Tanz in der Oper: Wie ein flüchtiges Gemälde

Tanz in der Oper : Wie ein flüchtiges Gemälde

Die Compagnie Preljocaj aus Aix-en-Provence begeistert mit "La Fresque" beim Tanzgastspiel in der Bonner Oper

Jeder Blick ist relativ. Alle Wahrnehmung ist ein Spiel zwischen Abbildern von erdachten Abbildern und das Sichtbare möglicherweise bloß der Schatten einer eingebildeten Wirklichkeit. Man muss aber nicht die Erkenntnistheorie von der Antike bis zur Gegenwart bemühen, um in die poetische Bilderwelt des faszinierenden Tanzstücks „La Fresque“ des mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten französischen Choreografen albanischer Abstammung Angelin Preljocaj (Jahrgang 1957) einzutauchen. Man muss auch nicht das zugrundeliegende chinesische Märchen kennen, das von einem jungen Mann erzählt, der in ein Tempel-Wandbild hineinging, um ein wunderschönes Mädchen zu erobern und damit in einer Traumspiegel-Welt landete. Heutzutage könnten wir es Matrix nennen.

Ein klassisches Handlungsballett ist „La Fresque“ der seit 1996 in Aix-en-Provence residierenden Compagnie nicht. Das pausenlose knapp 90-minütige Stück entwickelt vor allem eine visuelle Sogkraft zwischen Raumillusionen und der Zweidimensionalität eines flüchtigen Gemäldes, das im Augenblick seiner Erscheinung schon verschwindet wie ein unfixiert verlaufendes Aquarell oder ferne Lichtschleier. Immer wieder sind es Haare, die anlocken, fesseln oder die Vorstellung von schwebender Ungewissheit evozieren. Von den schwarzen Zöpfen der sehnsüchtig Geliebten bis zu deren zärtlich-aggressiver Kopfumwicklung und den eher instabilen Rapunzel-Leitern zur Glückseligkeit. „Bildschön“ ist freilich ein Wort, dem man nicht trauen kann, weshalb hier jeder optische Eindruck sofort wieder durch neue Perspektiven abgelöst wird. „Wie gemalt“ behauptet eben eine idealisierte Wirklichkeit, und die das Gesicht der Geliebten umrahmenden roten Rosen sind pure Fantasie. Alles ist Illusion in diesem fabelhaften Spiel mit sinnlichen Eindrücken.

Schattenfiguren und maskierte düstere Geister

Absolut wahrhaftig ist indes das brillante zehnköpfige Tanzensemble, das mit feinster Sensibilität die fast unmerklichen Übergänge zwischen den dramatischen Szenen, lyrischer Weltverlorenheit, epischer Stringenz und bildhafter Magie in Bewegung bringt. Da sind zwei Freunde auf der Suche nach einer imaginierten Traumfrau, die sich im farbigen Quintett-Wirbel ihrer Gefährtinnen versteckt, bevor sie als Braut geschmückt ihrem Geliebten wieder entgleitet. Es gibt mächtige Widersacher in diesem Kampf um das Glück des Sich-Erkennens. Zur Musik von Nicolas Godin, die vom ruppigen urbanen Pop-Lärm bis zu fragil-zärtlichen Klängen einer Welt jenseits der vermauerten Grenzen zur Vergangenheit die Tonspur liefert, hängt alles in der Luft. Schattenfiguren und maskierte düstere Geister bedrohen das junge Glück, golden behelmte Riesen stampfen durch den nächtlichen Blumengarten.

Im Hintergrund locken gespenstisch schöne Gemälde, die als lebende Bilder den Geist der Suchenden verwirren. Das wunderbare Mädchen aus dem Wandbild wird als Ehefrau mit Rose auf dem festgezurrten Haarknoten immer noch schön sein und rätselhaft lächeln, aber nicht mehr das „al-fresco“ gemalte Geschöpf. Gereift vielleicht, aber damit auch ein neues Bild als nachdenkliche Übermalung vergangener Geschichten.

Hingerissener Beifall für die ästhetisch überwältigende Vorstellung im restlos ausverkauften Bonner Opernhaus.

Das nächste „Highlight des Internationalen Tanzes“ folgt am 31. Januar mit dem eigenwilligen multimedialen Recherche-Projekt „Autobiography“ des britischen Starchoreografen Wayne McGregor. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf www.ga-bonn.de/tickets

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