Sonderermittler im Einsatz

Beweismittel im Missbrauchsfall Lügde verschwunden

Beamte des Landeskriminalamtes untersuchen in Lügde die Parzelle des Campingplatz-Bewohners.

Beamte des Landeskriminalamtes untersuchen in Lügde die Parzelle des Campingplatz-Bewohners.

21.02.2019 Düsseldorf. Die Liste der Pannen bei den Ermittlungen im Missbrauchsfall Lügde wird immer länger. Seit Wochen sind Beweismittel aus der Polizeibehörde verschwunden, NRW-Innenminister Reul spricht von "Polizeiversagen".

Der Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde entwickelt sich immer mehr zu einem Polizeiskandal. Seit Wochen ist Beweismaterial verschwunden. Ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern würden in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst, sagte der sichtlich aufgebrachte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag in einer eilig anberaumten Pressekonferenz in Düsseldorf. Das Schockierende: Am 20. Dezember seien die Asservate zuletzt gesehen worden. Aber erst am 30. Januar sei der Verlust bemerkt worden. „Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen“, sagte Reul. „Das alles macht mich fassungslos.“ Es sei ein „Debakel“.

Vier Sonderermittler wurden eingesetzt, um den Verbleib der Datenträger aufzuklären. „Die Beamten lassen keinen Stein auf dem anderen“, sagte Reul. Die Ermittlungen wurden bereits wegen der Größe des Falls dem Polizeipräsidium Bielefeld übertragen.

31 Opfer identifiziert

Nur drei der CDs aus dem verschwundenen Beweismaterial seien bisher ausgewertet worden, so Reul. Auf ihnen sei nichts Verdächtiges gefunden worden, habe ein Polizist gesagt. Es habe sich unter anderem um Installationssoftware und Musik gehandelt. Ob auf den CDs und DVDs mit insgesamt 0,7 Terabyte Datenvolumen auch kinderpornografisches Material war, sei nicht auszuschließen, so Reul. „Auch bei der Auswertung ist es zu schweren handwerklichen Fehlern gekommen.“ Normalerweise müssen von Datenträgern, die als Beweismaterial gelten, Kopien gemacht werden. Aber nur von den drei CDs seien Kopien gezogen worden.

Wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie sitzen als Hauptverdächtige ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert.

Datenvolumen von rund 14 Terabyte

Bei den Verdächtigen hatte die Polizei bereits auf zahlreichen Datenträgern Beweismaterial mit einem Datenvolumen von rund 14 Terabyte sichergestellt, wobei nur ein Teil der Fotos und Videos in Lügde entstand. Das Material reiche aber aus, um die Tatverdächtigen zu überführen, sagte Reul.

Die verschwundenen Datenträger waren in einem Spezialraum mit Spezialrechnern für die Auswertung von Film- und Fotomaterial des Kriminalkommissariats gelagert. Der Raum sei aber unzureichend gesichert gewesen, so Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann. „Wir können nicht mit Gewissheit sagen, was auf den 155 Datenträgern abgespeichert war.“ Hat jemand den Koffer und die CDs vorsätzlich verschwinden lassen? „Ich schließe gar nichts aus“, so Reul. Und der Lipper Landrat Axel Lehmann fügt hinzu: „Die Fehlleistungen machen auch mich fassungslos.“

Auslöser war Anzeige im November 2018

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige im November 2018. Zusätzlich zu den Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen und mehrere Jugendämter wird laut Reul auch gegen eine Polizeibeamtin und einen Beamten wegen Strafvereitelung ermittelt. Es werde genau geprüft, ob sie die Tatverdächtigen möglicherweise persönlich kannten, sagte Reul.

Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Nach Telefongesprächen mit den Zeugen leiteten die Beamten die Hinweise an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aber aus. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt daher auch gegen die Polizei.

Verdacht der Datenlöschung

Gegen eine weitere Person wird wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Auch gegen diesen Verdächtigen führt die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Geprüft wird, ob die Person Daten für einen der drei Hauptverdächtigen gelöscht hat.

Die SPD-Opposition sieht im Lügder Ermittlungsskandal bereits genug Stoff für einen weiteren parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Reul sagte mit Blick auf die Polizeifehler: „Was hier passiert ist, tut mir unendlich leid.“ Er könne im Namen der Polizei NRW und der Landesregierung bei den Opfern und Angehörigen „nur vielmals um Entschuldigung bitten“. (dpa)