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Traum vom Tauchen: Jennifer Egans neuer Roman "Manhattan Beach"

Traum vom Tauchen : Jennifer Egans neuer Roman "Manhattan Beach"

Jennifer Egans Roman „Manhattan Beach“ legt man nicht so leicht aus der Hand. Ihre Heldin will Taucherin in Marinewerften werden.

Heute ist „Manhattan Beach“, am südlichen Ende von Brooklyn neben dem Vergnügungspark Coney Island gelegen, ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. Am Wochenende strömen die New Yorker gern an die langen Strände, um zu grillen oder mit dem Kindern herumzutoben. Kaum vorstellbar, dass hier einst martialische Kriegsschiffe für ihren Einsatz auf den Weltmeeren im Kampf gegen die Nazis und ihre Welteroberungsfeldzüge beladen wurden.

Die historischen Marinepiers sind das Szenario in Jennifer Egans Roman „Manhattan Beach“, und die Akribie, mit der die amerikanische Pulitzer-Preisträgerin („Der größte Teil der Welt“) die Männerwelt aus Stahl und Wasser auspinselt, ist schon faszinierend genug. Doch mitten in das raue Getümmel aus Tagelöhnern, Matrosen, Glücksspielern und Halunken setzt die Autorin ein fast madonnenhaft wirkendes Mädchen namens Anna.

Anna und ihre Mutter kümmern sich rührend um ihren engelsgleiche behinderte Schwester Lydia, vor allem, nachdem ihr Vater spurlos verschwunden ist. Doch Anna hat einen Traum, der so gar nicht zart und weiblich ist: Sie will unbedingt Taucherin in den Marinewerften werden. Das heißt, einen 100 Kilo schweren Taucheranzug aus Eisen zu tragen mit stahlbeschwerten Schuhen und einer Glasglocke auf den Schultern, die so schwer ist, dass man sie nicht selbst aufsetzen kann. Ein Unding für eine Frau. Wie Anna sich dennoch Achtung erkämpft in der misstrauischen Welt der Machos, diese emanzipatorische Erfolgsgeschichte erzählt Jennifer Egan in charmant altmodischem Ton.

Jahrelange Recherche

Obwohl sie zugibt, selbst nie getaucht zu sein und erst recht keine Ahnung davon zu haben, wie es sich in den 1940er Jahren in den brackigen Gewässern unter den Piers angefühlt haben mag, wirkt die Detailgenauigkeit ihrer Beschreibungen authentisch und entsprechend faszinierend.

Jahrelang hat Jennifer Egan dafür recherchiert, verrät sie im Epilog ihres Romans. In diesem historischen Setting bewegt sich ihre Heldin Anna als moderne Frau: Das macht den leicht anachronistischen Reiz der Geschichte aus, irritiert aber auch. Manchmal passen Innen- und Außenwelt nicht so richtig zusammen. Anders im zweiten Strang der Handlung, in dem Egan dem Schicksal des (vermeintlich) toten Eddie nachspürt, der als Offizier auf einem Kriegsschiff angeheuert hat.

Grandios das opulente literarische Seestück über die Havarie seines Frachters nach einem U-Boot-Angriff, das an die endzeitlichen Meeres-Szenarien etwa in den Bildern des Russen Iwan Aiwasowski erinnert, der als Meister der Marinemalerei des 19. Jahrhunderts gilt. Alles in allem ist „Manhattan Beach“ ein Buch, das man nicht so leicht aus der Hand legt – Belohnung winkt in Form eines klassischen Happy End.

Jennifer Egan: Manhattan Beach. Deutsch von Henning Ahrens, S. Fischer Verlag, 496 S., 22 Euro.