Kritik an Atompolitik: "Hätte lieber unrecht gehabt" - Philosoph Spaemann gestorben

Kritik an Atompolitik : "Hätte lieber unrecht gehabt" - Philosoph Spaemann gestorben

"Glück und Wohlwollen" - so lautete sein Hauptwerk. Doch seine Prognose für die Zukunft der Menschheit fiel alles andere als glücklich und wohlwollend aus: Der Philosoph Robert Spaemann - nun mit 91 Jahren gestorben - hat apokalyptische Mahnungen hinterlassen.

Als das japanische Atomkraftwerk Fukushima 2011 außer Kontrolle geriet, sahen sich nicht nur Umweltschützer und Grünenpolitiker bestätigt. Der Stuttgarter Philosoph Robert Spaemann, ein Wortführer des konservativ-katholischen Denkens, hatte schon in den 70er Jahren die Atompolitik kritisiert.

"Es ist für mich keine schöne Befriedigung, recht gehabt zu haben", sagte er nach der Atomwende der Bundesregierung 2011. "Ich hätte lieber unrecht gehabt."

Immer wieder hat sich Spaemann, der nach Angaben seines Sohns Christian am Montag im Alter von 91 Jahren in Stuttgart starb, in gesellschaftspolitische Debatten eingeschaltet. In den 80er Jahren verteidigte er die Stationierung von Pershing-Raketen in Deutschland. Auch darin sah er sich später historisch bestätigt: "Wenn es schon Atombomben gibt, dann wenigstens als Gleichgewicht der Kräfte und mit wirksamer Abschreckung", sagte er. "Darin hat mir die Geschichte recht gegeben, wie der Fall des Eisernen Vorhangs gezeigt hat."

Spaemann wurde am 5. Mai 1927 in Berlin geboren. Nach dem Tod der Mutter wuchs er als Sohn eines spät zum Priester geweihten Vaters auf. In den 60er Jahren lehrte er an der Universität Stuttgart, anschließend in Heidelberg und bis zu seiner Emeritierung 1992 in München. Sein Hauptwerk lautete "Glück und Wohlwollen" von 1989.

Grundlegend für sein Denken war die Ausrichtung an der Natur, wie sie der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) gelehrt hatte. Jeder natürliche Prozess ist demnach ziel- und zweckgerichtet. Der Mensch setzt sich nicht selbst seine Zwecke, sondern richtet sich nach den Vorgaben, die der Natur eingeschrieben sind.

Modern ist das nicht. Das moderne, freie Subjekt setzt sich seine Zwecke selbst. Kein Wunder also, dass Spaemann oft aneckte. Er protestierte gegen technisches Handeln, das mit eigenen Zwecken in die Natur eingreift. Abtreibung, Sterbehilfe und Gentechnik lehnte er ebenso ab wie ein Adoptionsrecht für Homosexuelle. "In Zeiten, in denen Menschen unterdrückt werden, besinnt man sich immer wieder auf das Naturrecht", sagte er. "Nur in Zeiten der Freiheit gerät das aus dem Blick und man glaubt, man könne positivistisch verfahren."

Spaemanns Berufung auf das Naturrecht gilt philosophisch als fast hoffnungslos überholt, aber theologisch erhielt er im hohen Alter noch Unterstützung von ganz oben: Die Rede, die der damalige Papst Benedikt XVI. im September 2011 im Bundestag hielt, wirkte phasenweise wie von Spaemann abgeschrieben. "Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen", sagte der Papst. "Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren darf."

Anrufer erkundigten sich anschließend bei Spaemann in Stuttgart, ob er dem Papst die Rede geschrieben habe. Wieder so ein Moment, in dem sich der streitbare Denker und gläubige Katholik historisch bestätigt sehen konnte. Schon mit der Wiederzulassung des alten lateinischen Messritus erfüllte sich 2007 eine alte Forderung von ihm.

Überhaupt: Der restaurative Kurs der katholischen Kirche war ganz nach seinem Geschmack. Eine Modernisierung lehnte er ab: "Dass die ganzen Reformvorschläge nicht weiterhelfen, zeigt sich daran, dass es der evangelischen Kirche auch nicht besser geht. Im Gegenteil. Nur eine Kirche, die frömmer wird, wird auch wieder mehr Priesternachwuchs haben."

Die Frage nach Gott hielt Spaemann für philosophisch unerledigt. Was die Zukunft der Welt angeht, war er allerdings pessimistisch, ja sogar apokalyptisch. Im Herbst 2011 mahnte er: "Ob wir die ökologischen Probleme in den Griff bekommen, ist offen. Im biologischen Sinne hat die Menschheit keine große Zukunft. Das Ende kommt als Einbruch von außen, aber es wird von Naturkatastrophen eingeleitet."