CD-Tipp: So ist das neue Album von Keith Jarrett

CD-Tipp : So ist das neue Album von Keith Jarrett

Seit 2017 ist Keith Jarrett nicht mehr aufgetreten. Per CD meldet er sich nun musikalisch zurück. Wir haben schon einmal reingehört.

In Zeiten großer Plagen hat sich die Menschheit stets unter kluge Systeme und helle Sterne gestellt, die ihr aus der Misere heimleuchteten. Vieles hat mit der Ordnungszahl Zwölf zu tun. Denn siehe: zwölf Monate, zwölf Tierkreiszeichen, zwölf Apostel, zwölf Geschworene, zwölf Stämme Israels, die Zwölftonmusik, der Zwölffingerdarm. Nun hat sich auch der Jazzpianist Keith Jarrett an die Zwölf erinnert – an die zweimal zwölf Präludien und Fugen aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ (Band 1).

Kennen wir die nicht von ihm? Hat der Meister nicht vor vielen Jahren die beiden Bände von Bachs Zyklus, dem sozusagen fünften Evangelium, bei seinem Hauslabel ECM veröffentlicht, zur großen Freude seiner Fans und der Jazzwelt überhaupt, die immer ahnte, dass im Bach der Swing steckt, ein oft treibender Rhythmus, eingespannt zwischen Walking Bass und Koloratur?

Das ist lang her. Im Februar 1987 hatte Jarrett sich in New York vor den Steinway gesetzt und die chromatische Welt zwischen C-Dur und h-Moll durchmessen. Einige Jahre später legte Jarrett nach und nahm den zweiten Band des „Wohltemperierten Klaviers“ auf, nun aber auf einem Cembalo. Edles Gezirpe, herrlich gespielt und gewiss auf Augenhöhe mit Cracks wie Gustav Leonhardt oder Bob van Asperen.

Nun bringt ECM wie aus heiterem Himmel einen parallelen Live-Konzertmitschnitt des ersten Bandes heraus und macht seiner eigenen Studio-Aufnahme Konkurrenz. Jarrett gab das Konzert im März 1987 (also einige Tage nach jener Studioaufnahme) in Troy, einer Provinzstadt zwischen Boston und dem Ontario-See. Kleines Publikum, diskrete Stimmung.

Signal von einem schweigenden Planeten

Die CD wirkt wie ein Signal von einem schweigenden Planeten, allerdings ist sie kein Lebenszeichen. Sein letztes Konzert hat Jarrett im Februar 2017 in New York gegeben, seitdem hört man nichts von ihm. Es ist auch kein Konzert geplant. Immerhin hat er den Live-Mitschnitt von damals jetzt freigegeben. Der ist ein großartiges Dokument, aber keine Sensation. Jarrett hat nicht über Nacht vom Studio zur Konzertbühne seine Weltanschauung geändert. Sein Spiel ist wach, offen in alle Richtungen, wenig Pedal, aber nicht abstrakt – ein gereinigter Bach, der auf Ex-treme verzichtet. Das c-Moll-Präludium sitzt nicht im Transrapid, die Cis-Dur-Fuge knistert unter cembalistischer Trockenheit. Die cis-Moll-Fuge klingt, als gleite der Leser eines barocken Gesetzestextes mit vorsichtigen Fingern über die Buchstaben und begreife von Zeile zu Zeile deren immer stärkere Verbindlichkeit. Das D-Dur-Präludium danach ist eine bächleinhafte Etüde, ebenso das G-Dur-Präludium, und die e-Moll-Fuge erinnert bei Jarrett in ihrer linearen, doch sehr modernen Energie an Strawinsky. Pianistisch ist Jarrett im Live-Vollzug auf alleroberster Höhe, in jedem Fall steht er Referenz-Meistern wie Gulda, Gould oder Schiff nicht nach. Nur einmal gibt es einen Aussetzer, nämlich im achten Takt des d-Moll-Präludiums, wo Jarrett fast aus der Kurve fliegt – sich aber grandios berappelt, als sei nichts gewesen.

Dass sich Jarrett derzeit von der Bühne zurückzieht, ist ein Jammer. Nach wie vor ist er der überragende Jazzpianist unserer Zeit, der gewiss große Mitstreiter hat (nennen wir nur Corea, Hancock, Mehldau, Rantala oder Simcock), doch als Ikone des vollständig improvisierten Solokonzerts singulär dasteht. Umso schöner ist es, dass ECM Records kürzlich ein weiteres nicht ganz taufrisches, doch keineswegs betagtes Jarrett-Konzert aus dem Archiv ans Tageslicht geholt hat. Diese Platte heißt „La Fenice“; das Konzert dort, im ehrwürdigen Opernhaus von Venedig, gab Jarrett am 19. Juli 2006.

Abermals handelt es sich um eine enzyklopädische Großtat. Der venezianische Abend bietet acht „Parts“ und vier Standards. Weiter kann sich der Horizont des Jazz nicht öffnen. Hier klingt es aufgekratzt nach Bartók oder Ligeti mit ternären Metren, anderswo lässt George Shearing grüßen. Wer es mit der nackten Brillanz hält, wird glanzvoll bedient durch weitbogige Verläufe, zischende Kurven der rechten Hand. Diese Läufe sind wahrlich sensationell, es sind wieder die reifsten und längsten seit Bill Evans, wenn Jarrett sie sauerstoffreich aus dem Dekanter gießt und in schöne, dem Publikum sogar zuzwinkernde Abgänge münden lässt. Daneben gibt es aber auch einen waschechten, motorisch gehärteten Blues. Überhaupt kommt Jarrett gern in sogenannten modalen Improvisationen zur Ruhe, hier in „Part 3“, in dem im Bass orgeltonmäßig nur ein F liegt, über dem es aggressiv wuchert.

Achts „Parts“ und vier Standards ergeben in der Summe übrigens was?

Neu erschienen: Keith Jarrett: „The Well-Tempered Clavier Book I“ (ECM), „At The Blue Note“ dritte CD (ECM)