"Der Narr und seine Maschine": Neuer Roman von Friedrich Ani mehr als ein Krimi

"Der Narr und seine Maschine" : Neuer Roman von Friedrich Ani mehr als ein Krimi

Friedrich Anis Roman „Der Narr und seine Maschine“ reizt die Grenzen des Kriminalromans kompromisslos und meisterhaft aus. Lesevergnügen ist garantiert.

Ein Mann in der Bahnhofshalle, den kein Zielort auf der Anzeigetafel fasziniert. Einst war er Hauptkommissar in der Vermisstenabteilung, später Detektiv in gleicher Mission, doch irgendwie ist Tabor Süden aus dem Leben gefallen. Schwermütig war Friedrich Anis unheroischer Krimiheld stets, doch seit im 20. Roman „Der einsame Engel“ ein Kollege von Neonazis ermordet wurde, plant er sein eigenes Verschwinden.

Diese existenzielle Einsamkeit verbindet ihn mit einem anderen Mann: Cornelius Hallig. Der träumte früher nachts Schnappschüsse, die dann zu erfolgreichen Krimigeschichten wurden. Heute träumt er nur noch Gespenster: den Vater, der einfach wegging, den Hund, der unters Auto kam, die Mutter, mit der er bis zu deren Tod im Hotel Prinz Ludwig lebte. Auch Cornelius, der Trinker mit dem entzündeten Bein, will verschwinden - dank der Pistole im Koffer nicht nur aus München, sondern aus der Welt.

Südens Ex-Chefin Edith Liebergesell findet ihren besten Spürhund am Bahnhof, und ja, er wird Hallig suchen, seinen verzweifelten Seelenbruder. Melancholisch klangen Anis Romane immer, doch hier sickert der lebensmüde Fatalismus noch tiefer ein als gewohnt. Da blickt Hallig in den Spiegel, und „seine hohe gefurchte Stirn kam ihm vor wie eine bröckelnde Wand, hinter der sich ein schwarzer, ausgebrannter Raum auftat“.

Auch Tabor Süden ist bei dieser Ermittlung beinahe mit seinem Ebenbild konfrontiert, und dass Hallig Krimis schrieb, zieht auch Ani in dieses Spiegelkabinett hinein. Vierter im Bunde ist der amerikanische Autor Cornell Woolrich, dessen düstere Selbsteinschätzung anfangs zitiert wird und diesem Buch den Titel gibt: „Der Narr und seine Maschine“.

Ein Krimi ist dieser Roman nur noch in jenem Sinn, in dem man auch Albert Camus' „Der Fremde“ diesem Genre zurechnen könnte. Wobei da immerhin noch ein Verbrechen geschah. Hier gibt es nur Unglück, messerscharf beschworen im typischen Ani-Sound von schicksalsschwerer Schlichtheit. Spannung verdankt sich somit kaum äußeren Vorgängen, sondern inneren Prozessen.

Das menschliche Drama ist bei diesem 59-jährigen Schriftsteller in den besten Händen. „Werd' ich jetzt auch alt?“, fragt Cornelius mit fünf Jahren seine Mutter, damals schon vom Blitz der Todesgewissheit getroffen. Er und Tabor Süden sind zwei Gezeichnete, mit feinem Gehör für die Moll-Töne der Realität.

Wird der Detektiv seinen „Zwilling“ finden? Und wenn ja – kann er ihn vom Selbstmord abhalten? Da ist er dann eben doch, der Sog der Spannung, und man sollte nur eines verraten: Dieses Ende ist selbst für erfahrene Leser kaum vorherzusehen.

So bleibt es dabei: Neben Jan Costin Wagner reizt niemand die Grenzen des Kriminalromans so kompromisslos und meisterhaft aus wie dieser Autor.

Friedrich Ani:Der Narr und seine Maschine. Roman. Suhrkamp, 143 S., 18 Euro.

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