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Uhr-Sache und Wirkung : Am Sonntag wird die Uhr auf Sommerzeit umgestellt

Uhr-Sache und Wirkung : Am Sonntag wird die Uhr auf Sommerzeit umgestellt

Vor und zurück: Anstatt einfach früher aufzustehen, haben die Menschen immer wieder an der Uhr gedreht. Seit dem 6. April 1980 sorgt die Sommerzeit in Deutschland verlässlich zweimal im Jahr für reichlich Gesprächsstoff. Jetzt ist es – Krise hin oder her – mal wieder soweit. Ein Überblick.

Ich weiß natürlich nicht, was Sie sich für den morgigen Vormittag vorgenommen haben. Mich jedenfalls finden Sie garantiert fluchend vor dem Backofen. Und zwar nicht, weil ein Kuchen angebrannt ist. Ich fluche regelmäßig am letzten Sonntag im März, weil ein ansonsten wenig auffälliger Insektensammler in Neuseeland vor über einem Jahrhundert mehr Tageslicht für seine Käfer, Fliegen und Milben haben wollte. Und weil sich seit 100 Jahren das blödsinnige Gerücht hält, man könne Energie sparen, indem man an der Uhr dreht.

Das ist ein bisschen so, als wenn man den Winter kurzerhand Sommer nennen würde, einfach weil das wärmer klingt. Und ich fluche natürlich auch deshalb, weil es mit der so heftig beschworenen Digitalen Revolution im wahren Leben eben noch nicht so weit her ist. Das Umstellen des grellrot leuchtenden Uhrzeit-Displays an meinem Backofen ist jedenfalls eine Aufgabe für echte Könner. Verdrückt man sich bei der Gelegenheit nämlich im Eingabemenü, antwortet das Gerät mit einem derart schrillen Dauerpiepen, als stünde ein Atommeiler unmittelbar vor der Kernschmelze. Da hilft im Notfall nur ein schneller Griff in den Sicherungskasten.

Prinzipiell besitzt die Menschheit einen bemerkenswerten Ordnungssinn. Wir haben früh den Lauf der Sonne genutzt, um den Tag in Stunden einzuteilen, und uns zudem darauf geeinigt, dass wir den Augenblick Mittag nennen – also die Mitte des Tages – wenn die Sonne am höchsten über dem Horizont steht. Mittag oder High Noon ist um Punkt 12. So hat prinzipiell jeder Ort, der nicht auf exakt demselben Längengrad liegt, eine andere Zeit. Die Berliner zum Beispiel sind uns Rheinländern ein paar Minuten voraus. Weil das aber ziemlich umständlich ist, wenn sich beispielsweise Ministeriale aus Bonn und Berlin zur Telefonkonferenz verabreden, haben schlaue Menschen aus aller Welt sich im Jahr 1884 auf 24 Zeitzonen geeinigt.

Ausgangspunkt ist der Null-Meridian im Garten des Observatoriums im Londoner Vorort Greenwich. Innerhalb einer Zeitzone wird der höchste Sonnenstand jeweils 30 Minuten vor oder nach 12 Uhr erreicht. In Berlin, Bonn und Brüssel ticken die Uhren – auch wenn es nicht immer den Anschein hat – seither gleich. Die Briten sind uns eine Stunde hinterher.

Kaiser Wilhelm II. wollte mit der Sommerzeit den Krieg gewinnen

Nur ein Postbeamter auf der abgelegenen neuseeländischen Südinsel weigert sich, dieses allgemeine Prinzip anzuerkennen. Dieser Mann, sein Name ist George Vernon Hudson, ist der Sohn eines mäßig erfolgreichen und daher ans Südende der Welt emigrierten Glas-malers aus London. Schon als Knirps hat der Junior angefangen, allerlei Krabbeltiere mit nach Hause zu bringen. Zwar findet er mit 16 Jahren in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington eine Anstellung bei der Post. Aber seinem entomologischen Hobby bleibt er treu.

