Medienforscher über Berichterstattung: Herkunftsnennung von Tätern hat stark zugenommen

Medienforscher über Berichterstattung : Herkunftsnennung von Tätern hat stark zugenommen

In der Berichterstattung über Gewaltdelikte hat die Nennung der Herkunft der Tatverdächtigen stark zugenommen, sagt der Medienforscher Thomas Hestermann. Genannt werde die Herkunft meist dann, wenn es Ausländer betreffe - und das führe zu einem Zerrbild.

In der Berichterstattung über Gewaltdelikte in deutschen Medien hat die Nennung der Herkunft eines Verdächtigen nach Angaben des Journalismus-Forschers Thomas Hestermann drastisch zugenommen. 2014 habe die Nationalität mutmaßlicher Täter noch kaum eine Rolle gespielt, sagte der Professor der Hochschule Macromedia am Dienstag in Berlin. Die Silvesternacht von Köln beim Jahreswechsel 2015/16 habe alles geändert.

2017 sei in jedem sechsten Fernsehbeitrag über Gewaltdelikte die Herkunft von Verdächtigen genannt worden, 2019 sogar in jedem dritten, erklärte er mit Verweis auf eine eigene Untersuchung der Fernsehberichterstattung. Hestermann, der gleiche Effekte auch bei einer Untersuchung der überregionalen Zeitungen feststellte, sagte, genannt werde die Herkunft meist dann, wenn es Ausländer betreffe.

Er warnte vor einem Zerrbild: 69 Prozent der Gewalttäter 2018 seien Deutsche gewesen, sagte Hestermann unter Berufung auf die Polizeistatistik. Das in Medien gezeichnete Bild sei damit nicht wahrheitsgetreu.

Die Änderung der betreffenden Richtlinie im Pressekodex bezeichnete er als „krasse Fehlentscheidung“. Der Presserat als Selbstkontrollorgan der deutschen Presse hatte im Frühjahr 2017 entschieden, dass die Herkunft genannt werden kann, wenn ein „begründetes öffentliches Interesse“ daran besteht. Vorher galt, dass die Herkunft nur dann genannt werden soll, wenn ein Zusammenhang zur Tat besteht, etwa wenn die Tat nur durch die Nennung der Nationalität erklärbar wird. Die Richtlinie soll vor Diskriminierung schützen.

(epd)