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Fotoband "Silver Lake Drive": Motive von Alex Prager wirken wie melodramatische Filmstils

Fotoband "Silver Lake Drive" : Motive von Alex Prager wirken wie melodramatische Filmstils

Ein Bildband mit suggestiven Fotografien von Alex Prager: „Silver Lake Drive“. Viele Fotografien der 1979 geborenen Amerikanerin wirken wie melodramatisch aufgeladene Standbilder aus Filmen.

Immer wieder gehetzte Frauen: eine Blondine auf der Flucht wie in Hitchcocks „Die Vögel“, eine Brünette, die sich vor einer unsichtbaren Gefahr ins Meer gerettet hat. Viele Fotografien der 1979 geborenen Amerikanerin Alex Prager wirken wie melodramatisch aufgeladene Standbilder aus Filmen.

Man denkt an die finsteren Albtraumszenarien von David Lynch (es gibt eine nächtliche Unfallszene fast wie in „Wild at Heart“) und bewundert zugleich den Retro-Look der Kostüme und Kleider, der eher an das Glamourkino von Douglas Sirk erinnert. Beim Durchblättern des Bildbands „Silver Lake Drive“ springt automatisch das Kopfkino des Betrachters an, der die Momentaufnahmen zu ganzen Thrillern oder Liebesdramen ergänzt.

Farbe als Stimmungsträger und ein Faible für extreme Perspektiven – beides mag sich die Autodidaktin bei William Eggleston abgeschaut haben. Durch den Besuch seiner Ausstellung im Getty Museum ihrer Heimatstadt Los Angeles wurde Prager über Nacht zur Fotografin. Manche ihrer gespenstischen Szenen könnten auch von Cindy Sherman stammen, und viele der Heroinen – etwa die einsame Rothaarige im sonst leeren Taxi – würden sich wohl auch unter Edward Hoppers „Nighthawks“ wohlfühlen.

In der hier gebotenen Retrospektive der Werke seit 2007 sticht das Kapitel „Compulsion“ mit besonderer Katastrophendrastik hervor: Da liegt eine Frau wie eine abgestürzte Seiltänzerin in Hochspannungsleitungen, voll bekleidete Alltagsmenschen paddeln schiffbrüchig in grünem Wasser, während ein Straßenkreuzer in einer Pfütze auf dem sonst knochentrockenen Highway versinkt. In all diesen Bildern gibt es ein Moment forcierter Fremdheit, das den Schock grotesk bricht.

Ganz anders ihre Serie „Face in the Crowd“ (Gesicht in der Menge), die Menschengruppen an Ampeln, in Kinos oder Theatern zeigt. Stets aus erhöhter Perspektive, die an Überwachungskameras erinnert.

Schnappschüsse? Nein, auch hier liegt über allem ein Hauch von Unwirklichkeit, ein surrealer Schleier, der erst im „Abspann“ des Buchs gelüftet wird: Da sieht man, dass auch die (fast) täuschend echte Strandszene im Studio bis ins letzte Detail eingerichtet wurde. So verwundert es niemanden, dass diese Inszenierungsvirtuosin auch Filme drehte: zunächst das fünfminütige Melodram „Despair“, in dem eine aufgeschreckte Schöne bis zum Fenstersturz getrieben wird. Später das raffinierte Werk „La Grande Sortie“. Darin wagt eine lampenfiebrige Tänzerin nach langer Pause ihr Comeback, entdeckt eine Doppelgängerin im Parkett, verfällt in Panik – und verpufft auf offener Bühne, wo ihr blaues Kleid leer zu Boden sinkt.

Dieses subversive Gleichnis auf Künstler und Publikum kann das Buch zwar nur in Filmstills andeuten, weckt aber auch so eine immense Neugier auf das weitere Schaffen dieser faszinierenden Einzelgängerin.

Alex Prager: Silver Lake Drive. Schirmer/Mosel, 224 S., 48 Euro.