Warum auch nicht, wo doch auf den abgelegenen Inseln ein ganzer neuer Kosmos unbekannter Arten seiner Erforschung harrt. Manche Langfühlerschrecken dort werden bis zu neun Zentimeter lang! Blöd nur, dass der Schichtdienst oft erst dann endet, wenn es schon dunkel wird, findet Hudson. 1895 fordert der Hobby-Forscher deshalb vor den ehrenwerten Mitgliedern der Wellington Philosophical Society zwei Stunden mehr Tageslicht im Sommer. Man möge doch – staatlich verordnet – einfach die Uhr vorstellen, so das Credo seines Thesenpapiers.

Bei den Mitgliedern der Wellington Philosophical Society erntet Hudson mit seiner Idee wohlmeinende Zustimmung. Der Rest der Welt findet sie absurd.Es muss erst einer kommen wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. Dem Monarchen ist für einen erhofften Sieg im Ersten Weltkrieg fast jedes Mittel recht. Am 6. April 1916 lässt er im Reichsgesetzblatt schneidig verkünden, der 1. Mai beginne in diesem Jahr bereits am 30. April „nachmittags um 11 Uhr“.

Man mutmaßt, mit einer vorgeschobenen Sommerzeit ließen sich Energie und Treibstoff sparen. Weil während des Krieges die zivilen Zugverbindungen ins Ausland ohnehin gekappt sind, muss man keine Rücksichten auf Fahrpläne mehr nehmen und kann – so hofft man in Deutschland – aus der Aktion strategischen Vorteil ziehen. Den fürchten auch Deutschlands Gegner: Flugs drehen auch England und Frankreich an der Uhr.Als der Krieg endet – den Deutschen hat das frühe Aufstehen kein Kriegsglück gebracht –, wird das ziemlich unbeliebte Experiment umgehend beendet.

Längst hat etwa der Chef eines kommunalen Energieversorgers darauf hingewiesen, dass wohl eher die Witterung Einfluss auf Licht- und Wärme-Verbrauch hat, die Versorgungsengpässe in der Industrie oder die knappen Lebensmittel, wegen derer oft die Küche kalt bleibe. Und hungrige Menschen sind weniger produktiv – ob es hell ist oder dunkel.Das hindert die Nazis freilich nicht daran, das Prozedere 20 Jahre später im Zweiten Weltkrieg nochmals anzuordnen.

Nach der Stunde Null 1945 wird die Zeit zum interzonalen Zankapfel. Längst formieren sich die Machtblöcke. Und jeder bekommt demonstrativ seine Zeit. In der sowjetischen Besatzungszone gilt ab 24. Mai Moskauer Zeit, also plus zwei Stunden. Diese sogenannte „Hochsommerzeit“ endet zwar am 24. September zusammen mit der Sommerzeit der westlichen Besatzungszonen. Aber dennoch gehen die Uhren bis zum 18. November 1945 immer noch eine Stunde vor.

Die junge Bundesrepublik und die sozialistische DDR mögen sonst nur in wenigen Fragen einer Meinung sein: Aber schon im Herbst 1949 kommt man überein, dass es so ein Chaos auf deutsch-deutschem Boden nicht mehr geben soll. Die Sommerzeit wird begraben. Und dieser Konsens hält auch dann noch an, als Frankreich unter dem Eindruck der Ölkrise von 1973 erneut eine Sommerzeit plant.Zwar will man Einheitlichkeit mit den europäischen Verbündeten.

In der EU haben vor allem die Deutschen ein Problem damit

Aber auch der Graben zwischen Ost und West soll in Zeiten der Entspannungspolitik nicht temporär wieder aufgerissen werden. Erst als die DDR 1980 eigenständig die neuerliche Einführung einer Sommerzeit ankündigt, werden auch in der Bundesrepublik wieder die Uhren umgestellt. Da ist die Ölkrise schon fast wieder Geschichte.Dabei ist es seither geblieben, auch wenn der damalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach dem Online-Votum von 4,6 Millionen EU-Bürgern im Jahr 2018 in einem seltenen Akt von demonstrativer Bürgernähe eine schnelle Neuregelung zugesagt hatte.

