Liebesglück im Internet: "So wie du mich willst" neu im Kino

Liebesglück im Internet : "So wie du mich willst" neu im Kino

In Safy Nebbous Film "So wie du mich willst" glänzt vor allem Juliette Binoche als komplexe Frauenfigur. Mit einem Fake-Profil meldet sich Claire bei Facebook unter dem klangvollen Namen Clara Antunès an.

Als geschiedene Frau um die 50 und Mutter zweier pubertierender Söhne fühlt sich Claire (Juliette Binoche) ungeliebt. Sie hat zwar eine Affäre mit dem deutlich jüngeren Ludo (Guillaume Gouix), aber der schaut nur unverbindlich zu gelegentlichen Sex-Dates vorbei und wimmelt sie am Telefon ab, wenn er sich mit Gleichaltrigen vergnügt. Was macht die moderne Frau von heute in einer solchen Situation? Sie sucht ihr Glück online. Mit einem Fake-Profil meldet sich Claire bei Facebook unter dem klangvollen Namen Clara Antunès geboren 1993 an.

Eigentlich will sie nur Ludo näher sein, als sie eine Freundschaftsanfrage an dessen Mitbewohner Alex (François Civil) schickt. Ein paar Likes und Komplimente für das künstlerische Werk und schon hat sie den jungen Fotografen an der Angel. Das grüne Licht, das anzeigt, dass Alex online ist, wird für sie bald zur Droge. Von Chat zu Chat baut sie für sich und Alex eine virtuelle Existenz aus und schickt ihm sogar das Foto ihrer 24-jährigen Nichte als Beleg.

Aus dem Online-Flirt wird eine leidenschaftliche Telefonbeziehung, die Claire zunehmend ihr eigentliches Leben vernachlässigen lässt. Während der Vorlesung schielt die Literaturprofessorin auf ihr Handy. In der Bibliothek telefoniert sie viel zu laut mit ihrem unbekannten Geliebten. Auf dem Kreisverkehr vor der Schule dreht sie ein paar Runden mehr, um mit Alex länger telefonieren zu können, während die Kinder ungläubig am Bordstein warten.

Virtuelle Liebe mit Hindernissen

Natürlich drängt der fernmündliche Liebhaber auf ein Treffen in der realen Welt. Als Claire ihn nicht länger hinhalten kann, eilt sie zur Verabredung am Bahnhof. Aber der junge Mann mit dem Rucksack auf dem Rücken, der direkt vor ihr steht, schaut an ihr vorbei, weil seine Augen nach einem 24-jährigem Phantom suchen. Vollkommen unsichtbar ist Claire für den Mann, der sie zu lieben glaubt, und sie bringt es nicht übers Herz, die Wahrheit ans Licht zu bringen. All das berichtet Claire ihrer neuen Psychologin. Der scheinbar abgegriffene Erzählkniff ist in Safy Nebbous „So wie du mich willst“ weit mehr als eine konventionelle Rahmenhandlung.

Wenn die Ereignisse ins große Liebesdrama münden, verbinden die Therapiesitzungen zwei weitere Erzählebenen, die das Gesehene durch andere Blickwinkel neu bewerten. Die Wahrheit der virtuellen Liebe wird hier mit durchaus eleganten Plotschlenkern sukzessive freigelegt. Der Film nach dem Roman von Camille Laurens spielt erfolgreich mit der Macht der subjektiven Erzählperspektive, ohne in Drehbuch-Hokuspokus zu verfallen. Eigentlich sieht Juliette Binoche viel zu jung und schön für die Rolle der verzweifelten Frau mittleren Alters aus. Aber sie ist in der Lage das perlende Liebesglück ihrer Figur genauso überzeugend darzustellen wie das Gefühl abgrundtiefen Verlassenseins, das Claire mit der virtuellen Affäre zu bekämpfen versucht.

Jede Szene gehört Binoche und die Kamera schenkt ihr mit sorgfältig kadrierten Nahaufnahmen jene unbedingte Aufmerksamkeit und verdiente Liebe, die ihrer Heldin von der sozialen Umgebung verwehrt wird. Dass der Film am Schluss diese Überidentifizierung mit der leidenden Heldin durch komplexe Plot-Enthüllungen selbst zum Thema macht, ist eine besondere Qualität der Erzählung, in der sich Empathie und Analysevermögen schlüssig miteinander verbinden.

Nach dem Science-Fiction „High Life“, der Ensemblekomödie „Zwischen den Zeilen“ und der japanischen Esoterik-Exkursion „Die Blüte des Einklangs“ ist dies schon Binoches vierter Auftritt in diesem Kinojahr. Von einer künstlerischer Midlife-Crisis bleibt die 55-jährige Vollblutschauspielerin offensichtlich gründlich verschont. Ein solch vielfältiges Rollenangebot ist nur wenigen Schauspielerinnen in ihrem Alter vergönnt. Aber Binoche beweist, dass in der schauspielerischen Erfahrung der Schlüssel für interessante, komplexe Frauencharaktere liegt, die gerade durch ihr fortgeschrittenes Alter auf der Leinwand an Attraktivität gewinnen.

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