Geschichte der Erotik-Firma: Die Beate Uhse AG geht in die Insolvenz

Geschichte der Erotik-Firma : Die Beate Uhse AG geht in die Insolvenz

Eine Ära endet: Der Erotik-Firma Beate Uhse geht in die Insolvenz. Ein Börsengang, Fehlinvestitionen und die Pornowelle im Internet brachten das Aus. Das ist die Geschichte der Firma, die den Deutschen die Erotik nahebrachte.

Das Siechtum dauerte schon eine ganze Weile. Jetzt hat es die Beate Uhse AG erwischt. Sie ist insolvent. Das operative Geschäft und alle weiteren Firmen sind zwar nicht betroffen und man strebt eine Sanierung in Eigenregie an, teilte das Unternehmen mit. Dennoch endet damit eine Ära, auch wenn der Glanz der Firma, die den Deutschen die Erotik nahebrachte, schon lange dahin ist. Ein Börsengang, Fehlinvestitionen und am Ende die Pornowelle im Internet brachten das vorläufige Aus.

Beate Uhse ist eine Legende. Als eine der wenigen Frauen setzte sie sich im Nachkriegsdeutschland durch und baute aus einem Zimmer in der Pfarrerswohnung der Flensburger Marienkirche ein erfolgreiches Unternehmen auf. Ihr Name wurde quasi zum Synonym für die Erotikbranche in Deutschland.

Aufklärung als Fundament

Wer bei Beate Uhse an Sexshops, Pornografie und schmuddelige Bahnhofskinos denkt, kennt nur den zweiten Teil ihrer Geschichte. Fundament ihrer Firma war die Aufklärung für Frauen, die in der katastrophalen Situation der Nachkriegszeit von Notprostitution und Vergewaltigungen betroffen waren. Die Männer waren abwesend, außereheliche Beziehungen normal. Die sozialen Folgen einer ungewollten Schwangerschaft waren unabsehbar. Essen für die Kinder gab es nicht, Wohnungen waren nicht vorhanden. Und was würde sein, wenn der Mann unverhofft aus dem Krieg zurückkehrte?

In Flensburg war die junge Kriegerwitwe 1945 mit ihrem kleinen Sohn gestrandet. Sie war 26 Jahre alt, in Ostpreußen zu Hause. In Flensburg hatte sie entfernte Verwandte, ironischerweise im Pfarrhaus. Ihr Name hatte einen guten Klang, denn sie war als mutige Fliegerin in Diensten der Wehrmacht aufgefallen. In Flensburg brachte sie eine Schrift heraus, die Frauen Verhütungsmethoden erklärte. 32 000-mal ging die „Schrift X“ über den Ladentisch.

Aufschwung in Adenauers Ära

Schon der Titel markiert das Problem. Über Sexualität durfte nicht gesprochen werden. Die heraufdämmernde Ära Adenauer war äußerst prüde, wenngleich das Problem der ungewollten Schwangerschaften Frauen massiv betraf. Es blieb nicht bei der „Schrift X“. Bald verschickte Beate Uhse Kondome, diskret und per Post. 1951 entstand das Versandhaus. Aufklärungsschriften blieben der Renner. Man sprach diskret von Ehehygiene. Ihre Idee wurde zu einem Riesenerfolg. 1953 hatte sie 14 Angestellte, 1960 fünf Millionen Kunden. 1962 eröffnete in Flensburg das erste Fachgeschäft für Ehehygiene. Die öffentliche Moral blieb ihr feindlich. Über 2000 Anzeigen und Gerichtsverfahren stand sie bis Anfang der 1990er Jahre durch.

Nach der Freigabe der Pornografie in Deutschland Anfang der 1970er Jahre explodierte ihr Geschäft. Die Firma expandierte mit Sexshops und Videoboxen in die Bahnhofsviertel. Der Katalog, in schwarze Folie verschweißt und daher für jeden Postboten leicht zu erkennen, öffnete den Deutschen eine vollkommen neue erotische Welt. Beate Uhse wurde zu einer reichen Frau: Ein Neubau für die Firma in Flensburg, ein eigenes Flugzeug, ein tolles Haus in Glücksburg am Meer. Dort siedelte sie sich an, weil das Flensburger Bürgertum die Selfmadefrau eher mit Herablassung behandelte.

Der Abstieg begann, als Beate Uhse längst von der Schmuddel-Unternehmerin zur Flensburger Ehrenbürgerin geworden war. Als der Neue Markt die Aktienkurse in die Höhe trieb, brachten ihre Erben das Unternehmen an die Börse. Sie wollten Kasse machen. Die Aktie stieg rasant und stürzte brutal ab. Tausende Investoren fühlten sich betrogen. Beate Uhse starb 2001, ihr Erbe als Unternehmerin war da schon stark angegriffen.

Gleichzeitig eroberte die Pornografie das Internet. Beate Uhses Geschäftsmodell löste sich quasi in nichts auf. Sexshops passten nicht in eine Wirklichkeit, in der nackte Körper quasi jederzeit und gratis zu sehen sind. Moderne Ideen, wie Frauen für das Thema zu interessieren, verpufften. Die Firma schrumpfte, fusionierte, verließ Flensburg und war am Ende ein Schatten ihrer selbst. Am Ende blieb nur der Name. Beate Uhses Verdienst, den Frauen ein Stück Freiheit geschenkt zu haben, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Verdienst zerstört keine Insolvenz.