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Frank Walter-Steinmeier zu Besuch: Kulturaustausch im ehemaligen Exil-Haus von Thomas Mann

Frank Walter-Steinmeier zu Besuch : Kulturaustausch im ehemaligen Exil-Haus von Thomas Mann

In der Villa in Kalifornien verfasste Thomas Mann seine Werke Doktor Faustus und Lotte in Weimar. Nun soll das Haus deutsche Stipendiaten beherbergen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reist eigens dafür an.

1550 San Remo Drive. Pacific Palisades. CA 90272. Kalifornien. In der Nazi-Zeit befand sich hier seit 1942 nicht nur der Zufluchtsort, persönliche Zauberberg und „Genius Loci“ des Schriftstellers Thomas Mann. Sondern auch eine der wichtigsten Außenstellen deutscher Zivilität und Geisteskraft in Amerika. Wie ein trotziger Brückenkopf stand die zweistöckige Villa, in der auch andere Exilanten wie Berthold Brecht, Franz Werfel, Arnold Schönberg, Theodor Adorno, Albert Einstein, Otto Klemperer und Max Horkheimer verkehrten, für kritische Widerständigkeit und Demokratiebewusstsein in schwerer Zeit.

An diese Tradition soll anknüpfen, was Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Montagabend bei seiner ersten USA-Reise seit Amtsantritt im Beisein von 250 Gästen feierlich eröffnen wird. Unter ihnen ist mit Frido Mann auch der Enkel des Schriftstellers, der sechs Jahre seiner Kindheit hier verlebte.

Das "Weiße Haus des Exils"

Das „Weiße Haus des Exils“, wie Steinmeier 2016 zu seiner Zeit als Außenminister sagte und damit erfolgreich den Erwerb der damals von Verkauf und Abriss bedroht gewesenen Immobilie durch die Bundesrepublik Deutschland propagierte, soll als Plattform des Kulturaustausches und der Verständigung dienen. Und so einen Beitrag leisten, um den seit Amtsantritt Donald Trumps ramponierten transatlantischen Dialog zu revitalisieren.

Zu den ersten Stipendiaten, die das für rund 13 Millionen Dollar erstandene und für weitere fünf Millionen Dollar nahezu komplett renovierte Bauhaus-Gebäude des Architekten Julius Ralph Davidson auf Zeit bevölkern werden, gehören der Filme-Macher Burghart Klaußner, die Soziologin Jutta Allmendinger, der Thomas-Mann-Forscher Heinrich Detering und der Mikroelektroniker Yiannos Manoli. Ihnen zugeordnet sind jeweils fachlich passende amerikanische Kapazitäten. Für deren erste gemeinsame Begegnung wird am Montag die knapp zehn Kilometer entfernt liegende (und seit 1995 ebenfalls im Besitz der Bundes stehende) Villa Aurora gewählt, in der einst der Schriftsteller Lion Feuchtwanger mit seiner Frau Marta lebte.

Beide waren langjährige Nachbarn der Manns, die erst 1952 im Lichte der anti-kommunistischen Schnüffel-und-Hetz-Ära von Joseph McCarthy wieder nach Europa zurückkehrten, in einer Enklave, die „Deutsch-Kalifornien“ oder „Weimar am Pazifik“ genannt wurde. Am San Remo Drive, den heute auch Film-Stars wie Diane Keaton oder Tom Hanks als Wohnsitz angeben, hatte Mann die Joseph-Tetralogie beendet und „Doktor Faustus“ sowie „Lotte in Weimar“ geschrieben.

Abseits des Rummels

Hier, hoch oben in den Hügeln der Bucht von Santa Monica, wo Licht und Natur abseits des Rummels von Hollywood mediterranes Flair verströmen, baute er jene 60 wortgewaltigen Radio-Reden an „Deutsche Hörer“ zusammen, die von den Radiowellen der britischen BBC nach Nazi-Deutschland übertragen wurden.

Hier oben lebte der Meister des unverschnörkelten Wortes an der Seite von Gattin Katia und den sechs Kindern sein Widerstands-Credo vor: „Wo ich bin, ist Deutschland.“ Bundespräsident Steinmeier würde zu solchen Vokabeln nie greifen. Er möchte einen Originalschauplatz und Erinnerungsort deutscher Geschichte zum Ankerplatz für konstruktive Gedanken in stürmischen Zeiten machen. Auch mit kleinen Gesten. Weil der von Thomas Mann geliebte Zitronenhain die Jahre nicht überstand, pflanzt der Bundespräsident gemeinsam mit Enkel Frido ein Zitronenbäumchen. Vielleicht folgen auch noch Palmen. Von den sieben Exemplaren, die auf fast allen Fotos von Thomas Mann aus seiner Kalifornien-Zeit zu sehen sind, gibt es an 1550 San Remo Drive nur noch drei.