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Kernkraftwerk in Fessenheim: Reaktorabschaltung sorgt für Wut und Erleichterung

Kernkraftwerk in Frankreich : Reaktorabschaltung in Fessenheim sorgt für Wut und Erleichterung

Das Aus für das Atomkraftwerk Fessenheim ist für die Gemeinde nicht nur finanziell ein schwerer Schlag. Während auf deutscher Seite Erleichterung zu spüren ist, sind viele Franzosen wütend über die Entscheidung.

Auch am Ende ist noch lange nicht Schluss. Nachdem im AKW Fessenheim die Reaktoren längst heruntergefahren sind, werden in den 39 umliegenden Gemeinden weiterhin kostenlos Jodtabletten in den Apotheken verteilt, ist auf der Internetseite der Electricité de France (EDF) zu lesen. Sie sollen bei einem Atomunfall in einem der Meiler verhindern, dass radioaktives Jod vom Körper aufgenommen wird. Mit dem Abschalten ist nach Einschätzung von Experten eine gefährliche Kernschmelze zwar nicht mehr möglich, doch die EDF will als Betreiberin des Atomkraftwerkes kein Risiko eingehen.

Vor 43 Jahren ging der 1800-Megawatt-Meiler ans Netz, doch am 22. Februar 2020 um 2.30 Uhr beginnt der Anfang vom Ende. Dann wird der erste der beiden Druckwasserreaktoren heruntergefahren, am 30. Juni folgt der zweite. Mindestens 20 Jahre wird der Rückbau der gesamten Anlage dann noch dauern. Ob bis dato die Wunden verheilt sind, die der Streit um das Atomkraftwerk bei den Menschen in der Region gerissen hat, ist mehr als fraglich.

In Fessenheim verläuft der Graben zwischen Gegnern und Befürwortern ziemlich genau entlang der deutsch-französischen Grenze im Rheintal. Auf der deutschen Rheinseite fordern Bürgerinitiativen und Politik seit Jahren vehement das Ende der Anlage. Für die Gefährlichkeit der Anlage wurden immer wieder die verheerenden Bilder aus Fukushima oder Tschernobyl angeführt. „Das Atomkraftwerk Fessenheim hätte nie in Betrieb gehen dürfen“, sagt Stefan Auchter von der Umweltorganisation BUND. „So gesehen kommt die Abschaltung 43 Jahre zu spät.“

Auch die grün-geführte baden-württembergische Landesregierung hat sich für das Ende des ältesten französischen Reaktors stark gemacht, der ein „enormes Risiko für die ganze Region“ sei. In Stuttgart wird argumentiert, dass bei einem schweren Unfall in Fessenheim das rund 30 Kilometer Luftlinie entfernte Freiburg komplett evakuiert werden müsste. Zudem stehe das Atomkraftwerk nicht auf ewig festem Grund - rechtsrheinisch liege die erdbebenstärkste Region Deutschlands. Gegen Erdbeben aber seien die Reaktoren nur unzureichend gesichert, ebenso wenig gegen einen Flugzeugabsturz oder einen terroristischen Anschlag.

Im Elsass dagegen haben Politiker, Gewerkschaften und vor allem die Anwohner genauso erbittert für die Erhaltung des Kraftwerks gekämpft. Doch jetzt ist Schluss. „Non à la fermeture de Fessenheim!“ weht auch jetzt noch ein Banner am Zaun des Geländes. Unzählige Hochspannungsleitungen prägen den Blick auf den Ort und das dahinterliegende Bergpanorama der Vogesen. Die meisten der mehr als 1200 Mitarbeiter der Anlage schwanken zwischen Wut, Trauer und Verzweiflung. Für viele Familien heißt es, dass sie in den kommenden Jahren umziehen müssen. Über 200 EDF-Angestellte sind nach Angaben des Betreibers bereits an andere Standorte versetzt worden.

