Selfmade-Story aus den USA: Aus Sex-Club wird eine Klinik für Schildkröten

Selfmade-Story aus den USA : Aus Sex-Club wird eine Klinik für Schildkröten

Ein erfolgreicher VW-Händler gründet in einem ehemaligen Sex-Club in Florida eine Klinik für Schildkröten – nur eine Autostunde entfernt von Key West, wo noch vor 50 Jahren die großen Suppenfabriken die Tiere massenweise einkochten. Eine etwas andere Selfmade-Story aus den USA.

Luise ist inzwischen aus dem Gröbsten raus. Noch etwas schwach auf der Brust treibt die Patientin in ihrem „Einzelzimmer“, einem hellblau getünchten Bottich, der ständig mit frischem Meerwasser berieselt wird. Damit Luise nicht untergeht, hat ihr ein Pfleger zwei Schaumstoffpolster als Schwimmflügel am Rücken befestigt. Noch bekommt Luise starke Antibiotika. Aber wenn alles gut läuft, darf sie in zwei, drei Wochen zu den anderen Rekonvaleszenten in den Gemeinschaftspool.

Marvin dagegen hat gerade eine harte Zeit. Sein Name ist mit Filzstift auf ein Klemmbrett neben dem Operationssaal im Turtle Hospital in Marathon/Florida geschrieben. Der behandelnde Operateur Dr. Doug Mader hat ihm zuvor unter Vollnarkose ein Endoskop in den Rachen geschoben, um innere Tumoren auszuschließen. Jetzt rückt er, von zwei OP-Schwestern assistiert, Marvins äußeren Geschwüren zu Leibe.

„Marvin ist ein weiteres Opfer der Fibropapillomatose“, erklärt der seit Jahrzehnten auf Reptilien spezialisierte Veterinär später. Ein Herpesvirus in Verbindung mit Umweltgiften aus Kunstdünger und vermehrter UV-Strahlung der Sonne lasse vor allem bei jungen Schildkröten Tumoren an Haut und Panzer wachsen. Sie können einen Durchmesser von 30 Zentimetern erreichen, Bewegung und Nahrungsaufnahme massiv behindern. Befallene Tiere verenden oft elendig oder werden schnelle Beute der Haie.

In drei Jahrzehnten mehr als 1000 Tiere gerettet

Dass Marvin deutlich bessere Überlebenschancen hat, wenn er aus dem videoüberwachten Aufwachraum auf die Außenstation zu Luise und den 50 anderen Patienten zurückkehrt, verdankt er einem Rentner mit Pferdeschwanz. Ritchie Moretti hat nach typisch amerikanischer Tellerwäscherkarriere frühzeitig eine Rolle rückwärts gemacht.

Als junger Mann öffnete er im aufblühenden Orlando seine Garage für VW-Käfer und fing an zu schrauben. Daraus wurde eine der größten VW-Werkstätten der USA. Moretti hatte bald 120 Mitarbeiter und Millionen Dollar auf dem Konto. Genug, befand der drahtige Mann im Alter von 40 Jahren – der Gesundheit zuliebe. Er verkaufte alles und zog samt Freundin in ein verkommenes Hafenmotel auf den Florida Keys. Hier wollte er nur noch angeln und ein paar Zimmer vermieten.

Doch die ersten Stachelrochen und Zackenbarsche landeten nicht in der Pfanne, sondern zur Gaudi der jungen Motel-Gäste im Salzwasserpool. Und als die Kleinen, von den Ninja-Turtles im Kino inspiriert, immer wieder nach Schildkröten fragten, wollte der Motel-Besitzer auch ein paar Meeresschildkröten halten. „Das ging aber nicht. Die sind streng geschützt. Es dürfen nur verletzte Tiere zwecks Heilung gehalten werden.“

1983 hatte Moretti die erste Genehmigung vom Staat. Wenig später kaufte er den ehemaligen Sex-Club nebenan, richtete einen sterilen Operationssaal ein und bestellte neueste Medizintechnik. In drei Jahrzehnten hat das Turtle Hospital nun mehr als 1000 Tieren das Leben gerettet und die meisten davon mit der eigenen Ambulanz wieder zum Strand gefahren und in die Freiheit entlassen.

Bei der Entlassung dabei sind möglichst auch die Finder der Tiere, die ihnen zu Beginn der Behandlung auch einen Namen geben dürfen. Die meisten wählen den eigenen. Nur wenn Tiere von anderen Aquarien oder wissenschaftlichen Einrichtungen eingeliefert werden, tragen sie eine Nummer auf dem Rücken. Von US-Medien wird Moretti für seinen Einsatz inzwischen als „Mutter Theresa der Schildkröten“ gefeiert. „Dabei bin ich doch nur Mechaniker“, entgegnet bescheiden der kleine Mann, in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern wird.

20 Mitarbeiter kümmern sich um die Patienten

Fünf der sechs großen Meeresschildkröten-Arten leben in den Gewässern vor Südflorida. Neben der Grünen Meeresschildkröte sind das die Echte und die Unechte Karettschildkröte, die Atlantische Bastardschildkröte und die Lederschildkröte. Alle sind vielfältig bedroht, auch wenn die letzte Fabrik für Schildkrötensuppe im nur eine Autostunde entfernten Key West 1971 ihre Pforten schloss und die Tiere inzwischen unter strengem Artenschutz stehen. Plastikmüll und Reste von Fischernetzen drohen sie zu erdrosseln; Schiffsschrauben ihre Panzer aufzuschlitzen oder ihre Flossen abzutrennen; Strände werden versiegelt oder aufgespült und ihre Gelege zerstört; Gifte bedrohen die Tiere.

Auch wenn Moretti inzwischen 20 Mitarbeiter hat – viele davon Ehrenamtliche, die in den alten Motelzimmern wohnen – verbringt der Gründer noch immer manche Nacht draußen am Pool, um die Atmung der Patienten nach der OP-Narkose zu überwachen. „Ich habe weder Kinder noch Enkel“, sagt er.

Inzwischen ist das Turtle Hospital auch zu einer Bildungseinrichtung geworden. Die mehrmals täglich angebotenen Führungen sind in der Hauptsaison schnell ausgebucht, trotz Eintrittspreisen von 22 Dollar. So kommt mit weiteren Spenden und Adoptionen genug Geld herein, um die Tierklinik zu betreiben. Der Chef sieht das Unterfangen ganz nüchtern. „Wir können ihre Zukunft nicht beeinflussen. Wir können nur dafür sorgen, dass sie gesund zurück ins Meer kommen.“

Eine gewisse Neugier schwingt dennoch mit. Leider können die Patienten ja keine Postkarten schicken. Einigen der Rekonvaleszenten haben die Tierschützer mit Unterstützung von Forschern winzige Passivsender unter die Haut gepflanzt. Auf dem großen Videoschirm im Hospital können die Besucher live verfolgen, wo sich die Tiere gerade rumtreiben.

Eine Schildkröte hat es mit dem Golfstrom im vergangenen Sommer bis vor die Küste Neufundlands verschlagen, bevor sie den Rückweg in heimatliche Gewässer antrat. Vielleicht macht Luise, wenn sie genesen ist, im nächsten Sommer ja eine ganz ähnliche Reise.

Informationen im Internet: www.turtlehospital.org

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