Kriminelle Clans in NRW: Mitglieder arabischer Großfamilien bedrohen Polizisten

Arabische Großfamilien in Essen : Kriminelle Clans bedrohen Polizisten

Beamte aus Essen berichten von dreisten Einschüchterungen durch Großfamilien – gegen sie selbst und gegen Behördenmitarbeiter. Die Gewerkschaft ist alarmiert und fordert schärfere Gesetze.

Ich scheiß hier auf alles. Hört ihr, ich scheiß hier auf alles!" Ohne Hemmungen brüllt die Frau mit Kopftuch, Gucci-Handtäschchen und teurer Armbanduhr die beiden jungen Polizisten an, die in Essen nahe einem Friedhof auf einem Feldweg dicht an ihrem Streifenwagen stehen, um sich im Notfall sofort zurückziehen zu können.

Die Frau gehört einem großen Essener Clan an, ist vermutlich die Frau eines der Bosse. Sie ist aufgebracht, weil es die Beamten gewagt haben, eine Beerdigung zu stören. Hinter ihr stehen 15 bis 20 weitere Clanmitglieder auf einem Parkplatz. Die beiden Polizisten, Lisa Martini und Steffen Baumeister, sind bemüht, die Lage nicht eskalieren zu lassen. Es gelingt ihnen. Mit Mühe.

Der Vorfall, den die Polizei gefilmt hat, spiegelt den rauen Polizeialltag auf Essens Straßen wider. Die beiden Beamten, die in dem Polizei-Video zu sehen sind, heißen in Wirklichkeit anders. Genau wie ihre Kollegen vom Streifendienst, der Einsatzhundertschaft und dem Leitungsstab, die für unsere Redaktion vom täglichen Kampf gegen kriminelle Clans in ihrer Stadt berichten. Aus Sicherheitsgründen haben wir ihre Namen geändert.

Die fünf Polizisten (vier Männer und eine Frau) sagen, dass sie weder beschönigen noch dramatisieren. Sie sagen einfach, was sie erleben und empfinden, wenn Clanmitglieder sie bis vor die Haustür verfolgen und sie in den Rückspiegel schauen müssen, weil sie befürchten, verfolgt zu werden. Ihre Schilderungen finden sich in keiner Pressemitteilung, in keinem Lagebild, in keiner Kriminalitätsstatistik.

Essen ist Clanland. Keine andere Stadt in Nordrhein-Westfalen leidet mehr unter diesen kriminellen Strukturen. Ganze Stadtteile sollen unter der Kontrolle der Clans stehen, sagen die Polizisten. Selbst rund um den Limbecker Platz mit dem bekannten Einkaufszentrum, also mitten in der Innenstadt, müsse man als normaler Bürger vorsichtig sein. "Das sind ihre Wohnzimmer. Dort kann ich nicht einfach so hergehen und machen, was ich möchte. Ich muss schon den Clanmitgliedern den Respekt zollen, den diese meinen, erwarten zu können. In diesen Vierteln herrscht ein anderes Recht. Das sehen die Clans so. Das muss man so deutlich sagen", erklärt Dominik Pelzer von der Bereitschaftspolizei. "Mache ich das nicht, weil ich denke, ich bin hier in einer normalen deutschen Straße, muss ich mit Konsequenzen rechnen", sagt er.

Rund um das Einkaufszentrum patrouillieren die Clans in Gruppen von fünf bis sechs jungen Männern, stecken so ihr Territorium ab. Junge Frauen müssen dort besonders vorsichtig sein. "Die werden nicht nur aufs Übelste angebaggert, sondern richtig heftig belästigt", sagt Pelzer. Wer hier den Weg oder auch nur die Blicke von Clanmitgliedern kreuzt, bekommt Probleme. "Dann wird man definitiv sofort von denen angemacht. Wenn man dann dagegen hält, eskaliert die Situation, und sie zeigen dir dann, wer hier das Sagen hat, sprich: sie wenden Gewalt an", so der 51-Jährige.

Das große Kino hinter dem Einkaufszentrum betrachten die Clans mehr oder weniger als ihr Eigentum - zumindest benehmen sie sich so. "Die marschieren dort mit 15 bis 20 Leuten rein und setzen sich ohne zu bezahlen in die Vorstellungen", so Pelzer. Er selbst sei einmal privat mit seinem Sohn in einer Filmvorführung gewesen, als plötzlich Clanmitglieder hereinkamen und randalierten. Er sei mit seinem Sohn gegangen. "Alles andere hätte zu einer Eskalation geführt."

In den Essener Clanhochburgen treffen die Ermittler auf eine Mauer des Schweigens - selbst die Opfer hielten dicht. Besonders, wenn es um Schutzgelderpressung geht. "Wer in diesen Gegenden einen neuen Laden eröffnen will, wird mit Sicherheit von den Clans angesprochen, ob er nicht Schutz benötige", sagt Martini. Wer ablehne, werde eingeschüchtert. Thomas Behrens vom Leitungsstab sagt, das sei für die Clans ein sehr einträgliches Geschäft. "Letztens hat ein Lokal neu aufgemacht und noch am selben Tag kam eine libanesische Familie rein und sagte zum Besitzer: Pass mal auf, ab morgen stehen hier drei Geldspielautomaten von uns. Und wenn nicht, dann hast du ein Problem." Zwischen 2000 und 3000 Euro machen die Clans allein auf diese Weise im Monat - und das pro Automat.

