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Social Media: Video-Plattform Tiktok verändert die Popmusik

Mischung aus Filmportal und sozialem Netzwerk : Video-Plattform Tiktok verändert die Popmusik

Die erfolgreiche Video-Plattform Tiktok hat einen Einfluss darauf, wie Hits zu klingen haben. Sie ist eine Mischung aus Filmportal und sozialem Netzwerk, ihr Publikum ist ungefähr zwischen 13 und 25 Jahre alt.

Man kommt kaum noch mit, so schnell verändert sich Pop derzeit. In den vergangenen Jahren hat sich so viel getan wie in den zwei Jahrzehnten zuvor nicht. Deutlich wird das, wenn man sich drei beispielhafte Hits hintereinander anhört: In Katy Perrys „Firework“ (2010) dominiert ein mächtiger Refrain, der Song läuft darauf zu, vollendet sich geradezu darin. In „Work“ (2016) von Rihanna gibt es im Grunde gar keinen Refrain mehr, das Stück besteht fast ausschließlich aus Hooks, aus Wörtern, Tonfolgen und Effekten also, an die der Zuhörer seine Aufmerksamkeit wie an einen Haken hängt. Und „Yummy“ (2020) von Justin Bieber besteht nur mehr aus Bass, Beats und Atmosphäre – und ist nach dreieinhalb Minuten vorbei.

Pop bemüht sich, nicht mehr Pop zu sein. Hits sind ruhiger und stiller als noch vor vier Jahren. Texte kommen im Plauderton daher, und sie künden nicht mehr von Ekstase und Euphorie, sondern kreisen um radikal persönliche Erfahrungen, geistige Gesundheit oder weibliche Selbst­ermächtigung. Sie orientieren sich an der Klangästhetik des HipHop, und sie werden immer kürzer. „Old Town Road“ von Lil Nas X, das mit 17 Wochen so lange an der Spitze der US-Charts stand wie kein Lied zuvor, ist schon nach einer Minute und 53 Sekunden zu Ende.

Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist die Kurzvideo-Plattform Tiktok der chinesischen Firma Bytedance. Sie ist eine Mischung aus Filmportal und sozialem Netzwerk, das Publikum ist zwischen 13 und 25 Jahre alt. Tiktok ist so erfolgreich und verbreitet, dass das Portal eine Generation prägt. Tiktok zählt täglich mehr als 150 Millionen Nutzer, allein vier Millionen in Deutschland. Sie ist eine der am meisten heruntergeladenen Apps der Welt, und man könnte sagen, sie wuchs in kürzester Zeit so massiv wie der Pop sich verändert hat. Bei Tiktok laden die Nutzer Filmchen von 15 bis 60 Sekunden Länge hoch, lustige Sachen zumeist wie lippensynchrones Mitsingen von Songs. Die App hat einen Vertrag mit den großen Plattenfirmen. Wer etwas hochladen will, kann aus unendlich vielen Titeln wählen. So bekommt dann auch fast jeder Clip einen Soundtrack.

Songs kommen direkt auf den Punkt

Und der prägt die Musikproduktion wie wenige technische Neuerungen in den vergangenen paar Jahren. Songs, die bei Tiktok erfolgreich sind, kommen direkt zum Punkt. Lange Intros sind ohnehin passé, seit man weiß, dass bei Spotify ein Viertel aller Lieder innerhalb der ersten fünf Sekunden weitergeskippt wird. Tiktok-Songs wirken bewusst unfertig. Teile ihrer Texte lassen sich aus dem Zusammenhang reißen und machen sich gut als Message bei Whatsapp und Bildunterschrift etwa bei Instagram. Und, ganz wichtig: Sie sind verziert mit schrägen Soundeffekten. Tiktok-User spielen mit diesen Effekten. Das kann eine verzerrte Stimme sein, ein Sound, der an Schluckauf oder Rülpsen erinnert, an zersplitterndes Glas, so etwas.

Die englische Zeitung „Guardian“ hat neulich Produzenten gefragt, wie Tiktok ihre Arbeit verändert. Das Producer-Team TMS, das für Ed Sheeran und One Direction gearbeitet hat, antwortete, dass Beats wichtiger seien als je zuvor. Sie müssten interessant klingen, neu. Songs würden heute Geschichten aus dem echten Leben erzählen, und sie müssten gesungen werden, als erzähle man sie nebenbei einer Freundin oder einem Freund. Männer geben sich darin verwundbarer, sie machen Schwächen zum Thema. Und Songs dürfen etwas amateurhaft anmuten, damit Tiktok-Nutzer damit arbeiten könnten, ihn gewissermaßen vollenden. Denn: Musik wird nicht mehr bloß gehört. Musik funktioniert inzwischen am besten als Einladung zur Interaktion. Lieder sollen ein Angebot sein, selbst kreativ zu werden.

Verwegene Beats

Produzenten erlaubt der Trend, experimenteller zu komponieren, verwegenere Beats zu bauen, verrücktere Effekte einzusetzen und Genres zu mixen, die scheinbar nicht zueinanderpassen – wie HipHop und Country im Fall von „Old Town Road“. Richtmaß für Künstler ist Billie Eilish, die nicht mehr nur Sängerin oder Musikerin ist, sondern ein Popstar neuen Typs. Trotz weltweiten Erfolgs wirkt sie wie eine Freundin. Sie erzählt offen von ihren Depressionen, sie animiert Fans auf Konzerten mitzumachen, und sie ruft via Social Media zu veganer Ernährung auf. Sie ist ein 360-Grad-Popstar.

Plattenfirmen suchen sich inzwischen gezielt Tiktoker heraus, die besonders kreativ sind und mehr als 30 000 Follower haben und vermarkten sie. LoveLeo ist ein Beispiel. Der Amerikaner ist 21 und hat gerade den Hit „Boyfren“. Sein Produzent Nick Sylvester erklärte in der „New York Times“, wie der passende Song gesucht wurde. 15 Stücke hat man ausprobiert, aber alle seien irgendwie „zu gut und zu erwachsen“ gewesen: „Sie klangen zu sehr nach Musik.“ Man war ratlos. Erst als ­LoveLeo daheim im Schlafzimmer „Boyfren“ ins Mikro eines einfachen Laptops sang, hatte man den Hit: roh, unpoliert. „Im Grunde wie Punk“, sagt Nick Sylvester. Viraler Punk indes: „Die jungen Leute haben ein Smartphone, und sie haben Lust, damit etwas zu machen.“

Wie Katy Perry klingt heute jedenfalls niemand mehr. Aktuelle Tiktok-Hits sind „Roxanne“ von Arizona Zervas und „The Box“ von Roddy Ricch. Bei Tiktok selbst verdienen Musiker nichts. Durch die verstärkte Nutzung eines Songs auf Tiktok, durch Verschlagwortung über Hashtags und Verlinkung auf Youtube werden sie jedoch ins Bewusstsein der Zielgruppe gebracht.

„Old Town Road“ etwa war ein völlig unbekannter, selbst produzierter Song, als ihn sich ein Schüler auf dem Nachhauseweg im Bus aussuchte und unter sein Video legte. Wenige Monate später war der Titel das meistverkaufte und -gestream­te Stück des Jahres. Der Weg in die Charts führt immer öfter über Tiktok.