Igor Levit nimmt im Dezember in Bonn den Beethovenpreis entgegen

Bonner Beethovenpreis für Menschenrechte : Igor Levit, ein Musiker mit Haltung

Der Pianist versteht sich als Künstler und politischer Mensch. Im Dezember nimmt er in Bonn den Beethovenpreis für Menschenrechte entgegen

Mit den Schriften Friedrich Schillers war Ludwig van Beethoven vertraut. „Wohlthun, wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen“, notierte der junge, gerade 22-jährige Komponist den „Don Carlos“ zitierend einer Dame namens Theodora Johanna Vocke in Wien ins Stammbuch. Eine Maxime, die auch der Pianist Igor Levit sofort unterschreiben würde. Über den Flügelrand hinauszuschauen, ist längst zu seiner zweiten Natur geworden. Levit ist jemand, der Stellung bezieht und sich aktiv einsetzt für Werte wie Demokratie und Freiheit. Aus diesem Grund verleiht ihm die Bonner Beethoven Academy im Rahmen eines Festkonzerts am 6. Dezember in der Erlöserkirche in Bad Godesberg den Beethoven-Preis  für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion.

Ihn freue diese Auszeichnung sehr, verrät Levit im Gespräch. Gerade auch deshalb, weil es nicht in erster Linie eine Auszeichnung für seine musikalische Leistung ist. Levit: „Der politische Aktivismus spielt in meinem Leben auf allen Ebenen, in der digitalen wie in der analogen Welt, eine nicht geringere Rolle als das Musikerdasein. Für mich bedingt das eine das andere.“

Levit ist einer, der sich einmischt, der leidenschaftlich gegen den um sich greifenden Rechtspopulismus kämpft, gegen das Wiedererstarken faschistischer Ideologien und deren Verharmlosung. Als er im vergangenen Oktober den Echo-Nachfolgepreis „Opus Klassik“ entgegennahm, widmete er ihn den Opfern des rechten Terroranschlags von Halle.  „Nach NSU, nach unzähligen Angriffen auf Moscheen, auf Synagogen, jüdische Friedhöfe, Flüchtlingsheime etc. ist das, was hier passiert ist, keine Überraschung“, sagte Levit bei der Preisverleihung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin. Und ergänzte: „Ich widme meinen Preis all denen, die seit Jahren still oder laut gegen Rechtsextremismus, gegen Antisemitismus, gegen Islamophobie und gegen Antifeminismus kämpfen. All diese Begriffe eint die absolute Menschenverachtung.“

Klare Worte. Gelegentlich kann auch schon mal das Konzertpodium zur Plattform ähnlicher Statements werden. Wie im November 2016, als er vor einem Konzert in Brüssel die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten in einer Ansprache an sein Publikum kritisch kommentierte, oder als Levit bei der Eröffnung der 2017er „Night of the Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall Beethovens „Ode an die Freude“, die Europahymne, als musikalischen Kommentar zum Brexit zum Besten gab.

Während er seine mehr als 30 000 Follower auf Twitter regelmäßig und ganz unmittelbar und ungefiltert darüber informiert, was ihn gerade politisch bewegt, dosiert er das auf den Konzertpodien aber lieber insgesamt sparsamer. Da müsse schon das Wasser in ihm überkochen, sagt er. „Mir ist die Schwierigkeit solcher Auftritte bewusst.“

Levit will aber nicht nur nicht nur Kassandrarufe intonieren, nicht nur Kritik an den politischen Verhältnissen und  Entwicklungen üben, sondern auch selbst mitgestalten. In Hannover, wo der 1987 im russischen Nizhni Nowgorod  geborene Pianist mit acht Jahren eine neue Heimat fand und wo er gerade erst eine Professur an der Musikhochschule übernahm, unterstützte er zuletzt den Oberbürgermeisterkandidaten der Grünen, Belit Onay. Mit Erfolg. Am 10. November wählten sie ihn dort zum ersten grünen Oberbürgermeister in der Geschichte der Stadt. Für Levit ist das Engagement für einen Politiker eine Selbstverständlichkeit. „Was spräche dagegen?“, fragt er, „Die Historie meines Berufes? Ich setze mich gerne für Politiker ein. Da kenne ich keine falsche Scheu.“ Über Onay sagt er: „Er ist der erste, der in einer Stadt, die seit Jahrzehnten von der SPD regiert wurde, die Sprache des 21. Jahrhunderts spricht.“

Mit dieser Haltung ist er auch Seelenverwandter der venezolanischen Pianistin Gabriela Montero, die in Bonn den Beethovenpreis im vergangenen Jahr entgegennahm und ihm diesmal als Schirmherrin verbunden ist. Als sie 2018 mit einem weiteren Preis, nämlich dem des Heidelberger Frühlings, ausgezeichnet wurde, hielt Levit die Laudatio. „Sie ist mir sehr wichtig“, sagt er. „Nicht nur als Musikerin, nicht nur als Aktivistin. Sie ist mir als das wichtig, was ihre Arbeit aus ihr macht, nämlich einen sehr besonderen Menschen: Sie ist empathisch, kümmert sich um andere, sorgt sich um andere, hilft anderen. Sie tut genau das, was Menschen immer tun sollten: für andere Menschen da sein.“

Natürlich stellt der Bonner Beethovenpreis für Levit auch eine schöne Verbindung zu seinem jüngsten Musikprojekt her. Gerade erst hat er seine Gesamteinspielung der 32 Klaviersonaten des Komponisten veröffentlcht. Der bei Sony erschienene Zyklus rangiert derzeit auf Platz zwei der deutschen Klassikcharts, noch vor der Neueinspielung der Sinfonien Beethovens durch Andris Nelsons und den Wiener Philharmonikern.

Doch wenn er die Musik Beethovens spielt, dann zählt für Levit nichts anderes als die Musik. Es sei müßig, in den Sonaten nach Botschaften zu suchen, wie sie in der neunten Sinfonie oder im „Fidelio“ ausdrücklich artikuliert werden, meint er. „Wir wissen um seine Aufrufe. Wir kennen seine Worte. Wir können sie lesen. Das tue ich, und das sollten wir alle tun. Aber ich suche in Beethovens Klaviermusik nicht nach seinem Humanismus. Natürlich ist der Humanismus zweifelsfrei da, weil es nach meiner subjektiven Meinung Musik ist über uns. Es ist ganz einfach ‚Menschenmusik’. Das allein reicht mir schon.“

Und dann ergänzt er noch: „Ich habe in meinem bisherigen Leben so viele Quellen gelesen, wie ich nur konnte. Aber jetzt geht es um das hier und heute. Ich erkläre meinen Aktivismus nicht mit Beethoven.“