Ein Alltagsphänomen wissenschaftlich betrachtet: Der Kampf um die Liegen am Pool

Ein Alltagsphänomen wissenschaftlich betrachtet : Der Kampf um die Liegen am Pool

Diese Nachricht sorgte für Schlagzeilen: Beim Reiseveranstalter Thomas Cook kann man neuerdings die Wunschliege am Pool vorab online reservieren. Haben Sie schon Ihren Sommerurlaub gebucht? Dann könnte Sie interessieren, was die Wissenschaft zum Kampf um die Liegen sagt.

Man nehme eine bestimmte Menge X an Liegestühlen, ebenso viele Badetücher und eine nur geringfügig größere Zahl von Personen – mehr braucht es nicht, um die friedliche Koexistenz von Menschen ernsthaft zu gefährden. Weil der Streit um die Liegen am Hotelpool regelmäßig vor allem den Deutschen und den Briten die Urlaubslaune verhagelt, hat sich der Reiseveranstalter Thomas Cook etwas einfallen lassen: Mit dem neuen Service „Meine Sonnenliege“ können die Erholungs-suchenden bereits vor Reiseantritt ihre Wunschliege am Pool reservieren – gegen Gebühr, versteht sich. Bis zum Sommer sollen 30 Hotels über das hoffentlich Frieden stiftende Angebot verfügen. Und der lieber individuell Reisende fragt sich: Was soll das?

Dass ein Unternehmen versucht, Profit aus den menschlichen Neigungen zu schlagen, kann man ihm nicht vorwerfen, das gehört nun mal zum Geschäft. Thomas Cook hat keine perfide, sondern allenfalls eine clevere Verkaufsabteilung. Warum aber ist man nicht in der Lage, vorhandene Liegestühle so zu verteilen, dass es keinen Missmut gibt?

Auch wenn es naheliegend scheint: Es handelt sich nicht um ein simples Angebot-Nachfrage-Problem. An keinem Hotelpool, in keinem Sauna-Ruheraum können schon aus Platzgründen so viele Liegestühle existieren, wie es in Ex-tremzeiten Liegenwollende gibt. Jedem Gast seine Liege, auch wenn er sie gar nicht nutzt – das wäre ökonomischer Irrsinn. Stattdessen soll der Liegestuhl als temporäres Gebrauchsgut funktionieren. Weil jeder ja nur eine begrenzte Zeit liegt, ehe er wieder ins Becken springt, zum Strandspaziergang aufbricht, sich zum Nickerchen aufs Hotelzimmer verzieht oder den nächsten Saunagang antritt, steht die Annahme im Raum, der so frei gewordene Platz könne jetzt von einem anderen eingenommen werden.

Häufig hängt sie auch in deutlichen Worten an Türen und Wänden: „Bitte keine Liegen mit Handtüchern blockieren!“ Würde sich jeder daran halten, würde das Gebrauchsgut nie knapp.

Es geht um die komplette Verfügungsgewalt über einen Liegestuhl

Doch genau hier beginnt das Dilemma: Hotelpool- und Saunabesucher scheren sich nicht um die zeitweilige Nutzung, sie wollen die komplette Verfügungsgewalt über einen Liegestuhl, am besten ihren gesamten Aufenthalt hindurch. Um es einmal klar zu sagen: Wer sein Handtuch besitzergreifend über eine solche Liege breitet, verhält sich unhöflich und rücksichtslos allen anderen gegenüber, deren Chance auf einen Liegen-Zwischenstopp dadurch massiv geschmälert wird. Da gibt es keinen Deutungsspielraum.

Viel hineindeuten lässt sich allerdings in die Frage, was diese Liegestuhlreservierer antreibt. Wissenschaftler versuchen schon länger, dies zu ergründen. So hat der 1982 verstorbene kanadische Soziologe Erving Goffman Anfang der 1970er-Jahre den Begriff der „Territorien des Selbst“ geprägt. Er ging davon aus, dass wir bei unserem Tun im öffentlichen Raum immer danach streben, einen bestimmten Bereich zu markieren, der als Selbst ausgewiesen ist: der Rucksack auf dem Sitzplatz neben uns in der Vorlesung zum Beispiel, die Tasche, die wir im Fahrstuhl neben uns stellen, um andere auf Abstand zu halten, oder eben auch das Handtuch auf dem Liegestuhl. Goffman zufolge erheben wir damit keinen Besitzanspruch, sondern wollen einen Schutz des Selbst erreichen. Nach dem Motto: Hier kann mir keiner was, das ist mein Terrain.

Ronald Staples erkennt in der Reservierlust auch eine Reflektion der Konsumgesellschaft. „Wir sind es gewohnt, Dinge zu tauschen und sie dann zu besitzen, und wenn wir etwas besitzen, sehen wir nicht ein, wieso wir es teilen sollen“, sagt der Soziologe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Wer seinen Urlaub bezahlt hat, verbindet damit also – wenn auch unterbewusst – automatisch den Anspruch auf einen Liegestuhl. Hat er den einmal erobert, gibt er ihn nicht mehr her. Ein Mensch, der saunieren oder am Hotelpool entspannen will, ist im Freizeitmodus. „All das, was wir Anstrengendes in der Erwerbssphäre haben, wollen wir hier nicht haben, wir wollen uns erholen“, sagt der Soziologe Staples. „Dazu gehört, dass wir nicht auf einer komplizierten taktischen Ebene miteinander kooperieren möchten.“ Wie zum Beispiel an einem Hotelpool auf-einander Rücksicht zu nehmen.

