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TV-Talk mit Maybrit Illner: VW-Chef Diess wünscht sich sachlichere Diesel-Debatte

TV-Talk mit Maybrit Illner : VW-Chef Diess wünscht sich sachlichere Diesel-Debatte

Wer zahlt für den Abgas-Skandal, und was kommt auf die Diesel-Fahrer noch zu? In Maybrit Illners ZDF-Talk ging es erneut um das „Diesel-Dilemma“ - eine Diskussion, die für VW-Chef Herbert Diess „zu emotional“ abläuft.

Das Thema

“Wer zahlt für den Diesel-Skandal?”, fragt Maybrit Illner am Abend im ZDF. Sie kritisiert eine "politische Geisterfahrt” und macht den Diesel-Streit zum zweiten Mal in diesem Monat zum Thema - diesmal mit einem Vertreter der Auto-Industrie, der Anfang Oktober fehlte. Noch immer stünden Besitzer von Diesel-Fahrzeugen auf verlorenem Posten, da die Umtauschprämien der Hersteller keinen Ausgleich für den erlittenen Wertverlust böten. Vor den Landtagswahlen in Hessen will Illner von ihren Gästen wissen: Bleibt die Politik Bittsteller gegenüber den Autobauern? Schauen die Hersteller weiter gelassen zu? Wie verfahren ist die Lage für die Verbraucher?

Die Gäste

  • Cerstin Gammelin, Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“
  • Herbert Diess, Vorstandvorsitzender der Volkswagen AG
  • Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramtes, CDU
  • Cem Özdemir, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag, Bündnis 90 / Die Grünen.
  • Matthias Schmitz, Diesel-Auto-Besitzer, Betroffener
  • Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin

Der Frontverlauf

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) wehrt den Vorwurf ab, die Kanzlerin schummle mit den Grenzwerten. Es gehe schlicht darum, die Luft in deutschen Städten sauberer zu machen, das gehe aber auch ohne Fahrverbote. Die Regierung unterstütze die Kommunen daher mit Milliardenprogrammen. Man wünsche sich, dass sich die Konzerne um ihre Kunden kümmerten. Zur Aufgabe der öffentlichem Hand gehöre derweil “Intelligenz in der Verkehrssteuerung”. Man dürfe zugleich das Vertrauen in Dieseltechnologie nicht komplett zerstören.

Für Journalistin Cerstin Gammelin klingt es ein bisschen “wie ein Zaubertick”, wenn man ohne Fahrverbote die Luft verbessern wolle, aber zugleich die Autos nicht ausreichend nachrüste. Sie fordert, den „ökologischen Fussabdruck“ stärker in die Mobilität einzubringen.

Cem Özdemir kritisiert “die bisherige Politik des Wegschauens”. Man verliere bei der endlos erscheinenden Diskussion über Grenzwerte und darüber, wie sie nun eingehalten werden könnten, wertvolle Zeit. “Wie wär’s, wenn wir uns darauf konzentrieren würden, die Technik zu verbessern?” Applaus erntet er auch, als er mehr Investitionen in andere Verkehrsträger fordert.

VW-Konzernchef Herbert Diess möchte die Diskussion um Diesel-Grenzwerte gern sachlicher führen. „Wir sehen da schon Verantwortung für uns, gerade bei Volkswagen“, sagt erin der ZDF-Sendung am Abend und entschuldigt sich für Fehler des Konzerns. „Dennoch halte ich die Diskussion, die wir jetzt führen, für zu emotional.“ VW sei nicht gegen die Hardware-Nachrüstung. Wenn es entsprechende gesetzeskonforme Lösungen gebe, werde VW sich daran beteiligen - „wenn der Kunde es denn auch will“. Allerdings werde VW die Kosten weiterhin nur zu 80 Prozent tragen. Betroffene Dieselfahrzeuge seien nach den Software-Updates zu „100 Prozent gesetzeskonform“.

Matthias Schmitz, der sich für 38.000 Euro einen VW-Tiguan gekauft hat, überzeugt das nach wie vor nicht. Er fürchtet einen Wertverlust von 20.000 Euro. Auch nachdem er mit neuer Software nachgerüstet habe, stoße sein Wagen zu viele Schadstoffe aus. Vom VW-Chef ist er enttäuscht. Er habe sich von Diess “frischeren Wind und eine andere Politik” erhofft.

Der VW-Chef sagt, Fahrzeuge mit der neuen Euro 6D-Temp-Norm seien extrem sauber und unterschieden sich kaum noch von Benzinern. Sein Konzern sei bereit, sich an der umfangreichen Umrüstung betroffener Autos zu beteiligen. Er bezweifle aber, dass damit deren Restwert steige. Er würde Schmitz lieber ein Angebot für einen Tausch zu einem “jungen gebrauchten, mit Euro 6D-Temp-Norm” machen. VW sei “engagiert dabei, das Problem zu lösen”.

Cerstin Gammelin von der Süddeutschen Zeitung erinnert daran, dass viele Fehler der Autoindustrie schon vor mehr als acht Jahren offenbar wurden. Als in der EU bekannt wurde, dass Tests nicht in der Fahrrealität, sondern nur auf dem Prüfstand funktionierten, hätten sich in Brüssel die Experten die Augen gerieben: “Man konnte sich damals einfach nicht vorstellen, dass unsere Autokonzerne, unsere Maschinenbauer mit dem Aushängeschild ‘Made in Germany’ in der Tat so einen Betrug begehen.”

Auch für Cem Özdemir vergeht zu viel Zeit zwischen Problem-Erkennung und Handeln. Dass überhaupt so verschärft über das Problem nachgedacht werde, verdanke man vor allem der Deutschen Umwelthilfe und ihren Klagen. “Warum schmelzen wir das Dieselprivileg nicht jedes Jahr ab und und investieren das Geld in emissionsfreie Mobilität?”, fragt der Vorsitzende des Verkehrsausschusses. Außerdem könne sich die KFZ-Steuer am CO2-Ausstoss orientieren. “Wir verplempern unsere Zeit, indem wir rumdoktoren am Verbrennungsmotor, der auf Dauer keine Zukunft hat.”

Daran, dass es nicht nur um Zahlen und Werte geht, erinnert Claudia Traidl-Hoffmann: “Die Schadstoffe sind sehr gefährlich und machen krank”, so die Professorin für Umweltmedizin. Die Zahl der Herzkreislauf-Erkrankungen sowie der Fälle von Asthma und Allergien seien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Dass heute 40 Prozent aller Europäer Allergiker seien, hänge für sie eindeutig mit Umweltschadstoffen wie Stickoxyden zusammen.

Dieser Text ist zuerst bei RP ONLINE erschienen