Vor allem drei Millionen Deutsche haben sich für eine Änderung ausgesprochen. Schließlich litten Kinder und Alte oft tagelang an den Folgen der Zeitumstellung, so ist zu hören. Das Risiko eines Herzinfarktes steige und der Spiegel des Stresshormons Cortisol – der vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang kontinuierlich abnimmt – brauche vier Monate bis zur Anpassung.Außerdem seien Hunde und Katzen verwirrt, weil sie ihr Fressen plötzlich früher oder im Herbst später bekämen. Die Haustiere schauen schließlich selten auf die Uhr.

Beim Urlaub auf den Kanaren stört der Zeitdreh niemanden

Komisch nur: Um Flugbegleiter etwa, die oft mehrfach pro Woche zwischen verschiedenen Zeitzonen hin- und herjetten, sorgt sich niemand. Und den Urlaub auf den Kanaren stellt auch niemand in Frage. Dabei müssen Touristen ihre Uhr dort eine Stunde zurückstellen.Offenbar ist es mit der Sommerzeit eine Crux. Die einen wollen sie abschaffen, die anderen weiter im Sommer länger grillen. Eine knappe Mehrheit der Deutschen will überhaupt von der „Winterzeit“ lassen und damit die Maßgabe des Sonnenstands für die Mittagszeit über Bord kippen.

Die Kinder spielen ja ohnehin kaum noch draußen, und zu viel Sonne erhöht das Hautkrebsrisiko. Da muss man sich um naturwissenschaftliche Begründungen offenbar nicht mehr scheren. Statt einfach früher aufzustehen, soll der Staat die Zeit verschieben. Das ist, als würde man die Nummern der Konfektionsgrößen herabsetzen, damit sich vollschlanke Konsumenten nicht diskriminiert fühlen.

Eine einheitliche Regelung für ganz Europa ist bei den widersprüchlichen Interessen natürlich nicht zu finden, zumal nach besagter Umfrage eigentlich nur wir Deutschen uns Jahr um Jahr Gedanken um das bedeutsame Thema Sommerzeit machen, während andere Völker lieber Tulpen bewundern oder das erste Eis der Saison schlecken. Das EU-Parlament hat deshalb schon kapituliert. Jedes Land möge doch bitte selbst entscheiden, hieß es aus Brüssel.

Der Bundesinnenminister könnte dies auf dem Verordnungsweg tun. Aber obwohl die Bundesregierung schon 2005 eingeräumt hat, dass die Zeitumstellung keine Energie spart, passiert erst einmal weiter nichts. Die EU scheint zu einer Reform der Sommerzeit nicht in der Lage. Russland hat sie 2014 einfach abgeschafft.Allzu sehr grämen müssen wir uns darüber allerdings nicht. So bleibt immerhin Gesprächsstoff jenseits von Wetter und Virus.

Und die Idee einer dauerhaften Sommerzeit geht sowieso gar nicht. Die hatten nämlich schon die Nazis. Von 1940 bis 1942 galt sie ohne Winterpause. Danach kehrte man fürs Winterhalbjahr zur Standardzeit zurück. Allenfalls die AfD könnte also für eine dauerhafte Einführung der Sommerzeit zu Felde ziehen.

Meine Mutter hat für das Problem der Uhrenumstellung an ihrem Backofen inzwischen eine eigene pragmatische Lösung gefunden. Sie hat das Display, das sie angeblich an ein medizinisches Gerät auf einer Intensivstation erinnert, kurzerhand mit einem bunten Bildchen überklebt. Seither lebt sie einfach im Hier und Jetzt.