Sicht der GA-Autoren auf den Popstar: Madonna feiert heute ihren 60. Geburtstag

Sicht der GA-Autoren auf den Popstar : Madonna feiert heute ihren 60. Geburtstag

Madonna ist die erfolgreichste Frau im Musikgeschäft. Am Donnerstag feiert sie ihren 60. Geburtstag. GA-Autoren nähern sich dem Popstar auf persönliche Weise.

Berlin im Februar 2008. Die Filmfestspiele waren im Ausnahmezustand. Madonna stellte ihre erste Regiearbeit bei der Berlinale vor: "Filth And Wisdom". Bei der Pressekonferenz sah sie hinreißend aus, wie von Coco Chanel in Seide verpackt. Ein Traum in Schwarz und Blond. Zunächst erschien sie schüchtern. Das änderte sich schlagartig, als sie ein Bekenntnis formulierte. Natürlich, sagte Madonna, sind wir für unser Leben verantwortlich: "Wir halten unser Schicksal in den Händen. Wir machen uns etwas vor, wenn wir das Gegenteil behaupten." Die Frau, merkte man, ist eine Macherin. Und sie konnte streng sein ("Ruhe!") und angestrengte Reporterfragen rezensieren: "Das war nicht so schlau." Diese Frau ist vollkommen furchtlos, gnadenlos fokussiert und fast schon übermenschlich selbstbewusst. Neben Michael Jackson und Prince die Krönung des Pop-Jahrgangs 1958.

Dietmar Kanthak

Sie ist Domina und Opfer, Sado-Maso-Fantasie und Comicfigur, Madonna ist Girlie und Schlampe, Heilige Johanna und Hexe. Sie habe sich immer wieder neu erfunden, heißt es. Das klingt so einfach, und ist es nicht. Doch ihr ist es sehr oft gelungen - manchmal verkörperte sie alle Figuren in einer einzigen Show. In der Tour zum "Rebel Heart"-Album - ein fulminantes Spätwerk der damals 56-Jährigen - war das so. Ich erlebte einen Rausch von Bildern, Zitaten und Einfällen. Perfekt durchchoreografierte Eindrücke, wie sie nur aus der Madonna-Factory kommen können. Dazu Musik, die direkt ins Blut geht. Pop-Art pur, ein schillerndes, buntes Kunstwerk. Wie klein und anrührend sie doch plötzlich war, diese Queen of Pop inmitten der Mega-Maschinerie der Tänzer und Akrobaten. Einen Moment nur, dann erfand sie sich wieder neu.

Thomas Kliemann

In Bonn gab es Anfang der 80er Jahre eine Neon-Kneipe in der Münsterstraße namens Kontiki. Die hatten einen DJ mit Wurzeln in Myanmar, der ständig in London war und die tollsten Platten mitbrachte. 1982 war es eine Single einer unbekannten Amerikanerin, die im Jahr darauf ein Album herausbrachte, das so etwas wie der Soundtrack der 80er werden sollte. Madonna eroberte uns im Sturm. Wahrscheinlich hing das damit zusammen, dass sie mit einem so sicheren Schlag den Nagel des Zeitgeists traf, dass er in einem Rutsch durch die Herzklappe ging. Es ist die Zeit, in der sich die populäre Musik nicht ganz schlüssig ist, wo sie mit all der Freiheit und den technischen Möglichkeiten hin soll. Michael Jackson bringt auf konsequente Weise "Thriller" raus, Metallica tritt dem Rock mit dem Debütalbum "Kill 'Em All" ordentlich in den Hintern. Aber Madonna drückt mit ihrem schillernden Pop genau das Gefühl dieser Zeit aus. Etwas Gel, etwas harmlosen Punk, ein bisschen Hochglanz-Melancholie. Gerade so viel Rhythmus für cooles Wippen, genug zum ausgelassenen Tanzen. Süß-verrückt halt. So wie wir alle irgendwie waren.

