Ausstellung in der Alten Nationalgalerie: Markenzeichen des neuen Paris in Berlin

Ausstellung in der Alten Nationalgalerie : Markenzeichen des neuen Paris in Berlin

Die Alte Nationalgalerie in Berlin würdigt den Künstler und Mäzen Gustave Caillebotte mit einer neuen Ausstellung. Wir geben einen Einblick.

Manchmal genügt schon ein einziges Bild, um eine kleine Ausstellung zu einem Ereignis mit Seltenheitswert zu machen. In der Alten Nationalgalerie von Berlin ist das derzeit der Fall. Soeben zog dort Gustave Caillebottes Hauptwerk „Straße in Paris, Regenwetter“ (1877), eines der Aushängeschilder des Art Institute of Chicago, für vier Monate ein. Mit seinen üppigen Maßen von 212 x 276 Zentimetern wurde es prominent an jenen Platz gesetzt, den sonst Manets ebenfalls monumentales Ölbild „Im Wintergarten“ (1878) einnimmt. Chicago wünschte sich den Wintergarten für seine monografische Schau „Manet and modern Beauty“ (bis 8. September 2019), doch ohne Gegenleistung gab Berlin sein Filetstück nicht her. Die imposante „Straße in Paris, Regenwetter“ war noch nicht oft in Europa und noch niemals in Berlin zu Gast.

Anno 2013 wurde das Bild umfassend restauriert und verströmt nun mit seiner nuancierten, frischen Farbigkeit Magie pur. Das Bild ist gleichsam das Markenzeichen des neuen Paris, das von Baron Haussmann gerade gründlich umgekrempelt wird. Es spielt auf einem sternförmig angelegten, gepflasterten Platz (heute Place de Dublin) in der Nähe des Bahnhofs Saint-Lazare. Lichtreflexe in zahlreichen subtilen Grauabstufungen dominieren, und auf dem Kopfsteinpflaster schimmert das Wasser leicht bleiern. Sensationell ist hier die Bewältigung eines geradezu unlösbar scheinenden formalen Konzepts: ein grüner Laternenpfahl durchschneidet ziemlich genau die Mitte der Komposition.

Während ein lebensgroßes dunkel gekleidetes Paar aus dem Bild heraus zu treten scheint und direkt auf uns zuläuft, saugt der weit geöffnete Raum mit seinen gelblichen Häuserfassaden und ein paar flanierenden Regenschirm-Menschen den Betrachter perspektivisch in sich hinein: Eine Schnappschuss-Situation in Farbe, lange bevor die Fotografie dies leisten konnte – und Caillebottes individueller Weg in die Moderne.

Berühmtes Regenwetter-Bild

Die Schau überrascht mit unbekannten, gezielt ausgewählten Vorarbeiten zu dem Regenwetter-Bild: Bleistift- und Kohlezeichnungen, Ölstudien. Sie stammen aus Privatbesitz und machen den Arbeitsprozess dieses untypischen Impressionisten für uns nachvollziehbar. Während der Impressionismus das Alltägliche, den flüchtigen Augenblick im Zauber wechselnden Lichts thematisiert, scheinen uns Caillebottes Bilder Geschichten zu erzählen, die sorgfältig kalkuliert und konstruiert sind – mit gewagten Motivausschnitten und kühnen, bizarren Perspektiven. Offenbar war er nicht nur als Bootsbauer, der Segeltörns und Regatten liebte, ein genialer Konstrukteur.

Als Maler fand Gustave Caillebotte (1848-1894) erst spät Anerkennung und gilt auch heute noch ein bisschen als Geheimtipp. Sein Ruhm gründet sich auf seine Rolle als Mäzen. Niemand hat sich für Renoir, Monet, Pissarro, Sisley & Co. stärker eingesetzt als er. Immer wieder half er ihnen aus der Klemme, bezahlte ihre Atelier-Miete, kaufte ihnen Bilder ab, finanzierte ihre Ausstellungen.

Als er, erst 46 Jahre alt, verstarb, besaß er 67 Werke, die er als „legs Caillebotte“ dem Staat vermachte, darunter keines von sich selbst. Denn sein Oeuvre von 500 Bildern sah er als Freizeitvergnügen an. Verkaufen wollte er nie, und das hatte er als Erbe eines großen Pariser Vermögens auch nicht nötig.

Erst 1994, zu seinem 100. Geburtstag, widmete ihm Paris im Grand Palais die erste Einzelpräsentation – mit dem Regenwetter-Bild. Ein Großteil seiner Arbeiten befindet sich heute immer noch in Familienbesitz. In deutschen Museen ist Caillebotte nur in Köln mit zwei Bildern vertreten – darunter die „Trocknende Wäsche am Seine-Ufer.“

Bis 15. September. Di bis So 10-18, Do bis 20 Uhr geöffnet. Mo geschlossen. Alte Nationalgalerie, Bodestraße 1-3. Katalog 22 Euro