Im Privaten gleiten wir verstärkt in ursprüngliche Muster zurück

Die moderne Sozialbeziehung gehört zu den größeren Errungenschaften der Menschen. Wir schaffen es, miteinander umzugehen, ohne ständig davon auszugehen, dass der andere uns etwas Böses will, ohne jeden, der uns in der Fußgängerzone entgegenkommt oder im Büro begegnet, gleich als Freund oder Feind zu klassifizieren. Damit ein solches Zusammenleben möglich ist, mussten wir eine Form der Indifferenz entwickeln. „Das ist auf Dauer anstrengend und muss immer wieder aufrecht erhalten werden“, sagt Staples.

Legen wir in der Freizeit die Alltagsmaske und die Rolle ab, die wir im Berufsalltag vor uns hertragen, gleiten wir verstärkt in ursprüngliche Muster zurück. Das sind keine bewussten Vorgänge. Doch wir spüren ihre Auswirkungen, wenn wir mit einem Frotteehandtuch unseren Liegestuhl gegen jeden potenziellen Angreifer verteidigen.

Der 2002 verstorbene Soziologe Heinrich Popitz beschäftigte sich in seinem Buch „Phänomene der Macht“ ebenfalls mit der Liegestuhlfrage. Im Kapitel „Prozesse der Machtbildung“ entwirft er ein im Mittelmeer kreuzendes Schiff, das den Passagieren (Händler, Touristen, Familienbesucher, Umzügler, Flüchtenden) als einzigen Luxus auf Deck Liegestühle anbietet – gut ein Drittel so viel, wie es Passagiere gibt. Das funktioniert in den ersten Tagen problemlos, weil sich eine Ordnung etabliert hat, die Popitz als „reines Gebrauchsrecht ohne dauerhafte Ansprüche“ beschreibt. Heißt: Steht jemand auf, gilt der Liegestuhl automatisch als frei und kann von jedem neu besetzt werden. In einem Hafen nun steigen neue Passagiere zu, die die bestehende Ordnung durcheinanderbringen. Sie besetzen die Liegestühle und erklären einen dauerhaften Besitzanspruch, der Liegestuhl ist demnach auch als belegt anzusehen, wenn die besitzende Person physisch nicht anwesend ist.

Wie gelingt es einer Minderheit, ihre Interessen durchzusetzen?

In seinem Gedankenspiel lässt Popitz Belegsymbole – in unserem Fall das Handtuch – nicht gelten, sie werden nicht anerkannt. Der Liegestuhlbesitzer muss seinen Anspruch also anderweitig verteidigen. Das tut er, indem er einen Wächter benennt. Popitz entspinnt aus diesen drei Kategorien diverse Konstellation und Szenarien. Doch die zentrale Frage lautet: Wie kann es einer Minderheit gelingen, ihre Interessen gegen die Mehrheit durchzusetzen? Woher nimmt sie ihre Macht?

Möglich ist das Popitz zufolge aus zwei Gründen. Zum einen, weil die Liegestuhlbesitzer es schaffen, durch ihren Besitz eine überlegene Organisations-fähigkeit zu vermitteln. „Sie herrschen nicht zuletzt, weil sie in dieser Weise überlegen sind, und weil sie herrschen, können sie diese Überlegenheit ständig reproduzieren“, schreibt der Soziologe. Auf gut Deutsch: Wer pfiffig genug ist, vorm Frühstück schnell an den Hotelpool zu flitzen und seine Liege zu markieren, der wird für dieses Zeitmanagement später belohnt.

Der zweite Grund ist die Legitimitätsgeltung, die sich automatisch einstellt, wenn die benachteiligte Masse nicht reagiert: Der Liegestuhlbesitzer fühlt sich im Recht. Sein Nachbar sieht das ebenso, er hat ja genau das Gleiche getan, kann also das Verhalten des Liegestuhlbesitzers nicht reklamieren. Was tun all jene, die keinen Liegestuhl abbekommen haben? Sie schweigen, grummeln allenfalls in sich hinein, werden aber nicht aktiv, weil sie die offene Konfrontation scheuen. Wer will schon einen öffentlichen Streit am Pool? So ist im Handumdrehen die geltende Ordnung als verbindlich anerkannt und das möglich, was Popitz die „absurde Durchsetzungsfähigkeit“ der Minderheit nennt.

Persönlichen Gegenstände zu entfernen, ist eine große Überwindung

Diese Liegestühle okkupierende Minderheit profitiert stark davon, dass es in unserer Gesellschaft einen gewissen Respekt vor persönlichem Eigentum gibt. Sie geht einfach davon aus, dass keiner das Handtuch wegnimmt, und die Erfahrung zeigt, dass dies stimmt. „Profis“, sagt Ronald Staples, „legen nicht nur ein Handtuch hin, sondern auch noch etwas Individuelleres, eine Brille zum Beispiel oder ein Buch.“ Letzteres am besten aufgeschlagen, was suggeriert, dass der Besitzer nur mal ganz kurz weg ist.

Für jene, die jetzt an den akut nicht besetzten Liegestuhl wollen, bedeutet es eine große Überwindung, diese persönlichen Gegenstände zu entfernen. Man kann sich zwar theoretisch auf eine übergeordnete Regel berufen („Bitte keine Liegen blockieren!“), doch die unmittelbare Situation bleibt unangenehm. Daran wird auch eine Online-Reservierung vor Urlaubsbeginn nichts ändern. Der Kampf um die nicht gebuchten Liegestühle wird weitergehen.