Dylan Cem Akalin

Madonna Louise Ciccone lieferte mit ihren ersten beiden Alben "Madonna" und "Like A Virgin" den Soundtrack zu meiner Studienzeit in den 80er Jahren. Der Titel "Holiday" untermalte nicht nur sonnige Urlaubszeiten, sondern auch harte Klausurphasen, "Material Girl" lief in unserer Mädels-WG in der Bonner Loestraße rauf und runter, brachte uns und unsere Gäste "Into the Groove" und bewahrte uns vor der "Borderline". Selbstbewusst, sexy und verrucht im goldenen Korsett mit Tüten-BH des Mode-Enfant-Terribles Jean Paul Gaultier taugte sie exzellent als "role model" für Geisteswissenschaftlerinnen, denen in ihren kühnsten Träumen trotz eines Studiums, das gemeinhin als brotlose Kunst gehandelt wurde, die große weite Welt offenstand. Und sie ist mit uns erwachsen geworden. Oder wir mit ihr? Wir teilten - "True Blue" - Männererfahrungen und Liebeskummer, wenn es auch nicht bei allen von uns um Sean Penn ging. Politisch hatten wir uns etwas zu sagen, auch wenn Madonna sich mit dem Video zu "Like A Prayer" wohl öffentlichkeitswirksamer gegen Rassismus hervortat. Wir schlüpften in Rollen wie bei "Dick Tracy", trafen "Beautiful Stranger", tanzten und feierten zu "Vogue". Keine Frage, Madonna ist und bleibt eine von uns. Eine, der es immer gelungen ist, am Puls der Zeit zu bleiben, auch wenn sie, das muss leider gesagt werden, weniger eine ganz große Sängerin ist als vielmehr ein ganz großer Star. Eines steht fest: Mit ihr wollen wir alt werden. Sie ist und bleibt eine von uns.

Sylvia Binner

Madonna wird 60 - endlich. Dann scheint die Rente in greifbarer Nähe. Für ihre Fans wäre der Ruhestand der gehypten Gerascophobikerin (Angst vor dem Altwerden) in zweierlei Hinsicht ein Segen, auch wenn viele altgediente Verehrer das nicht wahrhaben wollen: Erstens müssten sie sich keine lächerlich überteuerten Konzerttickets mit Preisen um die 200 Euro mehr andrehen lassen, um einer blondierten Hupfdohle beim Langstrecken-Playback zuzujubeln. Zweitens müssten sie ihrem Idol nicht in Echtzeit beim altersbedingten Verfall zusehen, dem jeder Sterbliche irgendwann zum Opfer fällt. Gut, Cher hat es vorgemacht, wie man sich dank moderner Wissenschaft wie das Fischpräparat eines stolzen Anglers für die Ewigkeit konservieren lässt. Schön ist das aber lange nicht mehr. Über alledem ist Madonna musikalisch überbewertet. Die Hits, die ihr einst Tür und Tor öffneten, hat sie nicht einmal selbst geschrieben, zum Beispiel "Holiday", "Material Girl" und "Like A Virgin". Der Synthie-Pop der Achtziger ist auch nicht auf ihrem Mist gewachsen, ebenso wenig der Look. Und: Ihre Coverversionen sind furchtbar.

So hatte ich meine erste Begegnung mit Madonna im Jahr 2000, als Zwölfjähriger. Im Fernsehen lallte sie ihre grausame Verstümmelung des Don-McLean-Klassikers "American Pie". Dank eines musikbegeisterten Vaters kannte ich seit Kindheitstagen das Original und war deshalb unangenehm überrascht. In dem Song geht es übrigens um den tragischen Tod Buddy Hollys, einem der Wegbereiter des Rock, begnadeten Songwriter und Erfinder des klassischen Band-Lineups. In drei Wochen wäre er 82 geworden - am 7. September hat man also einmal einen Grund, eine echte Legende abzufeiern.

Dennis Sennekamp

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