Rätselhaftes Lebewesen Der Blob sorgt für Furore im Pariser Zoo

Paris · Es ist keine Pflanze, kein Pilz, hat aber besondere Fähigkeiten: Im Pariser Zoo sorgt eine unsterbliche Lebensform für Furore.

 Viel Getöse um eine gelbe Flechte: Der Blob lebt im Pariser Zoo, hat kein Gehirn, aber 720 Geschlechter und bewegt sich, wie das Foto zeigt, vorwärts.

Viel Getöse um eine gelbe Flechte: Der Blob lebt im Pariser Zoo, hat kein Gehirn, aber 720 Geschlechter und bewegt sich, wie das Foto zeigt, vorwärts.

Foto: Knut Krohn

Der Blob ist ein kurioser Kerl. Er kann fressen, ohne einen Mund zu haben. Er hat kein Gehirn, ist aber dennoch lernfähig. Der Blob hat 720 Geschlechter, kann sich fortbewegen – und er ist unsterblich. Die Frage ist: Wieso hat ein Wesen mit solchen Fähigkeiten noch nicht die Weltherrschaft übernommen? Audrey Dussutour hat eine sehr einfache Erklärung dafür: „Der Blob wird gefressen“, sagt die Forscherin aus Toulouse, die als eine der weltweit führenden Blob-Expertinnen gilt. Bei Nacktschnecken stehe der Blob ganz oben auf dem Speiseplan.

Genau betrachtet ist der Blob ein alter Bekannter. Seit Anfang der 70er Jahre steht er im Fokus der Wissenschaft, doch immer wieder werden neue Fähigkeiten des mysteriösen Wesens entdeckt. Im Zoo von Paris hat sich am Wochenende nun die Blob-Fangemeinde zusammengefunden. Sie hing gebannt an den Lippen der Wissenschaftlerin, die ihre neuesten Forschungsergebnisse preisgab. Nachdem die Frage nach der Weltherrschaft geklärt war, führte Audrey Dussutour ihre Zuhörer tief in die Geheimnisse des Lebens eines Blobs ein.

Den Namen erhielt der Blob von einem alten Science-Fiction-Film

Größtes Faszinosum: Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, was dieser Organismus eigentlich ist. Er ist keine Pflanze, aber auch kein Pilz, obwohl er Fruchtkörper ausbildet, zudem verhalten sich die Einzeller auch wie Tiere. Offiziell heißt der Blob Physarum polycephalum. Seinen Namen verdankt er einem schlechten Science-Fiction-Film mit dem Titel „Blob – Schrecken ohne Namen“ von 1958. Darin verschlingt ein außerirdisches Lebewesen alles, was ihm in den Weg kommt.

In diesem kulinarischen Zusammenhang verrät die französische Forscherin ein kleines Geheimnis. Der Blob liebt Haferflocken. Wie er seine Lieblingsnahrung erkennt, kann sie allerdings nicht genau erklären, denn der Organismus hat weder Augen noch Nase oder ein Gehirn, mit dem er die notwendigen Informationen verarbeiten könnte. Doch weil der Blob ein ziemlich gefräßiger Geselle ist, werden die Haferflocken dazu eingesetzt, die „Intelligenz“ des Organismus nachzuweisen. Denn der Blob findet ziemlich schnell den kürzesten Weg durch ein Labyrinth, an dessen Ausgang sich seine Leibspeise befindet. Und: Der Blob kann sich an den Weg erinnern. Das heißt, er ist lernfähig. Zudem kann er das Gelernte an einen anderen Blob weitergeben.

Den Weg zu seiner Lieblingsspeise findet der Blob auch nach einem Jahr Schlafen

Um das nachzuweisen, hat Audrey Dussutour in ihrem Labor einen Blob für ein Jahr „schlafen gelegt“, wie sie sagt. Wird der Blob danach wieder aufgeweckt, findet er sofort den einmal gelernten Weg durch das Labyrinth zu den Haferflocken. Verdaut wird das Futter mithilfe eines Enzyms, das das Lebewesen ausscheidet – Mund und Magen fehlen.

Was es Audrey Dussutour besonders angetan hat, ist die Tatsache, dass der Blob offenbar eine Art Charakter besitzt. Um das zu beweisen, wurden zwei der Organismen – einer aus Australien, der andere aus Japan – in einer Petrischale auf Futtersuche geschickt. Während der Blob aus Australien sich erst einmal gemütlich in der näheren Umgebung „umgesehen“ hat, machte sich der japanische Blob sehr zielstrebig auf in Richtung Futterplatz. Der Organismus bewegt sich fort, indem er seine Außenwand nach außen stülpt. Dazu bewegt er das Plasma in seiner Zelle rhythmisch vor und zurück.

Grelles Licht mag er nicht – Fliegenpilze dafür schon

Allerdings ist die Sache mit der Fortpflanzung sehr genau geklärt, sagt Audrey Dussutour, und enttäuscht dann die Phantasie mancher Zuhörer, die sich so ihre Gedanken angesichts der 720 Geschlechter gemacht haben. Das laufe nicht wie bei normalen Lebewesen ab, wo Ei- und Samenzelle miteinander verschmelzen. Der Blob überträgt Informationen direkt von einer Spenderzelle auf eine Empfängerzelle, erklärt die Wissenschaftlerin, was auf 720 verschiedene Arten passieren könne. „Von Geschlechtern zu sprechen, ist also etwas ungenau.“

Nachgewiesen ist auch, dass der Blob kein grelles Licht mag. Aus diesem Grund ruht er im Zoo von Paris im Halbdunkel des Vivariums. Über eine interaktive Computeranimation werden die Fähigkeiten des Organismus beschrieben und eine Mitarbeiterin des Zoos steht Rede und Antwort. Der Blob ruht derweil auf einem Ast und macht sich genüsslich über einen Fliegenpilz her.

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