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Interview mit Dieter Nuhr: „Andersdenkende werden nicht mehr respektiert“

Interview mit Dieter Nuhr : „Andersdenkende werden nicht mehr respektiert“

Der Kabarettist Dieter Nuhr hat sich mit seinem Spott über Greta Thunberg viele Feinde gemacht. Das ficht ihn kaum an – der von ihm selbst konstatierte Verfall der Debattenkultur aber schon. Das Gespräch mit Nuhr führte Jörg Isringhaus.

Aufgabe des Kabarettisten ist es, den Finger in Wunden zu leg en, zu verspotten, zu überspitzen, zu entlarven. Wenn man sich etwa die Reaktionen auf Ihre Kritik an Greta Thunberg ansieht: Ist das schwieriger geworden?

Dieter Nuhr: Ja, natürlich. Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass sich der Ton verändert hat. Argumente zählen kaum noch, es geht in den meisten Fällen nur noch um Reizworte und Symbolbegriffe, es wird verdreht, beschimpft, bedroht. Das Abwägen ist weitgehend dem Affekt gewichen. Der Andersdenkende wird nicht mehr respektiert, sondern als Feind betrachtet.

Die Bereitschaft, andere Meinungen anzuhören, ist also gesunken?

Nuhr: Argumente der Gegenseite werden heute gerne als feindlicher Akt bewertet. Ich denke, das liegt in erster Linie an der Anonymität im Internet. Da muss man nicht höflich sein, sondern kann sofort beleidigend werden, ohne dass es Folgen hätte. Die Hemmschwellen sinken. Bürgerliche Freiheit ist nur möglich, wenn der Einzelne haftbar gemacht werden kann für sein Verhalten. Dafür gibt es in jeder freien Gesellschaft eine Rechtsordnung. Im Internet greift diese nicht. Deshalb herrscht dort nicht Freiheit, sondern Anarchie – und damit das Recht des Stärkeren. Das ist das Gegenteil von Zivilisation.

Hat sich dadurch das verminte Gelände für politisch unkorrekte Witze vergrößert? Gibt es heute vielleicht so etwas wie einen Zeitgeist-Konsens, dem schwer beizukommen ist?

Nuhr: Wenn sich Massen, die sich selbst für die Seite des Guten halten, mobilisieren, ist es schwer, mit rationalen Argumenten durchzukommen. Im Internet wird im Wesentlichen nicht mehr argumentiert, sondern etikettiert. Man sagt nicht mehr „Das stimmt nicht, weil“, sondern man wirft ein einzelnes, nicht mehr zu hinterfragendes Statement in den Raum und glaubt damit, die Wahrheit gepachtet zu haben. Dann belegt man den anderen mit diskriminierenden Attributen, „rechts“ oder „linksgrün versifft“. Da ist ein normales Gespräch nicht mehr möglich.

Ich argumentiere eigentlich immer ziemlich ambivalent. Ich leugne zum Beispiel den Klimawandel nicht, warne aber auch vor Lösungsvorschlägen, die ebenfalls in die Katastrophe führen. Wer keine Flüge und keine Frachtschiffe mehr haben will, will die Weltwirtschaftsordnung abschaffen. Das wird niemals friedlich über die Bühne gehen. Und es wird Milliarden Menschen, die erst in den letzten Jahrzehnten der Armut entkommen sind, wieder ins Elend zurückwerfen. Die Situation ist also verfahren, die einfachen Lösungen funktionieren nicht. Ich verbaue mit meinen Argumenten den Menschen die Möglichkeit, sich als Umwelthelden zu fühlen, weil sie den Spargel aus Peru mit der Papiertüte nach Hause gebracht haben. Das macht manche aggressiv.

Streichen Sie dann etwa einen Gag im Vorhinein, weil Sie schon wissen, dass Sie dafür angegriffen werden? Oder ist das ein Ansporn?

Nuhr: Weder noch. Ich sage, was mir durch den Kopf geht.

Testen Sie im Vorhinein, ob Ihre Pointen funktionieren – und wenn ja, mit wem?

Nuhr: Wir sind ja ein Gemeinschaftsbetrieb, meine Frau liest mit. Ansonsten teste ich auf der Bühne. Bei mir geht es immer um die kritische Infragestellung des herrschenden Zeitgeists. Insofern treffe ich mit meiner Kritik öfter auch Leute, die es nicht gewöhnt sind, infrage gestellt zu werden. Ich bin sehr stark daran interessiert, nicht die gängigen Standpunkte zu wiederholen.

