Apokalyptische Verwüstung: Hochwasser verwüstet Venedig

Apokalyptische Verwüstung : Hochwasser verwüstet Venedig

Gondeln werden fortgerissen, Gebäude zerstört, Hotels und der Markusdom geflutet: Venedig wird vom zweithöchsten Hochwasser seiner Geschichte heimgesucht. Der Pegelstand näherte sich am Dienstagabend der Marke des Jahrhunderthochwassers von 1966.

Am Mittwochmorgen heulten erneut die Sirenen in Venedig. Sie kündigen in der Lagunenstadt das Hochwasser an. In der Nacht hatte die „alta marea“ bereits für schwere Verwüstungen gesorgt und mindestens einen Menschen das Leben gekostet. Am Dienstagabend war der zweithöchste Wasserstand in der Geschichte der Aufzeichnungen in der Stadt gemessen worden. 187 Zentimeter erreichte der Wasserpegel, das waren nur sieben Zentimeter weniger als beim „Jahrhunderthochwasser“ von 1966.

Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro sprach von einem „Desaster“ und machte den Klimawandel für das Hochwasser verantwortlich. Der Gouverneur der Region Venetien Luca Zaia sagte: „Wir haben es mit einer apokalyptischen und totalen Verwüstung zu tun, ich übertreibe nicht.“ 80 Prozent Venedigs stünden unter Wasser, es seien „unkalkulierbare Schäden“ entstanden. Dauerregen in den vergangenen Tagen und heftige Winde hatten die Lagunenstadt unter Wasser gesetzt.

Auf der Venedig vorgelagerten Insel Pellestrina, deren Straßen komplett vom Wasser bedeckt waren, starb in der Nacht auf Mittwoch ein 78-jähriger Mann. Er hatte versucht, die elektrischen Wasserpumpen wieder zum Laufen zu bringen und war dabei von einem Stromschlag getroffen worden. Auch eine zweite Person kam am Dienstagabend auf Pellestrina ums Leben, ob die Todesursache ebenfalls mit dem Hochwasser zusammen hängt, ist nicht klar.

Am Mittwochmorgen wurde die Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Opfer einer zweiten Hochwasserwelle. Der Pegel erreichte 1,60 Meter. Die Schulen öffneten am Mittwoch nicht. Der öffentliche Personennahverkehr war wegen der schweren Schäden stark eingeschränkt. Touristen konnten sich in der Stadt nur schwierig fortbewegen. Ambulante Händler verkauften Gummistiefel. Venedig wird jährlich von Hochwasser heimgesucht, diesmal sind die Pegelstände allerdings besonders hoch. Die Überflutung kommt zustande, wenn starker Südwind die Flut in die Kanäle der Lagunenstadt treibt. In der Nacht auf Mittwoch hatte der Wind Geschwindigkeiten von 100 km/h erreicht.

Venedig bot deshalb ein Bild der Verwüstung. Drei Vaporetto-Boote, die an der südöstlichen Ortsspitze Venedigs am Dampfersteg Sant'Elena festgemacht waren, wurden vom Hochwasser davon gespült. Landungsbrücken wurden zerstört. Dutzende Boote und Gondeln waren beschädigt worden. Nicht nur der Markusplatz, der schon bei geringem Hochwasser überspült wird, stand unter Wasser. Diesmal erreichten die Fluten sogar die Krypta in der Markus-Basilika. Hier wurde ein Wasserstand von 1,10 Meter gemessen, Experten machten sich Sorgen um die Statik der Säulen in der Kirche.

Vom Hochwasser war auch das Opernhaus La Fenice betroffen. Die Feuerwehr musste zudem einen Brand im Museum für moderne Kunst Ca' Pesaro wegen eines Kurzschlusses löschen. Im Internet kursierten Videoaufnahmen von überfluteten Hotel-Lobbies am Canal Grande, von zerstörten Glasvitrinen und weggespültem Bar-Mobiliar auf den Terrassen der Touristen-Metropole.

Bürgermeister Luigi Brugnaro sprach von einer „außerordentlich schwierigen Situation“. Es seien unkalkulierbare Schäden entstanden. Der Bürgermeister rief die Bürger auf, die an ihren Gebäuden entstandenen Schäden für eventuellen späteren Schadensersatz zu dokumentieren. Wissenschaftler warnen seit Jahren vor den Folgen des Klimawandels für Venedig. Das von der Erderwärmung verursachte Ansteigen des Meeresspiegels bedrohe Venedig in seiner Existenz. Umweltschützer bemängeln zudem den extremen Schiffsverkehr in der Lagunenstadt, insbesondere übergroße Kreuzfahrtschiffe gefährdeten die Unterwasser-Statik der auf Pfählen gebauten Stadt.

Brugnaro wies außerdem darauf hin, dass die seit Jahrzehnten geplante Flutsperre vor der Lagune endlich fertig gestellt werden müsse. Das sogenannte Moses-Projekt besteht aus ferngesteuerten Unterwasser-Barrieren, die die Flutung der Lagune verhindern sollen. 7,4 Milliarden Euro kostete das umstrittene Projekt, das zwischenzeitlich wegen eines Korruptionsskandals auf Eis lag. Bis heute sind sich die Venezianer nicht einig über Sinn und Effektivität des Milliarden-Projekts.