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Riedböhringen steht unter Quarantäne: Dorf im Schwarzwald wird wegen Corona-Fällen an den Pranger gestellt

Riedböhringen steht unter Quarantäne : Dorf im Schwarzwald wird wegen Corona-Fällen an den Pranger gestellt

Über Riedböhringen wird eine Ausgangssperre verhängt, weil dort viele positive Fälle getestet werden. Weh tut den Einwohnern aber vor allem die Reaktionen von außen, denn von dort schlug den Bewohnern Hass und Misstrauen entgegen.

Nein – Adelbert Fricker schwebt nicht zwischen Leben und Tod! Er liegt nicht auf der Intensivstation! Er wird auch nicht künstlich beatmet! Der Mann sitzt quicklebendig im Garten auf der Terrasse im heimischen Riedböhrigen und blinzelt in die Frühlingssonne. Dann versucht er zu erklären, wie er zu einer Art Star in der Geschichte über die Ausbreitung des Coronavirus werden konnte.

Adelbert Fricker lacht viel. „Man kann das nur mit Humor nehmen“, sagt er. Der Mann hätte in diesen Tagen allerdings auch einigen Grund dazu, Zweifel am Verstand der Menschheit zu hegen. Oder wie Fricker es ausdrückt: „Es sind eben ziemlich viele Idioten unterwegs!“

Die ganze Geschichte beginnt sehr fröhlich. Wie jedes Jahr fahren einige Freund aus Riedböhringen, einem kleinen 1000-Einwohner-Dorf am Rand des Südschwarzwald, Anfang März nach Ischgl zum Skifahren. Sie sitzen zusammen mit anderen Gruppen aus den umliegenden Gemeinden in mehreren Bussen. Kein Mensch redet über Corona, damals noch die Krankheit aus dem fernen China, alle freuen sich über einige ausgelassene Tage im Schnee.

Nach der Rückkehr geht der Alltag weiter, doch nach einigen Tagen fühlt sich Adelbert Fricker plötzlich schlecht. „Wir hatten eine Feuerwehrprobe und mir taten von einem Moment auf den anderen, der Kopf, die Muskeln und die Gelenke weh“, erinnert sich der durchtrainierte Mann, den eigentlich nichts so schnell umhaut. Er geht sofort nach Hause und legte sich ins Bett. Nach einem Test kommt die Diagnose: Cornavirus. Seine vier Freunde von der Feuerwehr müssen natürlich auch sofort in Quarantäne.

Gerhard Fricker, Ortsvorsteher von Riedböhringen Foto: Knut Krohn

Inzwischen hatte Ischgl eine traurige Berühmtheit als „Corona-Hochburg Europas“ erlangt, weshalb sich alle Skifahrer aus Riedböhringen und viele von deren Angehörigen testen ließen. Das Ergebnis alarmierte alle zuständigen Stellen: am 31. März konnte bei 22 Menschen in dem Dorf das Virus nachgewiesen werden.

Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Vor allem in den sozialen Medien wird die Geschichte um die Ischgl-Fahrer immer fantastischer ausgeschmückt. „Da wird der Eindruck erweckt, dass wir in Ischgl alle den Alkohol aus einem einzigen Eimer getrunken und danach alle Infizierten hier in Riedböhrigen noch regelrechte Corona-Partys gefeiert hätten“, regt sich Adelbert Fricker auf. Im Internet kursieren auch „Neuigkeiten“ von seinem lebensbedrohlichen Gesundheitszustand.

„Es ist unglaublich, was wir in den vergangenen Tagen erlebt haben“, sagt Gerhard Fricker, der Ortsvorsteher von Riedböhringen. Ihn ärgert vor allem, dass von offizieller Seite noch immer keine Zahlen geliefert worden sind, aufgrund derer die Ausgangssperre ausschließlich über seine Gemeinde verhängt wurde. Schließlich seien in den Bussen nach Ischgl auch Leute aus anderen Gemeinden gesessen, doch dort sei nichts passiert.

Wir in Riedböhrigen haben nach den Vorschriften gehandelt und uns testen lassen“, unterstreicht Fricker. Seine Gleichung: viele Tests bringen eben viele positive Ergebnisse. Und so steht das Dorf plötzlich für alle Welt am Pranger.

Wobei den beiden Männern weniger weh tut, dass in Riedböhringen eine Ausgangssperre herrscht. Dass also die Einwohner nur mit einer Arbeitsbescheinigung zur Arbeit können, zudem dürfen sie etwa nur in das nahe Blumberg zum Einkaufen und nicht im nahen Wald arbeiten. Gerade noch verstehen können sie, dass die Ausgangssperre ziemlich überfallartig verhängt und verkündet wird, indem ein Feuerwehrfahrzeug mit Lautsprecher durch die Gemeinde fährt und die Einwohner auffordert zuhause zu bleiben.

Nach dem Feuerwehrauto kommt dann aber die Welle des Hasses, die in den sozialen Medien über das Dorf hinwegbrandet. Fakenews machen die Runde, dass sich die Einwohner nicht an die Ausgangssperre halten würden. Dabei werden auch alte Wunden aufgerissen. „In einem Eintrag im Internet schreibt einer, dass die Riedböhringer eben noch immer dumme Bauern seien, die zu blöde seien, sich an die Regeln zu halten“, empört sich Adelbert Fricker.

Schlimmer aber noch sind für die Bewohner die Reaktionen vieler Menschen im ganz normalen Alltag außerhalb von Riedböhrigen. „Das grenzt an Diskriminierung, was wir im Moment erleben“, sagt Gerhard Fricker und schüttelt entnervt den Kopf. Bei manchen Arbeitgebern außerhalb der Gemeinde seien die Einwohner aus dem vermeintlichen „Corona-Dorf“ verpflichtet worden, Masken zu tragen.

Ein Bäcker in der nahen Stadt Blumberg verteidigt auf Facebook seine Angestellten aus Riedböhringen. Er schreibt: „Ja, auch wir haben Mitarbeiter aus Riedböhringen! Ja, diese sind alle nachweislich gesund und dürfen mit ihrem Passierschein zur Arbeit kommen, was sie auch tun! Und was genau stimmt bei Euch nicht, die, die Ihr erzählt, wir müssten jetzt komplett schließen, weil wir Mitarbeiter aus Riedböhringen haben?! Muss man nicht verstehen, oder?“

Christine Schmid, Chefin in der örtlichen Landmetzgerei, steht hinter ihrem mit einer Plastikplane vom Verkaufsraum abgetreten Tresen. Sie erzählt sichtlich verstört, dass sich viele Kunden von auswärts nicht mehr nach Riedböhringen trauen würden. Gott sei Dank könnten sie ihre Waren noch auf den Wochenmärkten in den umliegenden Gemeinden im Schwarzwald-Baar-Kreis verkaufen.

Schwarzwald-Dorf Riedböhringen: Christine Schmid, sie und ihr Mann Armin betreiben die örtliche Metzgerei. Foto: Knut Krohn

Nach Ostern, am 14. April, wird die Ausgangssperre in Riedböhringen sehr wahrscheinlich wieder aufgehoben. Es gibt keine neuen Corona-Fälle mehr. Das Leben in dem kleinen Dorf wird dann wieder normal weitergehen, aber die abgrundtiefen menschlichen Gräben, die sich in dieser Zeit aufgetan haben, werden noch lange bleiben.