Preis für Zivilcourage: Apotheken-Whistleblower findet keinen Job mehr

Preis für Zivilcourage : Apotheken-Whistleblower findet keinen Job mehr

Martin Porwoll deckte den Skandal um gepanschte Krebsmedikamente in Bottrop auf. Sein Chef, der Apotheker, wurde verhaftet - er selbst ist seitdem arbeitslos.

Der November 2016 hat sein Leben komplett verändert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Martin Porwoll ausreichend Beweise gesammelt, um Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu erstatten. Sein Verdacht: Sein damaliger Chef, der Inhaber einer Apotheke, hat für Patienten individuell zusammengestellte Therapien gestreckt. Teilweise waren in den Präparaten sogar gar keine Wirkstoffe mehr erhalten. Zugleich hat der Apotheker die volle Menge an Wirkstoffen abgerechnet.

Porwoll muss sich an die Behörden wenden. „Alles andere kam für mich nicht in Frage“, sagt der Volkswirt. Vermutlich sind mehrere Tausend kranke Menschen betroffen. Die Folge: Tod, kürzere Lebenszeit, keine Schmerzlinderung bei der Palliativbehandlung. Derzeit läuft ein Verfahren gegen den Ex-Chef. Die Staatsanwaltschaft vermutet einen Abrechnungsbetrug im Wert von rund 56 Millionen Euro.

Die Behörden und die Polizei nehmen Porwolls Verdacht sehr ernst. Es folgen etliche Verhöre. Stundenlang wird der 46-Jährige Familienvater befragt, vernommen. Monatelang werden seine Beweise geprüft. Hinzu kommt eine „diffuse Bedrohungslage“ für Porwoll und seine Familie. Schließlich geht es in dem Fall um immense Summen.

Menschen wie Porwoll sind Schlüsselfiguren

Dass seine Aussagen und Hinweise gravierende Folgen haben werden, sowohl für ihn selbst als auch seine Familie, war ihm klar, sagt Porwoll. Zwei Tage nach der Festnahme seines Chefs bekommt er seine Kündigung. Doch bis heute hat er keine neue Anstellung gefunden. „Dass das Erwerbsleben versaut ist, gehört wohl zu einem Whistleblower dazu“, sagt Porwoll. Alle fänden seine Zivilcourage gut, aber man sei „verbrannt“, wie er seinen beruflichen Zustand nennt.

Dabei sind Menschen wie Porwoll oft die Schlüsselfiguren in etlichen Schadensfällen oder bei der Aufdeckung von Verbrechen. Ohne sie käme nie ans Licht, was Unternehmen oder Politik stillschweigend zulassen. Nur durch Hinweisgeber, also Whistleblower, wurden etwa Fleischpantschereien aufgedeckt oder Missstände in Altenheimen angeprangert. In anderen Fällen ist es dem Mut der Hinweisgeber zu verdanken, dass Steuervermeidung im großen Stil überhaupt in die Öffentlichkeit gelang.

Von ihren Hinweisen profitiert die Gesellschaft. Doch die Whistleblower selbst gehen ein großes Wagnis ein. Sie stehen nach den Enthüllungen finanziell oft sehr schlecht da, leiden psychisch an den Folgen, werden gar unter Druck gesetzt.

Dünne Rechtslage für Schutz von Hinweisgebern

„Derjenige der Missstände öffentlich macht, wird in Deutschland allein gelassen“, sagt Porwoll. Er wünscht sich Strukturen, die Menschen wie ihn nach ihren Aussagen „aufnimmt“. Er plädiert für einen Hilfsfonds, aus dem Unterstützung für Hinweisgeber finanziert wird. Zudem sollten auch die Behörden stärker die Folgen für Whistleblower im Blick haben. Es geht einerseits um den persönlichen Schutz, aber auch um psychologische Hilfen. Für mehr Unterstützung für Whistleblower sprechen sich auch Organisationen wie Transparency International oder der Bund der Steuerzahler aus. „Hinweisgeber nehmen oft erhebliche persönliche Risiken für das Gemeinwohl in Kauf. Das Stigma des Denunzianten muss ein Ende haben“, sagt Edda Müller, Vorsitzende von Transparency Deutschland.

Auch beim Thema Steuerverschwendung und Hinterzieher greifen die Ermittler oft auf Hinweise aus der Gesellschaft zurück. Doch in Sachen Hinweisgeberschutz ist die rechtliche Lage sehr dünn. Explizite Hilfen sind von staatlicher Seite nicht vorgesehen. Oft sind es Verbände oder Hilfsorganisationen, die einspringen. Für Porwoll wurde eine Unterstützerkampagne im Internet gestartet.

Am 11. Dezember muss er erneut vor Gericht aussagen. Wann der Prozess zu Ende sein wird, ist unklar. Ebenso wie Porwolls finanzielle Lage. Dennoch: Er würde sich immer wieder genau so entscheiden.

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