Die meisten von ihnen verstehen die Entscheidung des französischen Staates nicht, die Reaktoren endgültig herunterzufahren. In ihren Augen stellt das Atomkraftwerk auch trotz seines Alters und der immer wieder aufgetretenen Störfälle keine Gefahr dar. Viele waren stolz, in dem Meiler arbeiten zu können. Der Ingenieur Frédéric Simeoni schwärmt von dem brummenden Geräusch im Maschinenraum, wenn die Reaktoren Strom produzierten, der Wärme und dem leichten Vibrieren. All das sei nun Vergangenheit, sagt der 56-Jährige, der seit fast 30 Jahren in Fessenheim arbeitet. Seine Aufgabe wird es in den kommenden Jahren sein, die Meiler beim streng kontrollierten Rückbau zu überwachen.

Viele der Angestellten des Kraftwerkes halten die Entscheidung für politisch motiviert. Immer wieder fällt der Name des französischen Ex-Präsidenten Francois Hollande. Der habe im Wahlkampf um das Präsidentenamt 2012 Fessenheim für ein paar Stimmen von Umweltschützern und Atomkraftgegnern geopfert. Allerdings brach der Sozialist dann sein Versprechen, die Anlage schon 2016 abzustellen, das übernimmt nun sein Nachfolger Emmanuel Macron. Aber auch ihm wird vorgeworfen, damit nur ein politisches Zeichen an die europäischen Nachbarn setzen zu wollen, dass es Frankreich ernst meine mit dem Ausstieg aus der umstrittenen Kernenergie, hin zu einer ökologischen Wende bei der Stromgewinnung.

Allerdings liegt der Atomanteil am Strommix in Frankreich auch nach dem Aus in Fessenheim noch deutlich über 70 Prozent. Anfangs hatte die Regierung in Paris vor, diesen Anteil bis 2025 auf 50 Prozent zu senken, doch dieses ehrgeizige Ziel wurde inzwischen wieder kassiert und um mindestens zehn Jahre nach hinten verschoben.

Auch Fessenheims Bürgermeister Claude Brender ist überzeugt, dass seine Gemeinde vom fernen Paris als eine Art „politische Geisel“ genommen wurde, um damit auf Stimmenfang zu gehen. Er hält das Ende des AKW für unsinnig. Das Kraftwerk sei abbezahlt, höchst rentabel - und sicher. Die Angst der Menschen vor den Gefahren führt er auf „Falschinformationen“ zurück. Viel gefährlicher seien Kohlekraftwerke mit ihren Emissionen, wie es sie in Deutschland zu Hauf gebe. Auf den Nachbarn ist Brender generell nicht gut zu sprechen. Die Berliner Energiewende hält er für ein Fiasko. Sinnvoller wäre es seiner Ansicht nach gewesen, zuerst aus der Stromproduktion durch Kohle auszusteigen und erst danach aus der Kernenergie.

Der Zorn des Bürgermeisters ist durchaus nachzuvollziehen. Während auf der deutschen Rheinseite und in der Schweiz die Wirtschaft boomt, ist die 2400-Einwohner-Gemeinde von dem Arbeitgeber EDF abhängig. Mit dem Ende des Kraftwerks gehen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verloren. Fessenheim fordert zum Ausgleich Millionenhilfen, dem Betreiber EDF hat der Staat bereits eine Abschaltprämie von 400 Millionen Euro zugesagt.

Doch Präsident Macron hat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) andere Pläne für die Region geschmiedet. Aufgebaut werden soll ein deutsch-französischer Industriepark, der mit bis zu einer Million Euro Starthilfe gefördert werden soll. Was sich dort ansiedeln könnte, um den Verlust des AKW für Fessenheim zu kompensieren, ist allerdings noch offen. Eine Solaranlage war im Gespräch oder eine Fabrik, die Windräder herstellt. Das alles ist allerdings lediglich Zukunftsmusik.