Über die Unlogik unserer öffentlichen Empörung: Wen bekümmert schon Immerath?

Über die Unlogik unserer öffentlichen Empörung : Wen bekümmert schon Immerath?

Nur eine Handvoll Aktivisten beschwerten sich, als vor einigen Wochen die Sankt-Lambertus-Kirche in Immerath bei Erkelenz dem Abrisskommando zum Opfer fiel. Wo sind sie, die vielen Vaterlandsretter, fragt unser Autor.

Bisweilen verläuft sie doch etwas unlogisch, unsere öffentliche Empörung. Was für ein Theater haben die Leute darüber gemacht, dass Deutschland sich angeblich „abschafft“ (was auch immer das heißen soll). Viel weniger Leute scheint's zu bekümmern, dass Deutschland sich wegbaggert.

Nur eine Handvoll Aktivisten (und drei aufrechte Leserbriefschreiber im GA) beschwerten sich, als vor vier Wochen die Sankt-Lambertus-Kirche in Immerath bei Erkelenz dem Abrisskommando zum Opfer fiel. (Und vielleicht die Einwohner von Immerath, noch etwa 60 von einst 1500, aber denen hat keiner zugehört.) 15 Meter breit, 30 Meter lang, 40 Meter hoch zur Turmspitze war das schöne neuromanische Gotteshaus.

Nur wenig kleiner als Sankt Servatius in Siegburg oder die Doppelkirche in Schwarzrheindorf – und vielleicht imposanter als sie, weil es zwei Türme hatte statt nur einen. „Immerather Dom“ hieß die Kirche darum im Volksmund. Drei Jahre hat es gebraucht, sie zu bauen; zwei Tage, sie in einen Schutthaufen zu verwandeln. Mit ihr wird ganz Immerath im Schlund des Braunkohlebaggers verschwinden.

Der heilige Lambertus von Lüttich wurde im Jahre 705 zum Märtyrer – weil er, so heißt es, die Rechte der Kirche gegen den Staat verteidigte. Die Rechte des Immerather Doms als Baudenkmal hat keiner verteidigt. Auf Denkmallisten muss nicht achten, wer sie selbst aufstellt. Schnurzegal, ob es die Partei war, die sich „konservativ“ nennt (nur mit dem Bewahren ein Problem hat) – oder die andere, die sich „progressiv“ nennt (und so gern am Fossilen festhält).

Die Heimat im Reißwolf

Auch der Partei, die sich „Alternative“ nennt, fiel nichts Alternatives ein: „Braunkohle wird auf absehbare Zeit für die notwendige Grundlastversorgung in Deutschland unentbehrlich sein“, schrieb sie lapidar in ihrem Landtagswahlprogramm. Es scheint den Vaterlandsrettern nichts auszumachen, wenn die Heimat im Reißwolf landet – so lange die Kirchen nur abgerissen werden, nicht etwa zur Moschee umgebaut.

Die Alternativdeutschen sind nicht allein mit ihrer Inkonsequenz. Viele Leute jammern über die „Verschandelung der Landschaft durch Windräder“. Doch sieht es etwa schöner aus, wenn zwischen Erkelenz und Grevenbroich ein Hundert-Quadratkilometer-Loch in dieser Landschaft klafft? Wie viele Millionen kosten die fünf Schaufelradmonster, die es ausschürfen? Wie viele Millionen kostet es, zwölf Dörfer und acht Kilo-meter Autobahn zu pulverisieren und anderswo wieder aufzubauen? Wie vielen Braunkohlekumpeln ließe sich damit ein komfortables Ruhegehalt bezahlen?

Und wofür das alles? Weil wir Strom „brauchen“! Für eine aus dem Weltraum erkennbare Festbeleuchtung noch in der kleinsten Gasse (es könnte ja einer dort nachts Zeitung lesen wollen). Für die ganzen Computerserver, mit denen die Netzgemeinen ihre Kinderpornos, Raubkopien und Hassmails durch den Äther jagen. Für die grelle Videowand, die am Ortseingang Tierfutter anpreist. „Notwendige Grundlastversorgung“ – all das überflüssige Zeug, das wir genau so „brauchen“ wie der Suchtkranke seine tägliche Flasche Wodka.

Wer denkt später noch an Immerath?

Schnurzegal, wie viele Kilowattstunden es sind, die beim Verheizen Immeraths rauskommen. Irgendwann sind sie alle verbraucht. Alle Hassmails gelesen, alle Festbeleuchtung am Nachthimmel zerstrahlt. Wer denkt dann noch an Immerath? An Holz, Otzenrath, Spenrath, Pesch, Borschemich, Keyenberg, Lützerath, Kuckum, Unterwestrich, Beverath und Holzweiler? Die Heimat von siebeneinhalbtausend Menschen, spurlos verdampft auf der heißen Herdplatte?

Niemand kümmerte sich um sie, die schöne alte Kirche irgendwo hinter Grevenbroich. Aber abwarten. Irgendwann jagt der suchtkranke Mensch bekanntlich noch nach der kleinsten Dosis. Und angeblich liegen Winz-Braunkohleflöze auch bei Bad Godesberg und Beuel.

Mehr von GA BONN