Hilfe nach Katastrophe

Deutscher Rettungsverein ist in Mexikos Erdbebengebiet

Mexico-City. Ein Erkundungsteam des deutschen Rettungsvereins Isar ist in Mexiko-Stadt eingetroffen. Die Hilfsbereitschaft sei beeindruckend: Hauptstadtbewohner bilden Menschenketten und entfernen in Plastikeimern die Trümmer.

Stefan Heine war schon bei einigen Katastropheneinsätzen im Ausland dabei, aber eine solche Hilfsbereitschaft wie jetzt in Mexiko hat er noch nicht erlebt. „Das ist sehr beeindruckend“, erzählt er dieser Zeitung am Telefon wenige Stunden nach dem Eintreffen in dem Erdbebengebiet am Donnerstag. Tausende Hauptstadtbewohner bilden Menschenketten, in denen Plastikeimer mit Trümmerschutt weitergereicht werden. „Ein zehnstöckiges Haus, das beim Beben eingestürzt ist, wurde so vor meinen Augen abgetragen.“

Heine ist mit einem vierköpfigen Erkundungsteam des Rettungsvereins Isar (International Search and Rescue/Internationale Suche und Rettung) in der Nacht zum Donnerstag in Mexiko-Stadt eingetroffen. Die mexikanische Regierung hatte nach dem schweren Erdbeben am Dienstag das Angebot der Organisation angenommen, ein Team aus Technikern zu schicken, die Gebäudeschäden begutachten, um entscheiden zu können, ob und wie die Häuser weiter nutzbar sind.

Während der Bauingenieur im Team mit einem Kollegen die Schule Enrique Rébsamen im Süden der mexikanischen Hauptstadt inspiziert, in der mindestens 21 Kinder den Tod unter Gebäudetrümmern fanden, besteigt am Donnerstagnachmittag eine zweite Isar-Mannschaft eine Maschine auf dem Flughaften Frankfurt, die sie ebenfalls nach Mexiko bringen soll. Mit im Gepäck führen sie ein wertvolles Gerät: ein Bioradar, dessen Strahlen auch durch meterdicken Beton dringen.

„Trifft der Strahl auf Muskeln, reagiert er anders als auf Stein. Eine Software wertet die Signale, die das Gerät erhält, aus und kann dadurch feststellen, ob Menschen in den Gebäudetrümmern eingeschlossen sind und ob sie noch leben“, berichtet Teamleiter Michael Lesmeister vor dem Abflug am Telefon. Der chinesische Hersteller des Geräts behauptet, dass die Strahlen bis in 25 Meter Tiefe reichen, aber Lesmeister ist skeptisch: „Wir probieren es jetzt das erste Mal aus.“

Aber auch wenn die Reichweite nur 15 Meter betrage, werde es wertvolle Hilfe leisten. Andere internationale Rettungsteams seien jedenfalls nicht mit einem Bioradar ausgestattet.

Circa 50 Gebäude stürzten beim Beben am Dienstag ein

Wie nach jedem Beben ist die Suche nach Überlebenden ein Wettrennen gegen die Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen noch lebend aus den Trümmern geborgen werden, tendiert nach 72 Stunden gegen Null. „Aber in Pakistan haben wir einmal zwei Jugendliche noch nach fünf Tagen gerettet. Die konnten an dem Ort, wo sie verschüttet waren, an Wasser herankommen“, berichtet Lesmeister.

Rund 50 Gebäude stürzten am Dienstag bei dem Beben allein in Mexiko-Stadt ein, darunter viele öffentliche Gebäude und Schulen. Dass es bei Erdstößen der Stärke 7,1 nicht noch mehr Schäden und Tote gab, bezogen Beobachter auf die bessere Statik der Häuser jüngeren Datums. Aber Lesmeister bezweifelt, dass es so etwas wie „erdbebensichere“ Gebäude gibt: „Ein solcher Begriff bereitet mir Zahnschmerzen“, sagt der gelernte Feuerwehrmann, der heute hauptamtlicher Geschäftsführer von Isar ist. „Mutter Natur kann alles zerstören. Die Richterskala ist nach oben offen, das hat seinen Grund.“

Lesmeister sagt, die Millionenmetropole Mexiko-Stadt sei nur deshalb nicht noch schwerer getroffen, weil das Epizentrum 50 Kilometer unter der Erdoberfläche gelegen habe. „Wäre es in fünf Kilometern Tiefe gewesen, sähe die Welt anders aus.“

Isar ist ein Zusammenschluss von mehreren Rettungsorganisationen, gegründet hat man sich 2003 in Duisburg. Die rund 170 Mitglieder sind fast alle ehrenamtlich tätig. Inzwischen ist die Arbeit auch von den Vereinten Nationen zertifiziert. Hilfsorganisationen, die sich dafür qualifizieren, müssen im Einsatzgebiet im Ausland autark leben können. So führen die Isar-Teams nicht nur Gerätschaften und Hunde zur Rettung von Menschen sowie medizinische Ausrüstung mit sich, sondern auch Zelte zum Übernachten und die eigene Verpflegung.

Überwältigt hat Stefan Heine in Mexiko, dass sich die Hilfsbereitschaft der Menschen nicht nur auf die Bebenopfer beschränkt, sondern die ausländischen Retter mit einschließt. „Die sagen uns: Wir helfen euch beim Helfen. Schön, dass ihr da seid.“

Ob auch ein medizinisches Team von Isar nach Mexiko fliegt, wie es der Regierung angeboten wurde, stand zunächst nicht fest. Die Rettungshundestaffel kommt jedenfalls dieses Mal nicht zum Einsatz. „Die haben die Mexikaner selbst“, sagt Heine.