Glosse : Sechs LPs für 499 Euro

Die Berliner Philharmoniker sind mit der Digital Concert Hall längst im digitalen Zeitalter angekommen. Ausgerechnet sie haben jetzt die Brahms-Sinfonien mit einer Technik eingespielt, die an alte Schellackzeiten erinnert.

In den frühen Jahren der Schallplatte mussten Musiker im Studio Nerven aus Stahl haben: Jeder Ton, den die Nadel in die wächserne Matrize ritzte, sollte für die Ewigkeit sein. Wenn ein Künstler danebengriff, musste man mit den falschen Tönen leben – oder die Aufnahme wiederholen. Der Pianist Artur Schnabel besaß nach seiner ungestümen Einspielung der „Hammerklaviersonate“ Beethovens die Größe, zu seinen Fehlern zu stehen. Sie zählt trotzdem zu den besten, die wir haben.

Die Berliner Philharmoniker hingegen waren seit Herbert von Karajan immer ganz vorne dabei, wenn es um Perfektion, Klangoptimierung und die Eroberung neuer Techniken ging. Heute veröffentlichen sie ihre Aufnahmen nicht mehr nur als CD, sondern auch in diversen hochauflösenden digitalen Medien in Studioqualität.

In wenigen Tagen allerdings, am 18. November, wollen sie ihre Fans mit einer Neuaufnahme der vier Sinfonien von Johannes Brahms überraschen, auf sechs Schallplatten, hergestellt mit einer Technik, die an die Anfangsjahre des Analogtonträgers erinnert. „Vinyl-Direktschnitt-Verfahren“ nennen sie es. Dazu haben sie während einer Aufführungsserie der vier Sinfonien in der Philharmonie unter Leitung von Sir Simon Rattle im September 2014 ein Mikrofonpaar aufgestellt, von wo aus die Schallwellen direkt in eine Masterfolie geschnitten wurden, die ohne weitere Retuschierung als Vorlage für die Pressung der exklusiven Vinyl-Edition diente.

In Anlehnung an Brahms' Geburtsjahr erscheint sie in 1833 Exemplaren. Das ist so exklusiv wie ein signierter Kunstdruck. Und auch so teuer: 499 Euro muss man für das exklusive Klangerlebnis hinblättern. Wenn man bedenkt, dass man für den Betrag mehr als vier Jahre lang ein Streamingdienst-Abo finanzieren kann, scheint das eine gewagte Geschäftsidee zu sein. Aber das Analoge spricht wohl immer noch mehr die Emotionen an als die kühle digitale Perfektion.

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