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150 Jahre "Don Carlos" von Verdi: Ketzer, ein Ballett und eine Perle

150 Jahre "Don Carlos" von Verdi : Ketzer, ein Ballett und eine Perle

Eine Oper für Paris? „Sie scherzen wohl?“, schimpfte Giuseppe Verdi – und fing dann doch an zu komponieren. Vor 150 Jahren hatte der „Don Carlos“ Premiere.

Giuseppe Verdi war zunächst empört über den Vorschlag seines französischen Verlegers Léon Escudier, eine neue Oper für Paris zu schreiben. „Sie scherzen wohl? Für die Opéra komponieren!!!“ Er regt sich auf über die prunksüchtige Frau Meyerbeer, „die ihre Broschen, Armbänder, Medaillons und Tabakdosen zur Schau stellt. Nun wird die Kunst schon zum Bankgeschäft, und entweder man ist Millionär oder man hat keinen Erfolg!“

Obwohl Verdi viele Vorbehalte und Zweifel hatte, willigte er schließlich doch ein, für Paris eine Oper zu schreiben, die dem damaligen Geschmack des verwöhnten Publikums weitgehend entsprach. Aus diesem Entchluss erwuchs „Don Carlos“, heute eines der beliebtesten und am meisten gespielten Werke des Maestro. Heute vor 150 Jahren feierte die Oper Premiere.

Künstlermetropole im 19. Jahrhundert

Wer damals die Karriereleiter ganz bis noch oben besteigen wollte, kam in den 1860er Jahren um Paris nicht herum. Das damals weltweit tonangebende Second Empire hatte seinen machtvollen Höhepunkt erreicht, und Kaiser Napoléon III. protzte mit einer gigantischen Weltausstellung, um seine politische Bedeutung unter Beweis zu stellen.

Verdi hatte schon einige Versuche gemacht, in Paris Fuß zu fassen. Er hatte seine „Lombardi alla prima crociata“ zu „Jérusalem“ umgearbeitet, 1857 aus dem „Trovatore“ den „Le Trouvère“ gemacht und mit „Les Vêpres siciliennes“ (1855) sogar eine Oper ausdrücklich für die französische Hauptstadt komponiert.

Der wirklich große Erfolg aber wollte sich nicht einstellen, obwohl Verdi die von Giacomo Meyerbeer aufgestellten „Regeln“ beachtete. Eine der wichtigsten war die Komposition eines Balletts in der Mitte der Oper, denn die jungen, reichen Vertreter des „Jockey Club“ wollten keineswegs die ganze lange Oper sehen. Sie kamen deutlich später, um sich an den jungen Tänzerinnen im reizvollen Tutu zu ergötzen und um vielleicht ein Schäferstündchen mit einer von ihnen zu arrangieren.

Ein Plädoyer für die Freiheit

Auch in dem am 11. März 1867 uraufgeführten, auf Schillers Drama basierenden „Don Carlos“ gibt es natürlich ein Ballett (das freilich heutzutage nur sehr selten aufgeführt wird). Es ist nach der größten Perle der Welt benannt und heißt „La Pérégrina“. Das Schmuckstück war einst im Besitz von Philipp II., bei der Uraufführung der Oper aber wurde es von Kaiserin Eugénie getragen, der Gemahlin Napoléons III. Diese „Hommage à l'impératrice“ aber verhinderte keineswegs, dass sich die Kaiserin über die kirchenkritischen Passagen in der Oper echauffierte.

In der Tat, das effektvolle Autodafé mit der Hinrichtung der Ketzer und das düstere, brutale Auftreten des Großinquisitors zeigen die katholische Kirche in finsteren Farben. Dass derselbe Verdi nur sechs Jahre später eine wundervolle, tief bewegende Messa da Requiem schreiben würde und am Ende seines Lebens sogar ein Te Deum – wer hätte das zur Zeit des Don Carlos geglaubt?

Friedrich Schiller war seinerseits bereits recht frei mit den historischen Tatsachen umgegangen, hatte keineswegs bedacht, dass König Philipp bei der Eheschließung mit der französischen Prinzessin Elisabeth erst 32, seine Braut 14 und sein Sohn Don Carlos gerade einmal 15 Jahre alt war. Philipp ist also gewiss kein alter, grauhaariger Mann, der sich in einem Anflug von Melancholie nach Liebe sehnt (gerade auf deutschen Bühnen wird er oft so dargestellt).

Auch das Libretto von Joseph Méry und Camille du Locle macht deutlich, dass der König voll im vitalen Leben steht: Schließlich bekennt sich ja die Eboli der Elisabeth gegenüber für schuldig, mit Philipp ein sexuelles Verhältnis gehabt zu haben.

Da Schillers achtzig Jahre vor Verdis Oper entstandenes Schauspiel nicht eigentlich ein historisches Drama, sondern ein Plädoyer für die Freiheit zu Zeiten der absolutistischen Monarchie und eine Verurteilung des intoleranten Katholizismus ist, sind bei ihm ebenso wie bei Verdi Anachronismen und der freie Umgang mit Fakten unvermeidbar.

Der Siegeszug des Don Carlos

Und so ist aus einem lasterhaften, launischen, unberechenbaren Infanten, der hinkte und stotterte und bucklig war, ein ritterlicher, tugendhafter Jüngling voller Ideale geworden, dem man durchaus die kluge Lenkung des gewaltigen spanischen Imperiums zugetraut hätte. „Die Wahrheit nachzubilden mag gut sein“, sagt Verdi, „aber die Wahrheit zu erfinden, ist besser, viel besser.“ Erfunden hat er deswegen auch die „Stimme vom Himmel“ in den Schlusstakten des Autodafé und das fast glückliche Ende der Oper: Don Carlos wird nicht, wie bei Schiller, dem Großinquisitor überstellt, sondern kann bei einem geheimnisvollen Mönch Schutz finden.

Die fünfaktige, sehr lange Originalfassung in französischer Sprache wurde zwar 47 Mal in Paris gespielt, verschwand dann aber für viele Jahrzehnte vom Spielplan. Georges Bizet wetterte: „Verdi will sich wie Wagner gebärden. Das ist zum Davonlaufen – ein vollkommener Schuss in den Ofen!“ Andere Stimmen sprachen von „fatalem Nordwind“ und „germanischem Nebel“, der über die „italienischen Blumen“ gekommen ist.

Wie ungerecht, denn Verdi kannte von Wagner zu jener Zeit nur die Tannhäuser-Ouvertüre, die er „matto“ (verrückt) fand. An dem Pariser Publikum ließ er kein gutes Haar und beklagte dessen anmaßende Überheblichkeit: „Im Foyer der Opéra flüstert man schon nach vier Akkorden “Oh, ce n'est pas bon ... c'est commun ... ce n'est pas de bon goût ... ça n'ira pas à Paris„.“ Und doch: Später, in der vieraktigen italienischen Version, der 1884 erstellten Mailänder Fassung, trat Verdis Don Carlos seinen Siegeszug um die Welt an.