Würden Sie eine allgemeine Verrohung der Sitten attestieren? War das früher ähnlich, es fehlte aber die öffentliche Plattform?

Nuhr: Früher gab es Pogrome, Revolutionen, Bürgerkriege. Wenn der Mob ins Rollen gerät, hält man ihn nur noch sehr schwer auf. Es ist ein Vorteil, wenn das im Internet passiert und nicht in der Realität. Aber natürlich gibt es eine Verrohung der Sitten. Einerseits wegen der Anonymität, andererseits weil der letzte Krieg schon so lange her ist, dass sich die meisten Menschen nicht mehr vorstellen können, wo eskalierende Aggressivität enden kann.

Wo ziehen Sie bei Anfeindungen die Grenzen, wann schalten Sie etwa Anwälte ein?

Nuhr: Bisher bin ich ohne ausgekommen. Wenn das mit den Falschmeldungen weiter schlimmer wird, werde ich das ändern müssen.

Ist das der Preis, den man als öffentliche Person zahlen muss?

Nuhr: Nein. Das sind Fehlentwicklungen, die man nicht einfach achselzuckend unter „So isses nun mal“ ablegen kann. Ich habe als öffentliche Person die gleichen Rechte wie als private.

Gibt es einen Punkt, wann dieser Preis zu hoch wird – es sich also nicht mehr lohnt, für seine Überzeugungen den Kopf hinzuhalten?

Nuhr: Ich habe ein hohes Interesse daran, bei der Abschaffung von zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten nicht einfach zuzugucken. Meine Lebensform ist die des Künstlers. Das möchte ich mir nicht nehmen lassen. Und im Notfall werde ich da auch kämpferisch.

Selbst prominente Satiriker wie Martin Sonneborn bezogen ja Stellung gegen Sie. Gibt es eine Lagerbildung in der Kabarettistenszene?

Nuhr: Ich habe Sonneborn bisher weder als prominent noch als Satiriker wahrgenommen. Er macht den klassischen Krawall, der mich nicht interessiert, der auch über die eigene Blase nicht hinauswirkt. Ich kann im Übrigen keine Rücksicht darauf nehmen, was Kollegen denken. Mit einigen bin ich über meine Sendungen verbunden oder befreundet. Das ist schön. Was mit den anderen ist , geht irgendwie an mir vorbei.

Glauben Sie, dass sich der Ton noch weiter verschärft?

Nuhr: Ich habe den Eindruck, dass da gerade ein Peak erreicht wird, und dass sich zumindest das intellektuelle Publikum angewidert abwendet von denen, die glauben, sie könnten ungestraft lügen und geifern. Ich führe gerade ständig Interviews, in denen es um die Zivilisiertheit unserer Debattenkultur geht. Das ist ja erstmal ein gutes Zeichen. Die Mehrheit nimmt recht deutlich wahr, dass es an der Zeit ist, sich zu wehren gegen Fanatiker. Leider hört man nicht immer die Mehrheit, sondern eher die, die am lautesten schreien. Gerade als Tageszeitung sollte man sich übrigens dem öffentlichen Krawall entgegenstellen. Wenn die Zeitung heute noch eine Aufgabe hat, dann die, im Wildwuchs aus echten und falschen Fakten eine vertrauenswürdige Ordnung herzustellen. Wenn das den Printmedien nicht gelingt, werden sie eingehen.

Müssen wir uns um Werte wie Meinungsfreiheit oder Toleranz sorgen?

Nuhr: Natürlich müssen wir das. Es gibt nicht wenige Länder, in denen die Populisten die Mehrheit bilden und die Meinungsfreiheit nicht nur durch Niederbrüllen, sondern auch massiv durch Zensur und Gewalt einschränken. Bei uns gibt es links wie rechts Bestrebungen, die Freiheit zu beschränken, auf der linken Seite von denen, die glauben, die Demokratie sei nicht schnell genug im Kampf gegen den Klimawandel, rechts von den Völkischen. Da ist höchste Vorsicht geboten. Hier versuchen einzelne die Deutungshoheit zu erringen, und man hört sowohl von Klimaaktivisten als auch von der AfD beunruhigende Demokratierelativierungen. Wehret den Anfängen.