

Tatjana Kuwschinnikowa aus Barnaul aber ist Ehefrau und Mutter, Nichtraucherin und politisch erklärtermaßen konservativ. Eigentlich jemand, der zu den Kandidaten beim staatlichen Wettbewerb „Lehrer des Jahres“ gehören sollte. Jungbuchhalterinnen, Studentinnen oder auch Abiturienten präsentieren sich auf Facebook oder in der Disco freizügig bis lasziv. Nackte Pädagoginnenhaut aber gilt vielen in der Branche als abartige sexuelle Aggression. Auch jenseits der Klassenzimmer. Vergangenes Jahr wurde eine 26-jährige Englischlehrerin in Omsk gefeuert. Sie hatte sich auf der Website einer Agentur für mollige Modells im gepunkteten Retrobadeanzug präsentiert. Die Frau wurde wieder eingestellt, nachdem Kolleginnen aus ganz Russland einen Flashmob im Internet veranstaltet hatten: Sie zeigten sich in zum Teil winzigen Bikinis. Hashtag: „Auch Lehrer sind Menschen.“

Jetzt lieber zur Kunstschule

Tatjana winkt jetzt ebenfalls eine neue Anstellung. Der Bildungsminister der Region Altai sagte dem Kanal TV-Ren, so dürfe man nicht mit solch sportlichen und gesund lebenden Kadern umspringen. Die Entlassung sei wohl ein Missverständnis zwischen den Generationen gewesen, er habe auf dem umstrittenen Foto nur das „energische, schöne Gesicht einer jungen Frau und Lehrerin gesehen“.

Tatjana gab man schon zu verstehen, sie solle im Ministerium wegen einer neuen Stelle vorsprechen. Aber sie selbst will kein Russisch mehr unterrichten. „Ich würde lieber an einer Kunstschule anfangen.“ Die eisschwimmende Pädagogin ist nebenher noch ausgebildete Porträtmalerin. Auch sibirische Frauen haben mehr Interessen, als sich nur fotografieren zu lassen.