Kommentar zum Ende der "Lindenstraße": Hölle des Alltags

Kommentar zum Ende der "Lindenstraße" : Hölle des Alltags

Das Aus der Lindenstraße bedeutet auch das Ende eines großen Stücks deutscher Fernsehgeschichte. Doch die zuletzt immer mehr schwindenden Zuschauerzahlen sind im Fernsehgeschäft eine gnadenlose Bemessungsgrundlage.

Man muss kein Fan der "Lindenstraße" sein, um zunächst einmal schlicht anzuerkennen: Nahezu 35 Jahre Bildschirmpräsenz, wenn denn im März 2020 die Bürgersteige hochgeklappt werden, sind ein beeindruckendes Stück Fernsehgeschichte. Die werden im kurzlebig getakteten Rhythmus der Serienformate künftig kaum mehr zu erreichen sein.

Unstrittig bleibt darüber hinaus, dass Hans und zuletzt auch seine Tochter Hana Geißendörfer lange am Puls der Zeit fühlend produzierten. Aidstod, ein früher schwuler Kuss in einer Vorabendserie, das Abrutschen in die rechtsextreme Szene lieferten reichlich Gesprächsstoff für in Spitzenzeiten bis zu 15 Millionen Zuschauer. Von der Hölle des Alltags mit Alkoholismus, Selbstmord und Spielsucht ganz zu schweigen. Das Münchner Leben aus Köln-Bocklemünd fesselte die einen so sehr, wie es andere kaltließ. Dazwischen gab es wenig.

Nun tragen die Geißendörfers und ihre Getreuen Trauer. Die wird kaum lindern, wenn Volker Herres, Programmdirektor der ARD, der "Lindenstraße" ein "Ikone im deutschen Fernsehen" auf den noch zu errichtenden Grabstein meißelt. Nun sind Ikonen in ihrem Wert schwer zu bemessen, doch die raue Wirklichkeit im Fernsehgeschäft hat ihre eigenen Maßstäbe. Das Verhältnis von Produktionskosten und Quote - zuletzt um die zwei Millionen Menschen - liefert eine gnadenlose Bemessungsgrundlage. Und wo dann noch Sparzwänge hinzukommen, senken sich die Daumen der Verantwortlichen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. So ist sie eben, die Hölle des Alltags.

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