Die Geschäftstreibenden lassen das geschehen oder geben auf. Manche werden aus ihren Läden gedrängt. Dasselbe finde in den Ämtern der Stadtverwaltung statt. Die Clanmitglieder träten dort sofort aufbrausend auf, schrien und drohten, wenn sie ihren Willen nicht bekämen, meist ihre Sozialleistungen. "Dann bekommen die Sachbearbeiter ein Bild von der Schule ihrer Kinder auf den Tisch gelegt", sagt Pelzer. Diesen Druck halte niemand lange aus.

Man müsse leider konstatieren: "Die Einschüchterung funktioniert. Das ist ein erfolgreiches Geschäftsmodell", sagt der erfahrene Polizist. Er selbst nimmt sich davon nicht aus. Wenn ich zum Beispiel bei einer Verkehrskontrolle sehe, in einem Mercedes S-Klasse AMG sitzen vier Bodybuilder, verhalte ich mich anders. Das ist für mich keine normale Verkehrskontrolle. Ich lasse mich dadurch auch beeinflussen. Ganz klar. Das will ich nicht leugnen."

Besonders diese Fahrzeugkontrollen gehören zum Alltag der Ermittler. Sie werden von Clans häufig sogar selbst provoziert, indem sie hupend, grölend und gestikulierend an Polizisten vorbeifahren - und zwar betont langsam. "Die wollen, dass wir sie anhalten, um uns ihre Macht zu demonstrieren und um uns bis aufs Blut reizen zu können", sagt Steffen Baumeister.

Das laufe dann wie folgt ab: Die Schutzpolizei, meistens zu zweit auf Streife, hält ein höherwertiges Auto an; vier bis fünf Männer sitzen darin. Die Polizisten wollen Fahrzeugschein und Führerschein sehen. "Der Fahrer sagt uns dann: Das kriegst du nicht. Guck dich mal um: Wir sind zu fünft und ihr zu zweit. Ihr wisst, was passiert, wenn wir aussteigen." Ein anderes Mal wird der Führerschein vom Fahrer auf die Straße geschmissen. Das sei ebenfalls ein Machtspielchen. "Es geht darum, wer den jetzt aufhebt", sagt er. Die Polizisten stehen vor der Frage: Halten wir dagegen? Oder machen wir einen Rückzieher? Sobald die Polizei in den Kofferraum schauen will oder nach wirtschaftlichen Verhältnissen fragt, rufen die Clanmitglieder einen Anwalt an.

Die Einschüchterungsversuche nehmen weiter zu, "wenn sie merken, dass wir sie wegen irgendetwas dran kriegen können", sagt er. "Oder wir ihren Wagen beschlagnahmen könnten." Aber dazu kommt es nur selten. "Wir legen kaum noch ein Auto still", sagt Martini. "Von denen ist kaum einer so dumm und meldet das Auto auf sich selbst an. Denn dann könnten wir ja gegen ihn vorgehen, seine wirtschaftlichen Verhältnisse prüfen", sagt die Schutzpolizistin. Angemeldet seien die Karossen häufig auf einen Dönerladen oder Scheinfirmen; oft sind sie aber auch nur gemietet für ein Wochenende. Da teilten sich dann vier, fünf Leute so ein Auto, sagt sie.

Auch der Aufwand solcher Fahrzeugbeschlagnahmungen sei kaum gerechtfertigt. "Hinter solchen Maßnahmen hängt ein gewaltiger bürokratischer Rattenschwanz, der Personal bindet, das woanders dringender gebraucht wird. Und das alles nur, um das Auto am nächsten Tag wieder rausgeben zu müssen, weil ein Richter es so anordnet." Oft seien es nur optisch gute Fahrzeuge. "Wenn man sich die genauer anschaut, stellt sich heraus, dass es Unfallfahrzeuge in schlechtem technischen Zustand und von geringem Wert sind", sagt Baumeister. In der Szene sei mehr Schein als Sein.

Das Auftreten der Clanmitglieder in der Öffentlichkeit hängt stark von der Gruppenstärke ab. Je größer sie ist, umso aggressiver wird das Verhalten. "Trifft man einen allein an, ist dieser umgänglich. Sobald sie zu mehreren sind, ist das sofort anders", sagt Martini. Auch die Zahl der Polizisten, auf die die Clanmitglieder treffen, spielt eine Rolle. So wird einer Fußstreife mit zwei Beamten aggressiver gegenübergetreten als einer Streife mit Bereitschaftspolizisten einer Hundertschaft.

Generell unterscheiden die Clans zwischen Streifenbeamten und Einsatztrupps. Das Alter der Polizisten spielt eine entscheidende Rolle. "Bei erfahreneren Kollegen treten die anders auf. Vor denen haben sie mehr Respekt, sie denken, das ist noch alte Schule", sagt Martini. "Die wissen, dass die Ausbildung der jüngeren Polizisten anders ist als bei unseren älteren Kollegen. Und sie nehmen uns deshalb weniger ernst." Pelzer gibt ihr Recht: "Wenn der einschreitende Polizist jünger ist als das kontrollierte Clanmitglied, fassen die das als Ehrverletzung auf."

Die Essener Polizei geht seit einem Jahr entschiedener gegen die Clans vor - so massiv wie kein anderes Polizeipräsidium in Deutschland. Dafür hat man eine sogenannte Bao (Besondere Aufbau-Organisation) ins Leben gerufen. Seitdem wird gezielt und permanent Druck auf die Kriminellen ausgeübt. Durchsuchungen und Fahrzeugkontrollen im Milieu gehören zum Alltag.

Der Kampf ist langfristig angelegt. "Die Strukturen lassen sich nicht von heute auf morgen zerschlagen. Dafür benötigen wir Jahre", sagt Essens Polizeipräsident Frank Richter. So arbeiten in der Bao rund 50 Beamte, die sich nur mit kriminellen Mitgliedern der Großfamilien mit arabischer Zuwanderungsgeschichte befassen.

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