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Schweres Erdbeben erschüttert Italien: 142 Sekunden Apokalypse

Schweres Erdbeben erschüttert Italien : 142 Sekunden Apokalypse

Erneut ist Mittelitalien von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Wieder starben viele Menschen, auch weil das Land aus der Vergangenheit nicht lernt.

Die Zeit steht still in Amatrice. Die Zeiger der Uhr am schmalen, mittelalterlichen Stadtturm im Zentrum des Städtchens wirken wie erstarrt. Auch jetzt, in der Hektik der Rettungsarbeiten stehen sie auf 3.38 Uhr. Das war der Zeitpunkt, als am frühen Mittwochmorgen die Erde in Mittelitalien bebte. Genauer gesagt markierte dieser Moment das Ende des mit Stärke 6,2 schwersten Erdstoßes der ganzen Nacht. 142 apokalyptische Sekunden lang bebte der Untergrund und mit ihm Straßen, Häuser und Türme.

Die Folgen dieses Grauens sind vom frühen Morgen an im italienischen Fernsehen zu sehen. Es sind Bilder wie aus einem Krieg. Eingestürzte Gebäude, Trümmerhaufen, Staub und verzweifelte, in Decken gehüllte Menschen. Manche stehen vor ihren zu Ruinen eingefallenen Wohnhäusern, andere laufen immer noch schreiend durch die Straßen.

Dutzende Tote gab es im Erdbebengebiet, dessen Epizentrum an der Grenze zwischen den Regionen Latium, Marken, Umbrien und Abruzzen lag. Wegen der vielen Vermissten könnte die Zahl der Opfer weiter steigen. Tausende sind obdachlos.

Wie entstehen Erdbeben?

Als die Sonne am Mittwoch über Amatrice aufgeht, sieht man immer mehr Rettungskräfte auf den Trümmerhaufen. Manche tragen Helme, einige schaufeln mit bloßen Händen Schutt und Steine zur Seite. Ein Bild aus Amatrice, dem wohl am meisten bei diesem Beben zerstörte und rund 140 Kilometer von Rom entfernte Ort, prägt sich besonders ein: Etwa ein Dutzend Männer auf einem Trümmerhügel, die einen jungen Mann unter schweren Betonplatten hervorziehen.

Zwei Feuerwehrleute haben sich in den Spalt gezwungen und den Mann mit Schnauzbart auf eine Bahre gehievt. Als er verstört nach etwa vier Stunden unter den Steinblöcken das Tageslicht erblickt, bückt sich ein Helfer mit blauem Hemd und orangefarbener Hose über den Geretteten. Er küsst ihn auf die Wange und legt ihm eine italienische Flagge über die Brust. Eine Geste, deren Sinn vielleicht nur ein bisschen Wärme nach Stunden der Verzweiflung sein soll.

Aber die Flagge steht auch für ein sich in regelmäßigen Abständen wiederholendes Ritual. Regelmäßig erschüttern Erdbeben das Land, es herrschen Panik, Verzweiflung und Trauer. Dann folgt bald die Wut der Betroffenen, weil man weiß, wie anfällig Italien für seismische Ereignisse ist. Es wird dann von Bauspekulation, Schuld und großen Geschäften die Rede sein, aber weniger von nachhaltiger Prävention in der Zukunft. Oft hat man den Eindruck, dass Italien sich mit seinem Status als Nation von Erdbebenopfern abgefunden hat. Beinahe, als seien die Beben ein Fanal der Unfähigkeit zum Wandel des ganzen Landes.

Als der Chef des italienischen Zivilschutzes Fabrizio Curcio am Mittwoch in Rom vor die Presse tritt, vergleicht er das aktuelle Beben mit der Wirkung desjenigen, das vor sieben Jahren 309 Tote in den Abruzzen und der Regionalhauptstadt L'Aquila gefordert hat. Aber in Erinnerung sind auch die beiden Erdbeben aus dem Jahr 2012 in der Emilia-Romagna, ganz zu schweigen von den Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte, in Umbrien, im Friaul, in Kampanien und anderswo. Täglich gibt es kleinere, nur von Spezialgeräten erfassbare Erdstöße auf der Apenninenhalbinsel.

Sogar Kinder wissen in Italien, dass im eigenen Land die afrikanische und die eurasische Platte aufeinander stoßen und permanent Erdstöße erzeugen. Das Beben von Mittwoch war so stark, dass man es noch in Rom, Neapel oder Bologna spürte. Auch am Gran Sasso, dem höchsten Gipfel der Apenninen brachen Gesteinsmassen ab. Im nahe gelegenen Norcia und in Urbino wurden historische Gebäude beschädigt. Das Epizentrum soll sich in etwa vier Kilometer Tiefe unter dem 500-Einwohner-Dorf Accumoli befunden haben.

Schweres Erdbeben in Italien

Der Zeitpunkt der jetzigen Katastrophe wirkt schicksalhaft. Die betroffenen Bergdörfer werden während des Jahres nur von wenigen Hundert, selten Tausenden Menschen bewohnt. Amatrice etwa hat normalerweise 2600 Einwohner. Über Generationen sind die Bewohner ausgewandert. Im August kommen viele zurück, um die Verwandtschaft zu besuchen. In wenigen Tagen sollte in Amatrice zudem das Fest der „Spaghetti all'Amatriciana“ gefeiert werden, eines berühmten Nudelgerichts. Das Städtchen war auf Feierlichkeiten programmiert. Jetzt sagt Bürgermeister Sergio Prozzi: „Der halbe Ort existiert nicht mehr.“ Zahlreiche Tote gab es auch hier.

Auf Luftbildern sieht Amatrice aus wie nach einem Bombardement. Grund dafür sind einerseits die teilweise mittelalterlichen Strukturen, das alte Gemäuer ist derartigen Erdstößen nicht gewachsen. Aber auch viele neuere Gebäude haben nachgegeben. Wie zum Beispiel das Krankenhaus am Ortseingang, das eigentlich der sicherste Ort im Dorf sein sollte.

Stattdessen musste das kleine Hospital in der Nacht evakuiert werden. Abdeckungen stürzten zu Boden, unter sämtlichen Fenstern haben sich tiefe Risse ins Mauerwerk gebohrt. Die Patienten sitzen oder liegen seit dem Morgengrauen auf dem nahe gelegenen Parkplatz. Krankenschwestern, blass im Gesicht, kümmern sich um sie.

Was bleibt, sind Ungewissheiten. Zahlreiche Kinder sollen unter den Trümmern gestorben sein. Wie es heißt, sollen in einem Hotel im Zentrum des Ortes auch mehrere Touristen vom Erdbeben überrascht und eingeschlossen worden sein. Warum, lautet die drängendste Frage, wirkt Italien so unvorbereitet auf zu erwartende Ereignisse wie Erdbeben? Antworten darauf hatte am Mittwoch kaum jemand. Schon gar nicht der zierliche, 27 Meter hohe, aber immer noch kerzengerade dastehende Stadtturm von Amatrice. Angesichts der Schwere des Erdbebens hätte er eigentlich als erstes einstürzen müssen.