Vorfälle in Bonn und der Region

So erleben Einsatzkräfte in NRW Gewaltangriffe

Bonn. Werden Feuerwehrleute und Sanitäter häufiger als früher Opfer von Gewalt? Bei uns berichten Rettungskräfte aus NRW von ihren Erfahrungen.

Der Vorfall liegt schon acht Jahre zurück, doch für den Duisburger Feuerwehrmann Valentino Tagliafierro hat sich der Einsatz tief ins Gedächtnis eingegraben. „Wir waren zu einem Rettungs- und Feuerlöscheinsatz gerufen worden. Eine Frau lag bewusstlos am Boden in einer Wohnung. Wie aus dem Nichts schlug mir eine Hand in den Nacken. Es war der Lebensgefährte.“

Tagliafierro erstattete damals Anzeige gegen den Täter, doch die Sache blieb folgenlos. „Die Staatsanwaltschaft sagte, es gebe kein allgemeines Interesse an dem Fall.“

Der Ausbruch roher Gewalt gegenüber Menschen, die das Leben anderer Menschen retten wollen, verstört. Viele fragen sich, ob unsere Gesellschaft verroht. Muss der Staat die Gesetze verschärfen oder muss die Justiz härter bestrafen?

Extremsituationen und belastende Themen

Wer solchen Fragen nachgeht, trifft Michael Krämer, er wirkt eher besonnen, nicht provozierend: „Geht es bei der Frage, ob die Gewalt zugenommen hat, um eine Problembeschreibung oder geht es um den Zeitgeist?“ Der 55-Jährige ist Dienststellenleiter der Malteser in Rheinbach und zuständig für deren Rettungswachen im Rhein-Sieg-Kreis. Krämer hat 35 Jahre Rettungsdienst geleistet, davon viele Jahre im „Bonner Loch“ am Hauptbahnhof, wo Rettungseinsätze bei Drogenabhängigen oder Menschen im Vollrausch an der Tagesordnung waren.

„Wer hier arbeitet, hat sich bewusst für den Hilfsdienst bei den Maltesern entschieden“, erklärt der Mann mit dem dunkelgrauen Stoppelhaar. „Der Rettungsdienst ist ein extremer Beruf, wir haben mit belastenden Themen zu tun.“ Schwerverletzte im Straßenverkehr, Schlägereien, blutige Familienstreits, Herzinfarkte und Schlaganfälle – Ereignisse, bei denen es oft um Leben oder Tod geht.

„Wenn in solchen Extremsituationen auch noch Drogen und Alkohol im Spiel sind, ist Gewalt niemals weit weg“, erklärt Krämer. Was er damit sagen will: Die Frage, ob sich Gewalt gegenüber Einsatzkräften heute häufiger als vor 20 Jahren Bahn bricht, wie es in jüngster Zeit durch Medienberichte erscheint, kann er nicht beantworten.

Arbeitsunfall oder Gewaltattacke

Aufgerüttelt hatte zu Karneval der Fall eines 23 Jahre alten Sanitäters in Swisttal-Heimerzheim, der bei der Versorgung eines Patienten durch unbeteiligte Dritte angegriffen und schwer verletzt wurde. „Heimerzheim war ein Arbeitsunfall“, erläutert Michael Schäfers, der von Köln aus den Rettungsdienst der Malteser bundesweit leitet. „Ich kann nicht sagen, dass die Arbeitsunfälle zugenommen haben. Das Problem ist, dass unsere Statistiken nicht immer klar ausweisen, ob eine Gewaltattacke dem Unfall zugrunde liegt.“ Auch in Hennef waren kürzlich Sanitäter während eines Einsatzes angegriffen worden.

Schäfers, der auch schon 15 Jahre als Rettungsassistent gearbeitet hat, fordert: „Wir müssen es bundesweit wissenschaftlich sauber untersuchen lassen und uns auf gemeinsame Definitionen einigen."

