Marthalers Theater gegen den Rassismus: So ist die Eröffnungsproduktion für die Ruhrtriennale

Marthalers Theater gegen den Rassismus : So ist die Eröffnungsproduktion für die Ruhrtriennale

Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler legt mit der Kreation „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ ein politisch brisantes, aber auch langatmiges Stück für die diesjährige Eröffnung der Ruhrtriennale vor.

In mancherlei Hinsicht ist Christoph Marthalers diesjährige Eröffnungsproduktion für die Ruhrtriennale ein krasser Gegenentwurf zu seinem spektakulären Charles-Ives-Abend „Universe, Incomplete“ im vergangenen Jahr, bei dem es sich um ein im besten Sinne verschwenderisches Stück handelte, das die gesamte Jahrhunderthalle mit zahllosen Musikern, Schauspielern, Tänzern, ganz viel Material und einer Fülle fantastischer Ideen bespielte. Nun wirkt alles reduziert.

Der Schweizer Regisseur, den Stefanie Carp für ihre dreijährige Intendanz als Artiste associé verpflichtet hat, präsentiert eine ungewöhnlich leise, sehr nachdenkliche, zwar politisch hochbrisante, aber auch recht langatmige Produktion, die sich mit den neuen rechten Strömungen in Deutschland und Europa auseinandersetzt.

Ort des Geschehens ist diesmal nicht die Jahrhunderthalle, sondern das Audimax der Ruhr-Universität Bochum, das Herz des ihn umgebenden Beton-Brutalismus, den die Architekten vor mehr als einem halben Jahrhundert als Sinnbild demokratischer Gleichheit entworfen hatten.

Hohenzollern-Europa

In dem Stück „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“, bei dem es sich um eine Weiterentwicklung des acht Jahre alten Marthaler-Stücks „Letzte Tage. Ein Vorabend“ handelt, spielt die Demokratie tatsächlich eine Hauptrolle, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Marthaler und Stefanie Carp, die die Texte geschrieben beziehungsweise collagiert hat, beginnen den pausenlosen zweieinhalbstündigen Abend als eine Parlamentssitzung in der fernen Zukunft des Jahres 2145. Im arenaartigen Oval des Audimax sitzt das Publikum auf der einen Seite, während die elf Politikerdarsteller sich auf die Sitzreihen gegenüber verteilen (Bühne: Duri Bischoff).

Anlass der Zusammenkunft ist das Gedenken an den 200. Jahrestag der Schließung des Konzentrationslagers Mauthausen, das im Parlament des fiktiven „Hohenzollern-Europa“ zugleich mit der Aufnahme des Rassismus als Unesco-Weltkulturerbe gefeiert wird. Es folgen Debatten und Reden zum Thema, teils frei erfunden, teils wörtlich zitiert aus historischen und aktuellen österreichischen und deutschen Sitzungen, aber in ihren rassistischen und antisemitischen Inhalten immer erschreckend. Man hört zum Beispiel eine Rede des einstigen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger vom 26. Mai 1894, die von dem großartigen Josef Ostendorf bedächtig, überlegt und mit warmer Stimme vorgetragen wird. Aber er sagt Sätze, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Ein Beispiel: „Der Abgeordnete Popper hat behauptet, der Antisemitismus wird einmal zugrunde gehen. Gewiss, meine Herren, wird er einmal zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zugrunde gegangen sein wird.“

Das rechtsradikale Gedankengut von Lueger und Co. wird kontrastiert mit Musik, die mehrheitlich von jüdischen Komponisten stammt, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, darunter Pavel Haas, Viktor Ullmann, Józef Koffler oder Erwin Schulhoff. Uli Fussenegger hat sie für ein kleines, sechsköpfiges Instrumentalensemble arrangiert, das seitlich auf einer Tribüne platziert ist. Manchmal lässt auch die wunderbare Tora Augestad ihre Sopranstimme erklingen. Andererseits wird die Musik aber auch sehr klischeehaft eingesetzt, wenn auf der einen Seite die Stücke der verfolgten und ermordeten Komponisten hingebungsvoll und innig gespielt werden, die Ausschnitte aus Wagners „Tannhäuser“ und den „Meistersingern“, die für die Seite der Verfolger stehen, hingegen als akustische Zerrbilder zitiert werden.

Totentanz mit Mendelssohn

Im zweiten, deutlich kürzeren Teil des Abends übernimmt die Musik die Hauptrolle. Marthaler steckt die Darsteller in eine einheitlich helle Garderobe (Kostüme: Sarah Schittek) und lässt sie als anonymes, geisterhaftes Bewegungstheater in den leeren Sitzreihen agieren. Es gibt da berührende, poetische Momente, wenn es an einer Stelle ganz ruhig wird im Oval des Audimax und eine helle Lichtleiste über dem Publikum aufscheint und dazu die unter die Haut gehende Musik für Tonband erklingt, die der italienische Komponist Luigi Nono 1966 in Erinnerung an Auschwitz für Peter Weiss' Drama „Die Ermittlung“ schrieb.

Und ganz zum Schluss ziehen die Darsteller wie in einem Totentanz aus dem Saal, während sie Felix Mendelssohn Bartholdys Chor „Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig“ aus dem „Elias“ intonieren. Die Verse erklingen wie in einer Endlosschleife, in die bald auch die Musiker einstimmen, bis die Musik ganz sanft erstirbt. Das hatte eine emotionale Qualität, die zu selten an diesem insgesamt viel zu redundanten und plakativen Abend zu spüren war. Der Applaus nach der nicht ausverkauften Premiere fiel eher freundlich als begeistert aus.

Weitere Termine: 24., 25., 28., 29., 30., 31. August und 1. September. Karten und Infos gibt es hier

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