Den Versuch, das Phänomen zu erhellen, hatte im vergangenen Jahr die Ruhr-Universität Bochum gemacht, das Projekt leitete Thomas Feltes. Doch der Kriminologe musste einräumen, dass bei einer Rücklaufquote von 18 Prozent – so viele der 4500 angeschriebenen Einsatzkräfte hatten nur geantwortet – die Repräsentativität der Studie kaum gegeben ist. Möglicherweise hatten nur die geantwortet, die in irgendeiner Form betroffen waren. „Wir wissen auch nicht, wie viele Einsätze gefahren werden. Daher sind die Zahlen schwer einzuordnen.“

Körperliche, verbale und nonverbale Gewalt

Neu an der Bochumer Studie gegenüber einer ersten aus dem Jahr 2011 war, dass die Forscher den Gewaltbegriff umfassend verwendeten. Es geht darin nicht nur um körperliche, sondern auch um verbale und nonverbale Gewalt.

„Von verbaler Gewalt haben wir früher nicht gesprochen, das gab es aber schon immer“, sagt Krämer. Wie oft ihn betrunkene Patienten am „Bonner Loch“ als „Arschloch“ beschimpft haben, kann er nicht zählen. „Aber das ist uns nicht nah gegangen.“ Zwei, drei Mal hat er Tritte und Schläge erlitten. „Auf 20.000 Einsätze dürfte ich in meinem Leben schon gekommen sein. Alles in allem ist mir wenig passiert“, resümiert er.

So geht denn auch die tägliche Gewalt im Rettungsdienst in den allermeisten Fällen von den Patienten aus, und dabei von solchen, die unter Drogen stehen oder stark alkoholisiert sind.

Verzweiflung führt manchmal zu Gewaltattacken

Dass Angehörige die Fassung verlieren und einen Sanitäter angreifen, wie es Tagliafierro erlebte, ist auch ihrer Verzweiflung zuzuschreiben, etwa wenn ein Säugling stirbt. „Stellen Sie sich vor, die Sanitäter versuchen, das Kind wiederzubeleben, und dann stirbt es doch. Es ist nicht zu erwarten, dass Vater und Mutter ruhig bleiben“, erklärt Bundesrettungsdienstleiter Schäfers von den Maltesern.

Eine andere Situation: Ein Rettungsteam wird in eine Wohnung gerufen, eine Frau liegt bewusstlos am Boden. Sie trägt ein Kopftuch, eine gläubige Muslima. Wenn die Sanitäter der Patientin einfach das Tuch abnehmen, bevor sie sie behandeln, kann sie schon einmal die Faust eines in seiner Ehre verletzten Ehemannes treffen.

Schäfers gibt zu:„Wir haben eine erhöhte Sensitivität in der Öffentlichkeit für das Phänomen Gewalt gegen Rettungskräfte.“ Und es ist nicht auszuschließen, dass das etwas mit den Frauen im Rettungsdienst zu tun hat. Als Krämer seine Ausbildung vor über 30 Jahren begann, war gerade einmal eine Frau dabei. Heute sind von den 200 Mitarbeitern der Rettungswachen im Rhein-Sieg-Kreis rund 40 Prozent weiblich.

Frauen wirken deeskalierend

Krämer sagt: „Die Teamkommunikation ist seitdem anders geworden, es wird offener gesprochen. Frauen gestehen zum Beispiel eher einen Fehler ein.“ Außerdem wirkten sie im Team deeskalierend. Die Notfallpsychologin Clivia Langer, die mit den Maltesern zusammenarbeitet, hält es ebenfalls für möglich, dass Frauen in ihrer stärker reflektierenden Art Gewalt gegen Rettungskräfte „anders bewerten“, sie nicht als normal abtun: „So werden Dinge auch Themen.“

Die Studie der Ruhr-Uni hat gezeigt, dass sich Einsatzkräfte wünschen, das Gewaltphänomen würde in der Aus- und Fortbildung eine größere Rolle spielen. Da sollte es dann um Prävention gehen und über kulturelle Differenzen aufgeklärt werden. Dass man etwa die Männer in der muslimischen Familie um Erlaubnis fragt, bevor man die Ehefrau versorgt. Auch einfache Vorsichtsmaßnahmen sind wichtig: „Es geht darum, Rückzugsräume zu schaffen – die gute alte Armlänge. Man darf sich auch Fluchtwege in geschlossenen Räumen nicht zustellen, berichtet Schäfers.

Einig sind sich jedenfalls die Experten, dass eine Verschärfung von Gesetzen gar nichts bringen würde. Kriminologe Feltes sagt: „Ob das das Verhalten von Menschen ändert, bezweifel ich eher.“